Dr. Jürgen Falck setzt sich nach 38 Jahren zur Ruhe / „Die Freiheit des ärztlichen Berufes muss erhalten bleiben“

Schluss mit dem Kassenkampf

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Generationenwechsel: Lür Boisch (v.l.) ersetzt Dr. Jürgen Falck in der Gemeinschaftspraxis mit Marcus Fürle.

Bassum - Von Maik Hanke. Wenn Dr. Jürgen Falck die letzte Ziffer in seinen Computer eintippt, das letzte Mal von seinem Bürostuhl aufsteht und die Tür von außen schließt, will er nicht viel Aufhebens darum machen. „Ich weine nicht, ich lache nicht, ich bin ganz gelassen“, kündigt er an. Denn er kann loslassen. Nach 38 Jahren in eigener Praxis geht der über die Stadtgrenzen Bassums hinaus bekannte Arzt zum Jahresende in den Ruhestand.

Jürgen Falck hatte seine Rente hinausgezögert. Weil er Freude am Beruf hat einerseits. Aber auch weil er seinen Kollegen Marcus Fürle nicht hängen lassen wollte. Falck wollte erst einen Nachfolger haben und ihm eine Einarbeitungszeit zugestehen.

Der ist mittlerweile da und heißt Lür Boisch. Seit April hat er einen großen Teil von Falcks Patienten übernommen. Falck selbst ist schon fast weg. Seit einem Dreivierteljahr arbeitet er nur noch donnerstagabends.

Es ist ein Generationenwechsel in der Gemeinschaftspraxis im Gesundheitszentrum an der Marie-Hackfeld-Straße. Als der heute 73-jährige Falck 1977 in Bassum anfing, lag sein Nachfolger Boisch noch in den Windeln.

Der Übergang sei bisher sehr zufriedenstellend verlaufen, finden die Ärzte. Boisch sei von den Patienten „extrem gut“ angenommen worden, sagt Falck. Er könne sich ganz beruhigt zurückziehen, hätten ihm die Leute gesagt.

Der Allgemeinmediziner Lür Boisch ist ein Glücksfall für die Stadt, findet Marcus Fürle. Bassum hätte ein Versorgungsengpass gedroht, hätte man keinen Nachfolger für Internist und Allgemeinmediziner Falck gefunden. Viele Orte im Landkreis seien bereits unterversorgt. „Bassum ist gerade so an der Grenze“, sagt Fürle.

Fürle wurde über einen Bekannten auf Boisch aufmerksam. Boisch arbeitete damals in Rastede bei Oldenburg und bekam zu der Zeit viele Anfragen. Bassum, die moderne Praxis und der künftige Kollege überzeugten ihn.

Schon bei den ersten Treffen haben Fürle und Boisch festgestellt, dass sie gut miteinander klarkommen und eine ähnliche Vorstellung von Medizin haben. Das muss auch so sein, sagen sie: Man könne schließlich davon ausgehen, dass man 25 Jahre miteinander arbeitet. Das sei wie in einer Ehe. Nur sehen die Ärzte ihre Frauen viel weniger als einander, meint Boisch und lacht. „Aber immer noch mehr als ich damals!“, schiebt Falck ein.

1977 war der Beruf

familienfeindlich

Als Falck vor 38 Jahren an der Syker Straße seine Praxis in Bassum öffnete, sah der Beruf noch anders aus als heute – deutlich weniger familienfreundlich. Damals sei er morgens um 8 zur Arbeit gegangen und abends um 9, 10 oder 11 wiedergekommen. Es habe noch keinen geregelten Notdienst gegeben. „Man musste anwesend sein“, berichtet Falck. Früher habe auch seine Frau schichtweise zu Hause am Telefon gesessen, für den Fall, dass ein Notruf reinkommt.

Ja, findet Falck, der Teil des Berufs habe sich zum Positiven gewandelt. „Die Arbeitsbelastung ist genauso intensiv wie damals, aber anders – kompakter“, sagt der Internist.

Unter den Voraussetzungen, unter denen Falck damals angefangen hatte, wäre Boisch heute wohl nicht mehr nach Bassum gekommen, erklärt der Neue. Aber so, wie es jetzt ist, sagt er „uneingeschränkt Ja“ zu einem Leben als Landarzt. Boisch tritt damit in die Fußstapfen seines Vaters. Auch der ist Landarzt.

Falck ist weiterhin Fan seines Berufs. „Weil man die ganze Breite menschlichen Daseins mitbekommt“, sagt er. „Das halten nicht alle aus. Man braucht eine gewisse Robustheit.“

Wichtig sei eine Balance zwischen Nähe und Distanz. Wenn ein Mensch stirbt, kann man nicht ungerührt danebenstehen – aber „man kann auch nicht mit jedem Patienten mitsterben“. Falck hat Bassum als Arzt seinen Stempel aufgedrückt, Tausende von Menschen in einem Teil ihres Lebens begleitet und das Gesundheitszentrum mit konzipiert. Längst ist er selbst zu einer Institution geworden. Falck ist zufrieden mit dem Geleisteten. „Ich habe das Gefühl, dass ich ein erfülltes Berufsleben hatte.“

So gern der Internist seinen Beruf auch ausgeübt hat, er hat auch so seine Kämpfe ausgetragen. Die zunehmende Bürokratie ist ihm ein Dorn im Auge. Mit Politik und Krankenkassen hat er sich manches Mal gekabbelt. Etwa, als eine Kasse 72000 Euro von ihm forderte, weil er angeblich zu viele teure Medikamente verschrieben habe. Mit anwaltlicher Hilfe konnte er die Forderung abwenden.

„Mir wird absolut

nicht langweilig“

Gesundheit kostet Geld, die Basisversorgung dürfe man nicht kaputtsparen, findet Falck. Er hat den Eindruck, dass die Arbeit der Ärzte zunehmend reglementiert und eingeengt wird und sich Mediziner immer häufiger für ihre Arbeit rechtfertigen müssen. „Die Freiheit des ärztlichen Berufes muss erhalten bleiben“, fordert er – „weil es für den Patienten das Beste ist.“ Aber damit dürfen sich jetzt andere herumschlagen. Falck ist raus.

Der 73-Jährige ist noch fit. Jetzt will er mehr Zeit für Familie und Hobbys haben. „Ich habe genügend Ideen, mir wird absolut nicht langweilig.“ Falck engagiert sich im Bürger-Block, beim Rotary Club und bei der Flüchtlingsinitiative Willkommen in Bassum. Seine Kollegen wünschen ihm Zufriedenheit, die Chance, noch neue Dinge zu entdecken, und – natürlich – Gesundheit.

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