„Dilemma ist nicht wegzureden“

Lebenslange Abhängigkeit, wenig Lohn? Werkstatt-Modell in der Kritik

In den Delme-Werkstätten unterhält sich Fabian Pieper (in Rot) von der Kreiszeitung mit (v.l.) Jan Klomburg, Geschäftsführerin Nahid Chirazi, Andreas Schneider, Anne Dommershausen, Bianca Zwicker und Pressesprecherin Ute Stollreiter.
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In den Delme-Werkstätten unterhält sich Fabian Pieper (in Rot) von der Kreiszeitung mit (v.l.) Jan Klomburg, Geschäftsführerin Nahid Chirazi, Andreas Schneider, Anne Dommershausen, Bianca Zwicker und Pressesprecherin Ute Stollreiter.

Menschen mit Behinderungen arbeiten oft in sogenannten Werkstätten. Auch die Delme-Werkstätten funktionieren nach diesem Modell – und stellen sich stellvertretend aufgekommener Kritik.

Landkreis Diepholz – Das Modell der Werkstätten für Menschen mit Behinderungen steht in der Diskussion – und das von höchster Stelle. So übt etwa Katrin Langensiepen, Grünen-Politikerin und Mitglied des Europäischen Parlaments, bereits seit Längerem scharfe Kritik an den Einrichtungen, die hierzulande rund 275.000 Menschen mit Beeinträchtigungen beschäftigen.

Schlechte Bezahlung, keine Vermittlung auf den offenen Arbeitsmarkt und eine lebenslange Abhängigkeit vom Werkstatt-Modell, so lauten einige der Vorwürfe. Auch die Delme-Werkstätten, die größte Einrichtung ihrer Art in der Region, sind damit gemeint.

Delme-Geschäftsführerin nimmt Stellung „Grundlohn von 119 Euro“

Neben Delme-Geschäftsführerin Nahid Chirazi und Pressesprecherin Ute Stollreiter nimmt auch der aus dem Kreis der Beschäftigten gebildete Werkstattrat an einem Pressetermin teil, um Stellung zu nehmen: Jan Klomburg, Andreas Schneider und Bianca Zwicker. Ebenfalls in den Werkstätten angestellt und anwesend ist Anne Dommershausen, Frauenbeauftragte des Betriebs. Sie alle vertreten die Interessen der Beschäftigten. In dieser Zusammensetzung tagt der Rat einmal im Monat.

Und in dieser Besetzung bezieht er auch Stellung. Zentraler Punkt Langensiepens: „Die Werkstattbeschäftigten bekommen für ihre Arbeit ein kleines Taschengeld, oftmals weniger als einen Euro pro Stunde“, schreibt Langensiepen auf ihrer Homepage. Ein Lebensunterhalt könne damit niemals finanziert werden, eine lebenslange Abhängigkeit sei die Folge. Nahid Chirazi erklärt: „Es gibt einen Grundlohn von 119 Euro, dazu aber einen Steigerungsbetrag, der nach bestimmten Kriterien errechnet und ausgezahlt wird.“ Dieser Betrag könne „durchaus bis 600 Euro im Monat betragen“. Hinzu kommen weitere Leistungen des Staates. Durch Förderungsmaßnahmen verkürze sich zudem die Arbeitszeit eines Beschäftigten, was den Stundenlohn steigen lasse. Doch der Kritik entziehe man sich nicht komplett: „Es gibt sie auch aus unseren Reihen. Wir müssen unseren Lohn selber erwirtschaften.“

Langensiepen: Fähige Arbeitskräfte werden Arbeitsmarkt vorenthalten

Dies führt zu einem weiteren Punkt Katrin Langensiepens, den auch Katrin Kurtz, Vorsitzende des Kreisbehindertenbeirats Diepholz, ausführt: So hätten Werkstätten für Menschen mit Behinderungen kein Interesse daran, ihre produktivsten Arbeitskräfte abzugeben – ein Argument, dem Ute Stollreiter entschieden entgegentritt: So fließe „viel Zeit und Mühe hinein, Beschäftigte zu vermitteln, doch die Hürden dahin sind sehr hoch. Das fängt schon beim Arbeitsweg an.“

Auch die Geschäftsführerin wehrt sich: „Beschäftigte haben hier die lebenslange Möglichkeit, es auf dem offenen Arbeitsmarkt zu versuchen. Allerdings muss die Politik sich aufstellen, um Menschen mit Behinderungen in solchen Betrieben zu unterstützen.“

Zudem sei es in ihren Augen ein Widerspruch, wenn erwarte werde, dass Werkstätten mehr Lohn auszahlen, gleichzeitig aber produktive Leute abgeben sollen: „Das muss politisch aufgedröselt werden, das Dilemma ist nicht wegzureden.“

„Man kommt schwer in die anderen Betriebe hinein“

Dass nicht mal ein Prozent der Werkstatt-Beschäftigten den Sprung auf den offenen Arbeitsmarkt schafft, ist ein weiterer Kritikpunkt Langensiepens. In den Delme-Werkstätten wagten im Jahr 2019 fünf Beschäftigte erfolgreich den Einstieg in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung – gerade einmal knapp mehr als 0,3 Prozent. Für Andreas Schneider liegen die Probleme nicht bei den Werkstätten: „Man kommt schwer in die anderen Betriebe hinein.“ Zudem habe es schlechte Erfahrungen gegeben: „Ich habe gemerkt, dass das nichts für mich ist“, sagt Bianca Zwicker, „Auch andere Kollegen haben erfahren, dass man als Mensch mit Behinderung dort unfair behandelt wird.“ – „Wie ein Auto, das immer 20 fährt und plötzlich 100 fahren soll“, ergänzt Andreas Schneider. Und auch Andrea Dommershausen habe „mehrere Versuche“ unternommen. Entsprechend sei die Lust auf eine Beschäftigung außerhalb der Werkstätten bei vielen Beschäftigten gering.

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Beschäftigte in einer Werkstatt befinden sich übrigens in einem arbeitnehmerähnlichen Verhältnis. Das hat zur Folge, dass sie praktisch unkündbar sind, eine Rentenabsicherung besitzen und berufliche Ausbildungsmaßnahmen annehmen können, „damit sie sich entwickeln können“, erklärt Chirazi. Noch ein Vorteil: Bereits nach 20 Jahren erhalten die Beschäftigten eine Rente, die sich auf Grundlage des monatlichen durchschnittlichen Einkommens berechnet.

Und in einer Sache sind sich die Anwesenden einig: „Ich fühle mich hier wohl“, sagt Jan Klomburg, Bianca Zwicker schiebt nach: „Ich bin fast 30 Jahre hier, und solange ich das noch kann, werde ich das auch weiterhin tun.“ Und auch die Geschäftsführerin betont: „Wir sind hier der inklusivste Arbeitsmarkt. Der Rechtsanspruch auf eine sinnhafte Arbeit ist sehr schützenwert“, sagt Nahid Chirazi. Kritik sei immer hilfreich, wenn sie in etwas Verändertem münde. „Ich glaube, dass es unterschiedliche Arbeitsformen für Menschen mit Behinderungen braucht – und unsere Werkstätten sind ein Teil davon.“

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