Marcello Monaco aus Bassum

Coronavirus erfasst alle Branchen: „Als Künstler ist man immer auch Überlebenskünstler“

Die Momente, für die Künstler leben: die Auftritte. Marcello Monaco und seine Partnerin Daniela Franzen haben schon zahllose absolviert. Doch die Corona-Krise entzieht ihnen diesen Hauptaspekt ihres Berufes.

Bassum - Noch ein Artikel über eine Berufsgruppe, die von der Corona-Krise ziemlich gebeutelt wird? „Aber bitte nicht so negativ schreiben“, sagt Marcello Monaco und lacht. „Wir sind gesund, verlieren nicht die gute Laune und haben Vertrauen in uns und unsere Gesellschaft. Wir werden das durchstehen, wenn wir uns gegenseitig unterstützen. Als Künstler ist man immer auch ein Stück weit Überlebenskünstler.“

Er verstummt einen Augenblick und fügt noch hinzu: „Vielleicht ist das auch mal eine Chance, sich mehr um sich selber und um andere zu kümmern. Ich hoffe, dass wir diese Zeit nutzen, um zu reflektieren, wie wichtig das Zusammensein ist, wie unverzichtbar das gesellschaftliche Leben in der Öffentlichkeit – jenseits von Klopapier-Wettkämpfen.“

Eine ungewöhnliche Sicht auf die aktuelle Situation. Zumal Monaco allen Grund hätte, an ihr zu verzweifeln. Denn er und seine Partnerin Daniela Franzen leben davon, Menschen zu unterrichten und vor allem, sie zu unterhalten. Sie sind Künstler – und müssen nun beobachten, wie ein Auftritt nach dem anderen abgesagt wird. Das Herzstück ihres Berufes verschwindet einfach.

Der jüngste und wohl größte Tiefschlag bisher: die Verschiebung der Piazzetta, die sie vor zehn Jahren nach Bassum geholt haben und bis heute federführend mitorganisieren (wir berichteten).

Corona-Krise: Nur bedingt mit Wirtschaftskrise 2008 vergleichbar

Eine vergleichbare Situation hat Monaco, der seit 25  Jahren freischaffender Künstler ist, bisher noch nicht erlebt. „Ähnlich waren vielleicht die Auswirkungen der Wirtschaftskrise 2008, als die Einnahmen bei den Auftritten sanken. Es war eine schwierige Zeit, aber wir hatten ja noch andere Einnahmequellen wie die Tango-Kurse oder unsere Lehrtätigkeit. Außerdem haben wir sozio-kulturelle Projekte angeschoben. All diese Standbeine brechen uns nun weg.“

Die Tango-Kurse haben sie abgesagt, aus Respekt vor den Teilnehmern, und auch das Lehren liegt derzeit auf Eis. Ihre Auftritte mit einigen anderen Künstlern, die für den April vorgesehen waren, sind abgesagt. Sich jetzt für Veranstaltungen zu bewerben, sei sinnlos. „Momentan bricht alles zusammen. Wir sind froh, dass wir im Winter vergangenen Jahres einen Variete-Auftritt hatten, von dessen Gage wir jetzt leben können.“

Marcello Monaco zu Corona-Krise: „Werde alles versuchen, damit Piazetta dieses Jahr stattfinden kann“

Aber auch Monaco musste eine Absage aussprechen: Und zwar an seine Kollegen aus aller Welt, die zur Piazzetta kommen wollten. „Alle haben das akzeptiert und sich solidarisch gezeigt. Sie kommen gern nach Bassum. Ein Künstler aus Ungarn schrieb mir, er habe schon auf diese Absage gewartet. Jeden Tag bekomme er welche, sodass ihm mittlerweile alle Termine bis August weggebrochen sind. Ich verstehe natürlich, was das für ihn und die anderen bedeutet. Unter anderem aus diesem Grund werde ich alles versuchen, dass die Piazzetta noch dieses Jahr stattfinden kann.“

Immerhin hat er schon ein dreiviertel Jahr Arbeit in die Veranstaltung gesteckt und alle Verträge waren fertig. „Sie bleiben bestehen, so dass sie eventuell 2021 nach Bassum kommen können. Wir bleiben auf jeden Fall in Kontakt.“

Doch was tun Künstler in der jetzigen Zeit? „Trainieren, proben, Ideen und Konzepte entwickeln“, erklärt Monaco. „Das ist auch Teil unseres Berufs – nur wird der nicht bezahlt. Künstler müssen immer üben, an sich arbeiten und ihre Fähigkeiten verbessern.“

Coronavirus löst Krise unter Künstlern aus: Kurzarbeit kommt nicht in Frage

Gibt es finanziellen Unterstützungen, die sie in Anspruch nehmen können? „Ein Kredit bringt uns nichts“, sagt Monaco. „Ein Schausteller könnte damit vielleicht seine laufenden Kosten decken. Die haben wir nicht. Andere Berufsgruppen können, wenn die Krise vorbei ist, mehr arbeiten, um das Geld wieder reinzuholen. Das können wir nicht. Auch Kurzarbeit kommt für uns nicht in Frage.“

So hoffen die Künstler gemeinsam mit vielen anderen Selbstständigen auf Hilfe vom Staat. Was bisher geboten wird, sei gut gemeint – helfe den Künstlern allerdings nicht, und sei leider alles andere als unbürokratisch. „Der Staat will zum Beispiel Betriebskosten übernehmen. Die haben Künstler so gut wie gar nicht. Wir leben von der Gage! Das Programm ist also gar nicht auf unsere Bedürfnisse zugeschnitten. Für alle anderen Kosten sollen wir zum Amt gehen, sagt uns der Staat. Das habe ich in 25 Jahren nicht getan und möchte es auch künftig nicht.“

Covid-19-Pandemie: Künstler bitten um bedingungsloses Grundeinkommen

Viel mehr würde den Künstlern eine Grundsicherung helfen. „Wir haben eine Petition unterzeichnet, der sich bereits 422.000 Menschen angeschlossen haben. Darin bitten wir für sechs Monate um ein bedingungsloses Grundeinkommen. Das wäre eine wirkliche unbürokratische Hilfe.“

Trotz all der Widrigkeiten und auch Unsicherheiten bereut Monaco nicht, sich für den Künstlerberuf entschieden zu haben. „Als Künstler gibt es keine Regelmäßigkeit. Mal muss man mehrere Tage durcharbeiten, dann wieder hat man viel Zeit, und man kann alles selbst bestimmen. Etwas Besonderes ist auch die halbe Stunde vor dem Auftritt, wo man sich noch einmal sammelt, um dann das Beste zu geben.“

Aber er blickt in diesen Zeiten nicht nur auf seine eigene Branche: „Ich verbeuge mich mit tiefem Respekt vor allen Menschen, die in diesen Tagen am Rande der körperlichen und seelischen Erschöpfung und trotz niedrigen Löhnen für uns alle in Krankenhäusern, Supermärkten, auf den Straßen in Büros, Praxen und Revieren für uns arbeiten. In dieser Zeit lernen wir hoffentlich, die oft schlecht bezahlten Berufe mehr zu würdigen.“

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