„Öffentlich erniedrigt und gedemütigt“

Kinder am Internetpranger: Elsbeth Ruholl über Erziehungsvideos

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„Mama lässt uns laufen“: Das Schild soll die Kinder demütigen.

Bassum - In Virginia lässt ein Vater seinen zehnjährigen Sohn im strömenden Regen zur Schule laufen und filmt ihn dabei. Grund: Der Junge hat einen Mitschüler gemobbt. Im südkanadischen Harrow hat eine Mutter ihre Kinder mit Schilder zur Schule laufen lassen, auf denen stand: „Wir waren böse und frech zu unserem Busfahrer.“ Beide Eltern stellten die Videos ins Netz. Elsbeth Ruholl, Leiterin des Familienzentrums der Stadt Bassum, sagt, wie sie darüber denkt. Die Fragen stellte Julia Kreykenbohm.

Frau Ruholl, was halten Sie von solch öffentlichen Erziehungsmethoden?

Elsbeth Ruholl: Zum einen sollte man immer daran denken, dass das Internet niemals vergisst. Dass Dinge, die wir hochladen, uns mitunter lange verfolgen können, beispielsweise, wenn wir uns um einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz bewerben. In beiden Konfliktsituationen geht es unter anderem um ein respektvolles Miteinander. Man muss sich fragen, wie ein Kind respektvollen Umgang lernen soll, wenn mit ihm nicht respektvoll umgegangen, sondern es öffentlich erniedrigt und gedemütigt wird. Ich sehe da einfach den Mehrwert nicht. Soziales Verhalten und ein gutes Miteinander sind ein Lernprozess und auch ein Austarieren unterschiedlicher Bedürfnisse. Kinder dürfen Fehler machen und sollten die Konsequenzen ihres Handelns erleben. Ein respektvoller Umgang hilft, die Situation zu verstehen und aus den Fehlern zu lernen.

Elsbeth Ruholl

Was können die Folgen für ein Kind sein, wenn es so vorgeführt wird?

Ruholl: Das ist schwer zu sagen, hier spielt die Gesamtsituation eine Rolle und wir betrachten ja nur einen Ausschnitt. Vermutlich jeder hat schon mal erfahren, wie es sich anfühlt, schlecht behandelt oder vorgeführt werden. Ich fühle mich vielleicht ausgeliefert und ohnmächtig, manche reagieren verunsichert und ängstlich, andere macht es wütend. Es beschädigt das Selbstwertgefühl. Passiert das oft und immer wieder, behindert das ein gesundes Aufwachsen. Selbstvertrauen ist notwendig, um Neues auszuprobieren und auch schwierige Situationen zu meistern. Kinder probieren sich aus, testen ihre Grenzen, und Erwachsene bieten ihnen hier Leitplanken und sind auch Vorbilder. Kinder sollten in einem geschützten Rahmen lernen dürfen!

Können Sie die Eltern gar nicht verstehen?

Ruholl: Ich kann die Eltern schon verstehen. Eltern möchten, dass ihre Kinder sich gut entwickeln. Läuft bei einem Kind etwas schief, wird sofort gefragt, was denn im Elternhaus los ist. Das setzt unter Druck. Es gibt durchaus Erziehungssituationen, die Eltern überfordern und ratlos machen. Wenn man feststellt, dass das eigene Kind andere Kinder mobbt, sind Eltern darüber durchaus verzweifelt und machen sich große Sorgen, das da eine Entwicklung ganz schief läuft. Da reagiert man auch schon mal über und versucht die Reißleine zu ziehen. Wichtig ist, dass ein Kind die Konsequenzen aus seinem Verhalten erfährt, dass es den Zusammenhang zwischen seinem Handeln und der Wirkung versteht.

Insofern ist die Idee der Mutter, ihre Kinder laufen zu lassen, weil diese aufgrund ihres schlechten Benehmens vom Busfahrer nicht mehr mitgenommen werden, gar nicht so falsch?

Ruholl: Ja. Das ist eine gute Möglichkeit. Die Kinder bekommen direkt die Konsequenz aus ihrem Verhalten zu spüren und, was gut ist, sie bekommen eine zweite Chance. Auch hier halte ich das Filmen und ins Netz stellen für unangemessen. Eine andere gute Möglichkeit wäre gewesen, mit den Kindern zum Busfahrer zu gehen, damit sie sich entschuldigen. Die Kinder erleben so, dass sie eine Situation auch selbst wieder klären können.

Und bei dem Vater des mobbenden Jungen?

Ruholl: Da frage ich mich: Was lernt das Kind aus der Situation? Ob es daraus etwas positives für sich mitnimmt, ist fraglich. Zwar sagt der Vater, dass sein Sohn sich nun besser benimmt, aber man weiß nicht, ob er es tut, weil er begriffen hat, dass er sich falsch verhalten hat oder einfach nur nicht mehr bestraft werden will. Es geht doch auch darum, für zukünftige Situationen angemessene Verhaltensmuster zu erlernen! Ich hoffe, dass zwischen Vater und Sohn und den anderen Beteiligten Gespräche stattfinden, die einen anderen Umgang miteinander einleiten.

Was raten Sie Eltern in ähnlichen Situationen?

Ruholl: Nach meiner Erfahrung ist der erste wichtigste Schritt zu versuchen, die Situation zu verstehen, was passiert da gerade. Eltern sollten mit ihren Kindern reden, ihnen zuhören, fragen, was los ist. Manchmal stellen sich dann Situationen ganz anders dar als zuerst angenommen. Kinder brauchen die Unterstützung und Begleitung der Erwachsenen, solche Probleme zu lösen. Eine Mobbingsituation ist oft sehr komplex und nicht immer so einfach zu lösen. Manchmal ist es sinnvoll, Hilfe von außen in Anspruch zu nehmen. Ein Berater oder eine Beraterin kann helfen, die verschiedenen Facetten zur Lösung des Konflikts im Blick zu behalten.

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