Umdenken in der Corona-Krise

Kabarettist baut Gartenpavillon

Pago Balke hat sich in seinem Pavillon eine Oase der Ruhe geschaffen. Er würde gern weitere für andere Gartenbesitzer bauen.  
Foto: Julia Kreykenbohm
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Pago Balke hat sich in seinem Pavillon eine Oase der Ruhe geschaffen. Er würde gern weitere für andere Gartenbesitzer bauen. Foto: Julia Kreykenbohm
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Landkreis Diepholz – Gehüllt in einen weinroten Mantel, die Corona-Krone auf dem Kopf, beherrscht das Skelett das Bild. In der rechten Knochenhand hält es die Flagge mit der Weltkugel, in der linken ein Reagenzglas, dem das Virus vielleicht einmal entstiegen ist. Oder stammt es doch von einer der Fledermäuse, die über ihm flattern? Zu seinen Füßen kämpft ein Arzt um das Leben einer Patientin. Daneben aufgereiht einige Särge, wie eine stumme Mahnung, was passiert, wenn er den Kampf verliert.

Aber auch andere Folgen des Virus, wie gesperrte Tische und Stühle, eine Rutsche, einem Jongleur, dem die Hände gebunden sind sowie eine Frau, die einen Einkaufswagen voll Klopapier davonschiebt, finden sich in dem Bild von Daniela Franzen aus Bassum.

Es trägt den Titel „Corona 2020“. „Es soll eine Art Dokumentation sein, die alles zeigt, was bisher so passiert ist“, erklärt die Künstlerin. So hat sie auch ein Haus mit mehreren Balkonen abgebildet. Auf einem applaudieren die Menschen, auf einem anderen wird musiziert, auf einem dritten fliehen Frau und Kind vor einer drohenden Faust. In einer Ecke kauern zwei verzweifelte Flüchtlingskinder, vergessen angesichts des großen Chaos.

Kurzfilme ersetzen den Auftritt

Franzen hat sich bei ihrem Bild, an dem sie mehrere Wochen malte, von der „Auferstehung Christi“ von Raffael. „Darin wird ja auch viel mit Symbolen gearbeitet“, sagt die Künstlerin, die statt den Pinsel zu schwingen eigentlich die letzten Wochen damit beschäftigt gewesen wäre, sich gemeinsam mit ihrem Partner Marcello Monaco auf die Piazzetta vorzubereiten. Seit zehn Jahren veranstalten sie das beliebte Bassumer Straßenkünstler-Theater. Dieses Jahr hat Corona ihre Pläne zunichte gemacht.

Doch nicht nur was die Piazzetta betrifft. All ihre Auftritte wurden abgesagt, viele Projekte sowie ihr Tango-Kurs auf Eis gelegt. Was machen die beiden stattdessen? „Wir haben zwei neue Projekte in Angriff genommen. So drehen wir unter anderem einen Kurzfilm gemeinsam mit dem Ort Schwarme, bei dem es auch um das Virus geht. Außerdem nehme ich Aufträge für Porträts entgegen“, erläutert Franzen.

Das funktioniert so, dass die Leute ihr Fotos von sich, ihren Lieben oder auch Haustieren schicken. „Am besten gleich mehrere, denn ein Bild reicht nicht aus, um den Charakter zu zeigen“, findet Franzen. Dann vielleicht noch ein Bild von dem Hintergrund, vor dem die Auftraggeber sich abgebildet sehen wollen. Dann malt Franzen mit Ölfarben das Porträt. Je nach Größe kann das bis zu einem Monat dauern. „Es ist mir sehr wichtig, dass alle richtig getroffen werden.“

Die Krise zwinge die freiberuflichen Künstler, Alternativen zu suchen, um sich über Wasser zu halten. Natürlich nutzten sie die Zeit auch für Proben, aber „es ist schwierig, sich zu motivieren, wenn man kein konkretes Auftrittsziel vor Augen hat“, sagt Franzen.

Autokino als Veranstaltungsort

Diese Meinung teilt auch Pago Balke aus Riede. Dabei hat der Schauspieler, Kabarettist, Sänger, Regisseur und Autor schon einmal wieder auf der Bühne gestanden – beim Autokino in Bremen. „Das war eine neue Erfahrung mit einem diffusen Gefühl“, beschreibt Balke mit einem Schmunzeln. „Obwohl man vor 200 Leuten auftritt, glotzen einen 100 Autos an. Man vermisst die Interaktion mit dem Publikum, den Blick in die Gesichter.“

Doch auch sonst ist er nicht untätig geblieben. Da er zurzeit keine Menschen mit auf eine satirische Führung durch das Focke Museum nehmen kann, hat er sich kurzerhand von der Kamera begleiten lassen. Der Film ist auf der Seite des Museums zu sehen. Zudem hat er drei humorvolle Corona-Songs geschrieben und steht im regen Kontakt mit seiner Gruppe „Zollhausboys“. Statt auf Deutschland-Tournee zu gehen, wie es geplant war, schreiben sie nun Texte und bereiten ein neues Programm vor, mit dem sie die Zuhörer spätestens 2021 begeistern wollen. „Das fällt nicht leicht, denn es gibt so viele Fragezeichen, was die Zukunft betrifft“, sagt Balke.

