Auf den Spuren der jüdischen Gemeinde in Bassum

Friedhof soll besser zur Geltung gebracht werden

Christiane Weitzel und Rainer Hartmann wünschen sich, dass der jüdische Friedhof besser zur Geltung gebracht wird.
+
Christiane Weitzel und Rainer Hartmann wünschen sich, dass der jüdische Friedhof besser zur Geltung gebracht wird.

Seit 1700 Jahren leben Jüdinnen und Juden auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands. Auch Bassum hatte lange eine kleine jüdische Gemeinde. Mit der Machtergreifung kam der tragische Wendepunkt.

  • Bassum war im Dritten Reich eine Nazi-Hochburg.
  • Nur noch wenige Orte erinnern heute an die jüdische Gemeinde.
  • Grüne im Bassumer Rat wollen den Friedhof besser zur Geltung bringen.

Bassum – Das Horst-Wessel-Lied hallt durch die Straßen Bassums. Fahnen wehen. Uniformierte Gestalten marschieren vom Bahnhof aus Richtung Sportplatz. Sie künden vom Anbruch einer neuen Zeit. Auch Ilse Baehr, die an der Syker Straße wohnt, spürt das. Nur empfindet sie keinerlei Stolz oder Freude auf das Kommende – sondern Angst. Bassum ist ihre Heimat.

Eine Heimat, die ihr Gesicht im Schatten des Dritten Reichs immer mehr verändert und der Jüdin mit jedem Tag fremder erscheint.

Als Sitz der Kreisleitung der NSDAP ist aus der Kleinstadt eine Nazi-Hochburg geworden. SA-Aufmärsche, nationalsozialistische Propagandaveranstaltungen und Hetzartikel in der örtlichen Presse bestimmen den Alltag. „Wenn die SA auf dem Sportplatz ihre Übungen abhielt, zogen sie bei uns am Haus vorbei und sangen immer ,Und wenn das Judenblut vom Messer spritzt’“, schildert Baehr in Gabriele Ulrichs Buch „Aufbrüche“. Am 1. April 1933, zum Boykott jüdischer Geschäfte, verkriecht sich ihre Familie im Haus: „Wir sind gar nicht vor die Tür gegangen. Wir haben am Radio gesessen.“

Machtergreifung als Wendepunkt

Die Machtergreifung der Nationalsozialisten ist ein Wendepunkt für die kleine jüdische Gemeinde in Bassum, die schon seit über einem Jahrhundert dort lebt. Nur eine geringe Zeitspanne im Vergleich, denn in diesem Jahr leben Jüdinnen und Juden 1700 Jahre auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands. Anni Wöhler-Pajenkamp, die 2010 eine Gästeführung über jüdisches Leben in Bassum anbot, schätzt, dass es 25 bis 30 Erwachsene und Kinder waren, also etwa vier bis sieben Familien.

„Wann die ersten Juden in Bassum ansässig wurden, kann man nicht mehr rekonstruieren. Verbrieft ist, dass 1818 vier jüdische Familien hier lebten“, so Wöhler-Pajenkamp. Entsprechend dem ländlich geprägten Umfeld waren sie Viehhändler. Eine Familie besaß auch eine Schlachterei an der Sulinger Straße.

Einige Männer kämpften im Ersten Weltkrieg und wurden für ihre Tapferkeit ausgezeichnet. Oder beteiligten sich an einer Spendenaktion, bei der für die ersten krieghinterbliebenen Witwen und Waisen gesammelt wurde. Ihre Namen finden sich auf dem Nagelkreuz, das heute im Besitz des Heimatvereins ist. „In der Weimarer Zeit waren die Bassumer Juden nicht streng gläubig, sondern eher liberal eingestellt und in die Gemeinschaft integriert.“

Keiner kehrte nach Bassum zurück

Mit der Machtergreifung veränderte sich alles. Das Leben für die Bassumer Juden wurde immer schwerer. Da sie nicht mehr arbeiten durften, wanderten vor allem die Jüngeren aus, nach Palästina, New York oder Südamerika. Zu ihnen gehört auch Ilse Baehr. 1939 lebten nur noch vier Juden in der Lindenstadt. Ein Jahr zuvor waren bei der Reichspogromnacht alle jüdischen Männer im Gefängnis des Alten Amtsgerichts (heute Volksbank) eingesperrt und nach Buchenwald transportiert worden. Bis auf einen, der auf dem Rückweg starb, kamen alle zurück.

Doch sie blieben nicht lange, sondern zogen nach Bremen, vielleicht in der Hoffnung, in der Anonymität der Stadt weniger persönlichen Angriffe ausgesetzt zu sein. Doch am Ende wurden alle ins KZ verschleppt, unter ihnen auch der Vater von Ilse Baehr. Niemand von ihnen kehrte nach Bassum zurück.

Eine Ausnahme bildete Fritz Rosenbach, der in Bassum tief verwurzelt war. Er konnte sich bis kurz vor dem Ende des Dritten Reichs verstecken, weil Freunde ihn immer wieder warnten. Schließlich wurde auch er ins KZ gebracht, überlebte jedoch, kam zurück nach Bassum und starb auch dort.

Heute gibt es nur noch wenige Spuren, die an die jüdische Gemeinde in Bassum erinnern.

Stolpersteine

An der Syker Straße erinnert ein Stein an Josefine und Leopold Baehr und An der Bahnhofstraße an Helmut Rosenberg. Steine für die übrigen Bassumer Juden sind in Bremen zu finden.

