Maßnahme gegen Steuerbetrug

Ärger über Bon-Pflicht am Bäcker-Tresen: Mehr Transparenz heißt auch mehr Müll und Kosten

+
Rund 60 Bäcker haben am Mittwoch vor dem Landtag in Hannover gegen die Bon-Pflicht und Bürokratie-Irrsinn demonstriert.

Ab 2020 werden Kassenzettel in Deutschland zur Pflicht - weil dadurch Steuerbetrüger überführt werden sollen. Gegen diese Änderung gibt es breiten Protest, unter anderem von den Bäckern in Niedersachsen. Ein Beispiel aus Bassum macht den Ärger deutlich.

  • Kasselzettel sind ab 2020 in Deutschland überall vorgeschrieben
  • Handel erwartet mehr Müll, mehr Arbeit und mehr Kosten
  • Bäcker protestieren am Mittwoch in Hannover

Update, 11. Dezember: Bernd Althusmann, Niedersachsens Wirtschaftsminister, kritisiert die Kassenbon-Pflicht für Bäckereien. „Die Bäckereien können die Kunden nicht verpflichten, den Bon anzunehmen“, erklärt Althusmann. Aufwand und Nutzen stünden dabei in keinem Verhältnis. Inzwischen hat Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier die Überprüfung der Kassenbon-Pflicht angekündigt. (jdw)

Ärger über Kassenbon-Pflicht am Bäcker-Tresen

Erstmeldung, 20. November: Ein Besuch in einer Bäckerei 2019. Der Kunde kauft ein Brötchen, einen Kaffee und einen Kuchen. Brötchen und Kaffee genießt er in der Sitzecke des Geschäfts, den Kuchen nimmt er mit. Die Verkäuferin hat zwei Kassenbons: einen für die Ware, die vor Ort verzehrt wurde, einen für die Ware, die mit nach Hause geht.

Sie fragt den Kunden, ob er die Bons braucht. Der winkt ab. Immerhin hat er einen Teil des Gekauften bereits im Magen, kann ihn also ohnehin schlecht umtauschen. Und was den Kuchen betrifft, vertraut er seinem Bäcker, dass er schmecken wird. Weil das sehr häufig der Fall ist, druckt die Verkäuferin die Bons nur noch aus, wenn der Kunde darum bittet. So wird Papier gespart.

Eine Salzbrezel, ein Kassenbon. Das wird 2020 in Deutschland Realität und verärgert nicht nur die Bäcker.

Ein Besuch in einer Bäckerei 2020. Der Kunde genießt wieder Kaffee und Brötchen im Geschäft und nimmt den Kuchen mit. Doch diesmal drückt die Verkäuferin ihm an der Kasse die Bons in die Hand, ganz gleich ob der Kunde sie haben möchte oder nicht. Denn ab 2020 ist das gesetzlich vorgeschrieben. Die Folge: Die meisten Kassenbons werden noch vor dem Verlassen des Geschäfts im Müll landen. Und zwar im richtigen Müll, denn „das ist Thermopapier und kann nicht ins Altpapier“, erklärt Susanne Meyer von der Bäckerei Georg Meyer aus Bassum, die insgesamt sechs Filialen hat.

Bon-Pflicht: Müll, Arbeit und Kosten für die Bäcker

Die Folge: Viel mehr Müll, zusätzliche Arbeit und auch Kosten für die Bäcker. Doch nicht nur sie sind betroffen, sondern jeder, der etwas verkauft oder Dienstleistungen gegen Geld anbietet. Wer keine elektronische Kasse führt, muss jede Transaktion für das Finanzamt manuell so erfassen, dass sie nachvollziehbar ist.

„Bisher kommen wir mit einer Kassenrolle pro Woche aus. Künftig werden wir sie wohl täglich wechseln müssen“, schätzt Meyer. Besonders skurril mutet diese neue Verordnung vor dem Hintergrund an, dass sich viele Bäcker bemühen, im Sinne der Nachhaltigkeit etwas zu tun. „Wir verkaufen beispielsweise eigene Becher, für die die Kunden zwei Kaffee gratis bekommen oder bieten ihnen an, ihre Becher von Zuhause hier auffüllen zu lassen. Zudem regen wir an, das Brot lieber in Papier wickeln zu lassen, statt in Plastikfolie“, so Meyer.