Er hofft, dass vielleicht noch ein paar Open-Air-Termine zustande kommen. Für Balke, der sonst bis zu 100 Auftrittte oder Termine pro Jahr absolviert ein ungewohnter Zustand. „Ich liebe es, aufzutreten, aber es ist weniger der Applaus, der mir fehlt, als die Interaktion mit den Menschen und die Gemeinschaft mit der Band.“

Balke macht nun viel im Haus und Garten und hat sich dabei ein neues Projekt überlegt. Der Künstler hat viel Freude an handwerklicher Arbeit und sich eine kleine Hobby-Tischlerei in einem ehemaligen Stall eingerichtet. Bereits vor 20 Jahren baute er einen Gartenpavillon aus Holz. Eine liebevoll und individuell gestaltete Oase im Grünen, aus verschiedenen Teilen zusammengesetzt, die es so nicht zu kaufen gibt. „Wer nun Interesse hat, auch solch einen besonderen Pavillon zu haben, kann sich auf Festnetz bei mir melden“, sagt Balke. Der Preis richte sich nach Aufwand und dem Material.

Philharmoniker setzen auf Livestream

Auch das Ehepaar Ulrich König und Anette Behr-König vermisst sein Publikum und das gemeinsame Musizieren mit seinen Kollegen der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen beziehungsweise der Bremer Philharmoniker. Auch wenn die Bassumer zugeben: „Wir sind sehr entspannt. Noch nie hatten wir so eine lange Pause.“ Der hektische Wechsel von Proben, Konzerten, Tourneen und Aufnahmen ist abrupt abgebrochen.

Stattdessen bekamen Haus und Garten viel Aufmerksamkeit, wie die beiden Musiker mit einem Lächeln erzählen. Aber der Lockdown brachte auch eine Art Sinnkrise: „Welche Berufe braucht die Welt, damit es weitergeht? Musiker wohl nicht.“ So blieben die Instrumente in der ersten Zeit sich selbst überlassen. Erst als die beiden Kinderlieder für ihr Enkelkind aufnahmen und mit der Freude der Kleinen belohnt wurden, kehrte auch die Freude am Musizieren zurück.

Inzwischen haben König und Behr-König mehrere Produktionen auf CD oder Video aufgenommen oder auch kleine Konzerte gestreamt. Die Ergebnisse ihrer Arbeit sind auf den Internetseiten der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen beziehungsweise der Bremer Philharmoniker zu finden. „In kleinen Besetzung können wir uns ja jetzt wieder treffen – unter Einhaltung der Abstandsregeln“, so König und seine Frau fügt hinzu: „Wir wollen die Leute mit der Musik ja auch trösten.“

Diese aktuellen Video-Produktionen werden bezahlt. Während Behr-König in Kurzarbeit ist, bekommt ihr Mann als selbstständiger Musiker bei der Deutschen Kammerphilharmonie Unterstützung von der GVL (Gesellschaft zur Verwertung von Leistungsschutzrechten), in dem diese die Auszahlungen an die Musiker vorzieht. „Das sind Verwertungen der Leistungsschutzrechte, die den Künstlern zustehen, deren Aufnahmen beispielsweise im Radio oder Fernsehen gesendet wurden. Das ist nicht nur in Verbindung mit der Kammerphilharmonie zu sehen, sondern betrifft alle – auch in Eigeninitiative geleistete – Aufnahmen“, erklärt König.

Es sei für Solounternehmer möglich, staatliche Soforthilfen zu bekommen. Diese wurden auch König gewährt. „Durch die Einnahmen von Ausfallhonoraren durch die Musikfond Hamburg gGmbH (Konzertveranstaltungen der Elbphilharmonie) und die vorgezogenen Auszahlungen der GVL-Gelder war es mir jedoch möglich, die gewährte Soforthilfe komplett zurückzuzahlen.“

Ansonsten werde über mögliche Open-Air-Veranstaltungen diskutiert und auch die Tourneen in die Schweiz und nach Japan sind noch nicht abgesagt. „Die Zukunft ist unklar und das beunruhigt“, sagt König, der in dieser Zeit auch gern mal die Instrumente gegen den Tennisschläger tauscht.

Doch die Furcht, dass Musiker nicht mehr gebraucht werden, ist verflogen. „Wir haben neulich in Hamburg zwei Stunden in einer Kirche geprobt und eine Frau ist die ganze Zeit dort geblieben“, erinnert sich Behr-König. „Hinterher kam sie zu uns und sagte: ,Danke, dass ich zuhören durfte. Ich hatte Tränen in den Augen.’“

Von Julia Kreykenbohm

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