Synagoge

1827 wurde die Synagoge an der heutigen Meierkampstraße erbaut. „Sie war klein und unscheinbar“, so Wöhler-Pajenkamp. „Von 1862 bis 1869 konnte dort eine jüdische Elementarschule Unterricht abhalten, auch die Kinder aus Harpstedt, Syke und Twistringen gingen dorthin. 1933 wurde die Synagoge wegen Baufälligkeit schon nicht mehr genutzt. 1935 wurde das Haus abgebrochen und in den Ruinen während der Reichspogromnacht gezündelt. 1988 stellte der SPD-Ortsverein eine Gedenktafel auf und hält anlässlich des Jahrestags der Reichspogromnacht jedes Jahr eine Gedenkveranstaltung dort ab.

Der Friedhof

Inmitten eines Waldstücks an der B61 liegt der jüdische Friedhof. Abgelegen, umringt von hohen Bäumen und einem Holzzaun. Alte Grabsteine ragen aus dem Gestrüpp, das die Gräber bedeckt. Moos überzieht die Gehwegplatten. Der Ort hat etwas Verwunschenes, atmet Stille – aber auch eine gewisse Verlassenheit. Unter anderem finden sich dort die Namen von Ilse Baehrs Eltern, Josefine und Leopold, obwohl der Vater im KZ Neuwied starb.

„Dass der Friedhof so außerhalb liegt, ist durchaus gewollt von der jüdischen Religion“, sagt Wöhler-Pajenkamp. „Im Judentum werden die Grabstellen nicht neu vergeben. Es ist ein Platz für die Ewigkeit. Das älteste Grab stammt aus dem Jahr 1832.“

Christiane Weitzel von den Gründen findet es wiederum sehr schade, dass der Ort so vergessen wirkt, denn „es ist ein schöner Fleck“. Ein Fleck, den sie mehr durch Zufall entdeckte. „Ich suchte im Internet nach Bassumer Sehenswürdigkeiten und stieß auf den Friedhof, den ich bis dahin noch nicht kannte. Ich schaute im Stadtplan, im Wanderplan und fand nichts. Dann bin ich mal mit dem Rad hergefahren.“

Friedhof soll besser hergerichtet werden

Vor Ort fielen ihr dann gleich mehrere Dinge auf, die sie sich anders wünschen würde. „Erst mal ein deutliches Schild, das auf den Friedhof verweist. Das vorhandene ist ja recht klein, schäbig und nur mit Gräberfeld beschriftet.“ Der Weg zum Friedhof sollte mit Schotter befestigt werden, ebenso wie der Platz vor dem Friedhof. „Dann wäre eine Abstellanlage für Fahrräder und eine Hinweistafel schön, die erklärt, was man hier eigentlich vor sich hat.“ Dem stimmt ihr Fraktionsvorsitzender Rainer Hartmann zu. „Man betritt den Friedhof und hat Fragen. Wer liegt hier? Warum wurden hier auch russische Kriegsgefangene bestattet?“

Auch könnte der Friedhof etwas besser hergerichtet werden. „Man sieht, dass sich der Bauhof darum kümmert“, sagt Weitzel und zeigt die gestutzten Büsche. Aber man könne noch mehr tun. Vielleicht die Gehwegplatten durch Schotter ersetzen. Wenn dann alles in Schuss ist, könnte der Friedhof wieder mehr ins Bewusstsein der Bassumer geholt werden. „Vielleicht könnte man mit Schulklassen hierherkommen“, überlegt Weitzel. Die Schüler könnten sich dann vor Ort mit einem Stück Bassumer Geschichte befassen, die nicht vergessen werden dürfe.

Die Grünen haben nun einen Antrag an die Stadt gestellt, in dem sie ihre Ideen formulieren. „Wir haben erfahren, dass die SPD bereits 2017 solche Anregungen gegeben hat“, so Hartmann. „Mal schauen, ob es dieses Mal klappt.“

An der Bahnhofstraße stand das Haus, in dem Helmut Rosenberg wohnte. Mit 19 Jahren starb er in Auschwitz.
Längst verschwunden: Die ehemaligen Synagoge in Bassum.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Bayern feiern Titel mit Gala - Lewandowski-Tore 37, 38, 39

Bayern feiern Titel mit Gala - Lewandowski-Tore 37, 38, 39

Die beliebtesten Kuchenklassiker und Tortenträume

Die beliebtesten Kuchenklassiker und Tortenträume

Bill und Melinda Gates lassen sich scheiden

Bill und Melinda Gates lassen sich scheiden

Vettel ohne Chance bei nächstem Hamilton-Sieg

Vettel ohne Chance bei nächstem Hamilton-Sieg

Meistgelesene Artikel

Diepholzer Villa vor dem Abriss bewahrt

Diepholzer Villa vor dem Abriss bewahrt

Diepholzer Villa vor dem Abriss bewahrt
Auto-Brand in Stuhr: Mutiger Helfer löscht Fahrerin im Bach

Auto-Brand in Stuhr: Mutiger Helfer löscht Fahrerin im Bach

Auto-Brand in Stuhr: Mutiger Helfer löscht Fahrerin im Bach
Investor des Seeblick-Areals in Lembruch plant mehr Außengastronomie ‒ Rat muss entscheiden

Investor des Seeblick-Areals in Lembruch plant mehr Außengastronomie ‒ Rat muss entscheiden

Investor des Seeblick-Areals in Lembruch plant mehr Außengastronomie ‒ Rat muss entscheiden

Kommentare