Bundesregierung will Steuerbetrug eindämmen

Und jetzt die neue Verordnung mit den Bons. Die Bundesregierung möchte durch sie den Steuerbetrug eindämmen. Meyer sieht das skeptisch. „Wir werden ja ohnehin regelmäßig vom Finanzamt kontrolliert. Wer soll uns denn mithilfe der Bons überwachen? Die Kunden? Ich bezweifle, dass die nach dem Einkauf jedes Mal auf den Bon schauen, ob korrekt abgerechnet wurde.“

Mit dem neuen Aufdruck auf den Brötchentüten machen Bäckerei Meyer und 450 weitere Filialen klar: Wir haben genug!

Hintergrund ist die Umsatzsteuer. Wenn Kunden etwas im Geschäft verzehren, bedeutet das 19 Prozent Umsatzsteuer, wenn sie die Ware mit nach Hause nehmen, werden sieben Prozent für das Geschäft fällig. Deswegen hätten auch schon einige Bäcker die Preise für Lebensmittel, die vor Ort gegessen werden, erhöht. „Wir machen das noch nicht, aber vielleicht wird es in Zukunft dazu kommen“, erläutert Meyer.

Bürokratie kostet Bäcker Meyer 4251 Stunden im Jahr

Als sie das erste Mal von der neuen Bon-Pflicht hörte, sei sie irritiert gewesen. Doch im Grunde ist das Gesetz nur eine weitere Stufe auf der langen Leiter der Verordnungen, mit denen die Bäckereien in der Vergangenheit überzogen wurden. Und von denen viele Betriebe die Nase gestrichen voll haben. „Wir haben immens viel Bürokratie zu bewältigen. Es gibt unter anderem Verordnungen zu Verpackungen, Datenschutz, Hygiene und vieles mehr. Insgesamt kostet uns das 4251 Stunden im Jahr – das sind zwei Vollzeitstellen“, so Meyer. „Entweder zweigen wir das von unserer Freizeit ab – was schwer ist, denn eigentlich hat ein Bäcker schon eine Sieben-Tage-Woche. Außerdem würden wir die Zeit lieber nutzen, um uns beispielsweise Gedanken über neue Angebote zu machen. Oder wir stellen neue Leute ein, was Geld kostet.

Versuche, auf Kreis- und Landtagsabgeordnete einzuwirken, hätten nicht den gewünschten Erfolg gebracht. „Wir haben eben keine große Lobby.“ Darum macht Meyer mit etwa 450 weiteren Betrieben im Land seit Dienstag mit einem besonderen Aufdruck auf ihren Verkaufstüten auf die schwierige Situation der Bäcker aufmerksam. 1,2 Millionen Brötchentüten hat die Innung zu diesem Zweck drucken lassen.

Zudem gab es Mittwoch ab 8 Uhr eine Protestaktion der niedersächsischen Bäcker vor dem Landtag in Hannover. Rund 60 Bäcker demonstrierten dort. Ob es etwas nützt, bleibt abzuwarten. „Vielleicht wird ja zumindest die neue Bon-Verordnung wieder rückgängig gemacht“, hofft Meyer.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Trotz Heimpleite: Frankfurt zieht in K.o.-Runde ein

Trotz Heimpleite: Frankfurt zieht in K.o.-Runde ein

US-Sanktionen gegen Ostsee-Pipeline Nord Stream 2

US-Sanktionen gegen Ostsee-Pipeline Nord Stream 2

Wir sind die Generation Sandwich, na und?

Wir sind die Generation Sandwich, na und?

Weihnachtsgeschenke gekonnt loswerden

Weihnachtsgeschenke gekonnt loswerden

Meistgelesene Artikel

Kartoffelkrebs grassiert in Barnstorf: Pilzsporen geraten in Kanalisation

Kartoffelkrebs grassiert in Barnstorf: Pilzsporen geraten in Kanalisation

Polizei stoppt Auto wegen kaputtem Bremslicht - am Ende gibt es zwei Strafverfahren

Polizei stoppt Auto wegen kaputtem Bremslicht - am Ende gibt es zwei Strafverfahren

Schikane in Borstel: Bürgermeister weist von Ratsherr gestiftete Bank zurück

Schikane in Borstel: Bürgermeister weist von Ratsherr gestiftete Bank zurück

Bassumer Ehepaar postet 10.000-Euro-Spende auf Facebook - doch RTL-Stiftung weiß von nichts

Bassumer Ehepaar postet 10.000-Euro-Spende auf Facebook - doch RTL-Stiftung weiß von nichts

Kommentare