Wo Göttin Minerva Alexander den Großen trifft

Das Kleinod auf dem Hügel: Das Stift Bassum

+
Die Stiftskirche ragt über die Abtei und den Häusern der Stiftsdamen hinweg.

Wie passt das denn? Ein Bild der römischen Göttin Minerva in einem Abteigebäude, der Residenz der Äbtissin? „Damit wird Bildung ausgedrückt und gezeigt: ,Wir sind im weltlichen Leben zuhause’“, erklärt Isabell von Kameke. Die Äbtissin steht im Kapitalsaal des Stifts Bassum, der niedersachsenweit einzigartig ist. Die Wände sind mit Tapeten aus Rupfenstoff bespannt und mit spätbarocken sowie klassizistischen Elementen in den Tönen Rosa und Grau gestaltet. Der Betrachter verrenkt sich staunend den Kopf, um die vielen Bilder betrachten zu können, die unter anderem die vier Jahreszeiten darstellen.

Der Saal dient heute nicht nur als Versammlunmgsraum für Stifts-Anlässe, sondern wird auch für standesamtliche Eheschließungen, Kammermusik und andere Veranstaltungen, wie Seminartage, Vorträge oder Symposien genutzt.

Die Abtei ist so anders, als man sich eine Einrichtung vorstellt, in die junge Mädchen gegeben wurden, um sie im christlichen Glauben zu erziehen. Von Kameke lächelt wissend. Sie kennt das schon. Wenn sie Besuchern das Stift vorstellt, das 858 gegründet worden sein soll, beißen sich häufig die Vorstellungen der Gäste mit dem, was sie tatsächlich vorfinden.

Isabell von Kameke ist derzeit die einzige Frau, die auf dem Stiftshügel lebt.

„Sie erwarten eine Art Klosterleben, Frauen in langen Gewändern und Kunstschätze“, so von Kameke. Doch das Kleinod auf dem Stiftshügel in Bassum ist kein Kloster – und hat sich mit Händen und Füßen dagegen gesträubt, eins zu werden. „Wir wollten uns unsere Selbstständigkeit vor der Kirche und Welt bewahren“, sagt von Kameke. Und das mit Erfolg.

Als einziges Stift im Bereich der Landeskirche Hannover wird dort die Wahl der Äbtissin ohne Landeskommissar abgehalten. Die Äbtissin ist zwar die Geschäftsführerin, hat jedoch im Vergleich zu einem Kloster eine eher schwache Stellung. So darf sie vieles nicht allein entscheiden, wie der Kauf und Verkauf von Land.

Der Kapitelsaal ist in den Farben Grau und Rosa gehalten...

Die Frauen schliefen nicht alle in einem Gemeinschaftssaal, sondern in eigenen Häusern, die mit dem Vermögen ihrer Familie erbaut wurden. „Es waren Damen, die 16 adelige Vorfahren am Stück nachweisen und ledig sein mussten, um aufgenommen zu werden“, weiß von Kameke. Manche blieben für immer im Stift. Andere gingen wieder und heirateten. „Wenn die Frauen wegzogen oder verstarben, verblieb ihr Besitz und das, was sie in ihrer Zeit im Stift geschaffen hatten – vielleicht schöne Wandteppiche oder Bücher – nicht im Stift, sondern ging an ihre Familie. Deswegen haben wir auch wenig Kunstschätze zum Vorzeigen.“ Das Inventar des Stifts ging während der Belagerung durch Napoleons Truppen verloren.

Doch der eine oder andere Schatz hat sich in die heutige Zeit hinübergerettet, „sowie unser Alexander“, sagt von Kameke. Damit ist ein Antependium gemeint – ein Altarbehang – aus dem 13. Jahrhundert. Es ist eine venezianische Arbeit und zeigt die Luftfahrt Alexanders des Großen nach einer Legende von Ulrich von Etzenbach.

Von Kameke betritt das angrenzende Kanonikuszimmer. Hier herrscht an den Wänden die Farbe Gelb statt Rosa – „extra für die Herren, denen wollte man wohl Rosa nicht zumuten“, sagt die Äbtissin schmunzelnd. Die Kanonika waren die Berater des Stifts. Der heutige Erste Kanonikus ist der Erste Kreisrat, Wolfram van Lessen. Ihn kann von Kameke immer kontaktieren, wenn sie beispielsweise juristische Fragen hat.

... während im Kanonika-Zimmer das Gelb vorherrscht.

Bei einem Blick aus dem Fenster fällt der Blick auf die alte Stiftskirche, die sich über die Abtei erhebt. „Viele denken immer noch, dass sie zum Stift dazu gehört, aber das tut sie schon seit 1932 nicht mehr.“ Der angrenzende Stiftsgarten ist für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Anders der idyllische Stiftspark, der vor Kurzem zum Reisegarten umgestaltet und neu belebt wurde.

Der Stiftshof ist von hübschen Fachwerkhäusern umgeben, die Häuser der Stiftsdamen. Seit die Residenzpflicht abgeschafft worden ist, leben nur noch selten Frauen auf dem Stiftshügel. Von den aktuellen sieben Frauen lebt derzeit nur eine hier: Isabell von Kameke. Traurig ist sie nicht darum. Das älteste bestehende Stift in Deutschland ist für die Frau, die vor zehn Jahren herzog, der schönste Ort in Bassum, der sie schon bei ihrem ersten Besuch faszinierte.

Aber auch den Ort hat sie ins Herz geschlossen. „Ich wurde hier sehr freundlich aufgenommen, die Leute sind sehr unkompliziert“, so von Kameke. „Bassum ist ein lebenswerter Ort, der sowohl Natur als auch Kultur bietet. Man lebt nicht so anonym nebeneinander her und hat eigentlich alles, was man braucht, in der Nähe.“

Für die Zukunft wünscht sie Bassum, dass die Neugestaltung der Sulinger Straße und des Naturbades gelingt. Und für das Stift würde sie sich über Verstärkung freuen. Adelige Vorfahren muss heute keine Frau mehr nachweisen, die eintreten will. „Viel wichtiger ist mir, dass die Frau die Einrichtung und der Ort wichtig ist und sie eine Beziehung zu beidem hat.“

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Lewandowski und Müller führen Bayern zu Zittersieg in Piräus

Lewandowski und Müller führen Bayern zu Zittersieg in Piräus

Leverkusen in Königsklasse vor dem Aus: Atlético zu clever

Leverkusen in Königsklasse vor dem Aus: Atlético zu clever

Großübung von Polizei und Rettungsdienst an BBS in Dauelsen

Großübung von Polizei und Rettungsdienst an BBS in Dauelsen

SPD beklagt Kramp-Karrenbauers Alleingang bei Syrien-Vorstoß

SPD beklagt Kramp-Karrenbauers Alleingang bei Syrien-Vorstoß

Meistgelesene Artikel

Interesse am Sport für das Herz

Interesse am Sport für das Herz

Hildegard Schubert aus Barnstorf vollendet ihr 100. Lebensjahr

Hildegard Schubert aus Barnstorf vollendet ihr 100. Lebensjahr

„Das kann niemand kriegen außer die HSG“

„Das kann niemand kriegen außer die HSG“

„Zuhause, Ruheoase, Urlaubsparadies“: Hüde ist mehr als ein Siedlungsname

„Zuhause, Ruheoase, Urlaubsparadies“: Hüde ist mehr als ein Siedlungsname

Kommentare