Kundgebung vor dem Rathaus

Jesiden erinnern in Bassum an den Völkermord

Den Lebenden zur Mahnung: Etwa 40 Erwachsene gedenken am Montag des Völkermords an den Jesiden, darunter Hartwig Hornbostel und Axel Knoerig (kleines
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Den Lebenden zur Mahnung: Etwa 40 Erwachsene gedenken am Montag des Völkermords an den Jesiden, darunter Hartwig Hornbostel und Axel Knoerig (kleines

Als Marwan Samoki das Wort ergreift, hat er Tränen in den Augen, seine Stimme versagt für einen kurzen Moment. Er redet sehr leise, in gebrochenem Deutsch und ist kaum zu verstehen. Doch die meisten Umstehenden wissen, was er zu sagen hat. Marwan Samoki erinnert an diesem Montagabend an den Tag, an dem ein Völkermord begann.

Am 3. August 2014 startete der Islamische Staat im Norden des Irak seine menschenverachtende Politik – den Genozid an den Jesiden. „Es war der Tag, an dem Kinder starben, Frauen versklavt, vergewaltigt und verkauft, Männer ohne Grund umgebracht wurden“, liest Samoki vom Blatt.

Auf dem Vorplatz zwischen Bassumer Rathaus und Bürgerservice stehen etwa 40 Erwachsene mit Kindern. Sie haben Plakate in den Händen und halten Mahnwache. Sie wirken ein bisschen verloren. Und eigentlich ist es auch kein guter Platz, um in Ruhe zu gedenken, denn vom Parkplatz der Volksbank kommen Autos gefahren, die die Menschentraube zur Seite drängen. Dann fasst sich die Polizei, die die Demonstration begleitet, ein Herz und stellt sich in die Ausfahrt.

Der Treffpunkt am Rathaus ist bewusst gewählt. Denn dort ist eine Gedenktafel angebracht, die an die Opfer von Krieg und Gewalt erinnert – zur Mahnung an die Lebenden. Vor allem Letzteres ist den Anwesenden wichtig. Sie wollen, dass die Verbrechen an den Jesiden gesühnt werden und nicht in Vergessenheit geraten. Sie wollen die Stimme der Opfer sein. Sie wünschen sich einen Gedenktag.

Genozid an den Jesiden

Laut der Vereinten Nationen wurden 2014 durch den IS bis zu 5 000 Jesiden ermordet, zwischen 6470 und 7000 Frauen und Kinder entführt und über 400000 aus ihrer Heimat vertrieben; etwa 2850 Jesiden werden bis heute vermisst. Die UN kamen zwar schnell zu dem Schluss, dass die Verbrechen auf die Vernichtung des Jesidentums zielten, doch bisher sei noch kein IS-Kämpfer wegen Völkermords angeklagt.

Weltweit leben etwa 1,5 Millionen Jesiden, etwa 150 000 sind es in Deutschland. In Bassum trifft sich eine Gruppe von etwa 50 Personen regelmäßig im katholischen Pfarrheim, um sich auszutauschen. Der nächste Abend ist am 4. September um 18.30 Uhr.

Die meisten von ihnen haben Freunde und Angehörige verloren, haben selbst Grausamkeiten aller Art erlebt und eine Geschichte zu erzählen. Im Landkreis Diepholz haben sie eine Zuflucht gefunden, in Hartwig Hornbostel und Pastor Joachim Kieslich Mitstreiter, die sich für sie einsetzen.

Hornbostel war es auch, der die Gedenkfeier bei der Verwaltung und der Polizei angemeldet hat. Ihm ist wichtig, dass vor allem die Frauen eine Stimme bekommen. Deshalb trägt er zu Beginn das Vorwort aus dem Buch von Nadia Murad „Ich bin eure Stimme“ vor. Darin berichtet die Anwältin Amal Clooney von den Ereignissen und von ihrer Mandantin Nadia, die, wie Tausende Mädchen und Frauen, vom IS verschleppt und misshandelt worden ist. „Ihre Mutter ist hingerichtet und in einem Massengrab verscharrt worden, ihre sechs Brüder gehörten zu den Hunderten von Männern, die an einem einzigen Tag ermordet wurden.“

Hartwig Hornbostel hat die Demonstration angemeldet. CDU-Bundestagsabgeordneter Axel Knoerig wohnt der Demonstration bei und spricht Betroffenen Mut zu.

Mit dabei an diesem Abend ist auch der CDU-Bundestagsabgeordnete Axel Knoerig. Seine Anwesenheit bedeutet den Teilnehmern viel. Sie fühlen sich wahrgenommen. Er verspricht, sich in Berlin für einen Gedenktag einsetzen zu wollen. Er spricht den Anwesenden auch Mut zu. Sie hätten in Bassum eine neue Heimat gefunden und können ihren Glauben ausüben – frei und ohne Angst.

Dass dies so ist, bestätigen einige der Frauen, unter anderem Madina Aldakki, die seit vier Jahren in Bassum lebt und sich sehr wohl fühlt. Ihre Tochter Tafaha geht in Syke zur Schule und macht ihren Hauptschulabschluss. Was sie einmal werden möchte? Sie lächelt schüchtern. „Weiß ich noch nicht genau. Vielleicht Krankenschwester.“ Sie vermisst den Irak, doch zurück möchte sie nicht. Sie habe Freunde gefunden, sagt sie. Auch Niam Schebo fühlt sich in Bassum sicher. Für die Zukunft wünscht sie sich, „dass wir hier gut leben können“. Sie hofft auf einen unbefristeten Aufenthaltstitel.

Die Demonstration bleibt von der großen Öffentlichkeit unbemerkt. In der Innenstadt ist abends kaum Publikumsverkehr. Knoerig gibt ihnen mit auf den Weg, nicht nachzulassen und den Wunsch nach einem Gedenktag auch an den Rat der Stadt heranzutragen.

Von Frauke Albrecht

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