Interview mit Bassumer Chefärzten

Psychiatrie im Landkreis Diepholz: Seit 25 Jahren Hilfe bei seelischer Not

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Dr. Stefan Renner und Dr. Gerd Kampen (v.l.) leiten das Zentrum für seelische Gesundheit in Bassum.

Hilfe für Menschen in seelischer Not: Seit einem Vierteljahrhundert ist sie selbstverständlich im Landkreis Diepholz. Was sich seit der Eröffnung der Psychiatrie im Jahr 1994 verändert hat und wie Menschen heute mit psychischen Erkrankungen umgehen, erklären die Chefärzte Dr. Stefan Renner und Dr. Gerd Kampen im Interview. Die Fragen stellte Anke Seidel.

Vor einem Vierteljahrhundert hat die Psychiatrie im St.-Annen-Stift Twistringen ihre Türen geöffnet – nicht alle Bürger waren damals damit einverstanden und hatten enorme Ängste. Ist das immer noch so?

Dr. Stefan Renner: Das hat sich deutlich verändert. Dabei haben wir hier in Bassum sicherlich Vorteile gehabt von der Rehabilitationsklinik Sucht, die zuvor in Freistatt war, was die Akzeptanz vor Ort angeht.  Die Situation hat sich auch insoweit verändert, dass Patienten offener zu ihrer psychischen Erkrankung stehen. Und dass es ihnen auch leichter fällt, für sich Hilfe zu organisieren.

Dr. Gerd Kampen: Das kann ich nur bestätigen, seit wir 25 Jahre Psychiatrie im Landkreis Diepholz gestalten. Das ist auch dem Zeitgeist geschuldet. Bundesweit gibt es mittlerweile Bemühungen und Projekte dazu – wie zum Beispiel das Bündnis gegen Depressionen. Es gibt auch gute sachlich aufklärende Öffentlichkeitsarbeit in den Medien.

Als die Alexianer – damals noch Träger der Kliniken im Landkreis Diepholz – den Umzug der Psychiatrie nach Bassum ankündigten, demonstrierten die Menschen wieder – zum Teil sogar dieselben. Es hat sich also ein Bewusstseinswandel vollzogen?

Stefan Renner: Ja. Das hat sicherlich viel damit zu tun, dass in den vergangenen 25 Jahren viele Angebote für psychisch kranke Menschen geschaffen wurden. Das zeigt die Erweiterung der Kliniken selbst. Dann gibt es das betreute Wohnen und Anlaufstellen, die präsent und für die Bürger erreichbar sind – wie zum Beispiel Lebenswege in Bassum oder der Verein für persönliche Hilfen in Diepholz. Ich denke, das erreicht die Menschen!

Gerd Kampen: Das kann ich nur unterstreichen.

Steigt die Zahl der psychisch Kranken – oder erfahren mehr psychisch Kranke Aufmerksamkeit und Behandlung?

Gerd Kampen: Letzteres. Im Wesentlichen ist es so, dass sich auch eine offenere Wahrnehmung von psychischen Erkrankungen entwickelt hat. Dass Menschen mit psychischen Problemen oder Erkrankungen eher in Behandlung kommen. Weil Versorgungs- und Therapieangebote dafür auch vermehrt vorhanden sind. Die Schwelle ist gesunken. Zum Beispiel wird heute die Diagnose Depression oder Angststörung eher gestellt, statt wie früher zum Beispiel körperliche Erkrankungen wie Kopfschmerzen.

Stefan Renner: Wenn jemand anfängt, über seine psychische Belastung zu erzählen, wird sie entstigmatisiert. Das ergibt dann einen Schneeballeffekt. Weil dann mehr Menschen erfahren, wie Psychiatrie wirklich funktioniert.

Depression gilt als neue Volkskrankheit. Bestätigt sich das im Zentrum für Seelische Gesundheit?

Stefan Renner: Das ist keine neue Volkskrankheit, sondern sie wird früher diagnostiziert, zum Beispiel auch Hausärzte stellen die Diagnose früher und sie wird offen dokumentiert. Das lässt sich aus den Statistiken der Krankenkassen ablesen: Depressionen, aber auch Angststörungen, werden deutlich häufiger erfasst. Außerdem steht die Depression oft nicht allein, ausgestanzt, da. Es kann sein, dass jemand mit Angststörungen, Depressionen und einem Suchtproblem in die Behandlung kommt.

Gerd Kampen: Erkrankungen des Gemüts sind nicht selten mit einem Suchtproblem verbunden. Es kann sein, dass bei Menschen zum Beispiel über depressive Schlafstörungen einschleichend eine Suchtproblematik entsteht, weil sie abends zunehmend mehr Wein trinken.

Gerade die schon bald beginnenden dunklen Monate sind für manche Menschen eine Herausforderung. Was können sie selbst bei Verstimmungen tun?

Gerd Kampen: Ich denke, in dieser Jahreszeit neigt ein Teil der Menschen dazu, eine depressive Symptomatik zu entwickeln. Auslöser kann dabei – neben dem Lichtmangel – auch ein Bewegungsmangel sein. Weil sich die Menschen im Winter häufiger in einem häuslichen Milieu aufhalten.

Stefan Renner: Das kann ich nur bestätigen.

Unter welchen psychischen Krankheitsbildern leiden Ihre Patienten noch?

Stefan Renner: Wir behandeln im Zentrum für seelische Gesundheit alle psychischen Erkrankungen. Wie Psychosen, manisch-depressive Störungen, Schizophrenie, drogeninduzierte Psychosen und Persönlichkeitsstörungen.

Gerd Kampen: Dazu gehören auch psychische Erkrankungen infolge körperlicher Erkrankungen.

Stefan Renner: …und auch altersbedingt.

Gerd Kampen: Das kann zum Beispiel Demenz oder Schlaganfall sein.

Macht der Leistungsdruck in Schulen und an Universitäten junge Menschen krank?

Stefan Renner: Ich bin der Auffassung, dass es durch die gesellschaftlich bedingte höhere Taktung zu mehr Druck von außen und auch zu mehr innerpsychischem Druck kommt.

Gerd Kampen: Die Zusammenhänge zwischen psychischen Erkrankungen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sind dabei vielfältig und es ist schwer, direkte Zusammenhänge herzustellen.

Stefan Renner: Man muss das sehr differenziert betrachten. Die Gesellschaft ist ökonomisierter und ergebnisorientierter ausgerichtet.

Gerd Kampen: Gesellschaftliche Normierungen wie zum Beispiel soziale Medien können Menschen herausfordern, aber auch belasten.

Stefan Renner: Die Frage ist: Wie identifiziere ich mich mit der Norm? Das kann durchaus zu Druck führen.

Es soll schon Grundschüler geben, die unter depressiven Schüben leiden.

Gerd Kampen: Das ist ein Thema, mit dem sich die Kinder- und Jugendpsychiatrie am St.-Annen-Stift in Twistringen beschäftigt.

Stefan Renner: Die Kollegen der Kinder- und Jugendpsychiatrie können hierzu sicher Fundierteres beitragen.

Wie jung war oder ist Ihr jüngster Patient?

Stefan Renner: Wir sind eine Erwachsenen-Psychiatrie und nehmen in der Regel nur Patienten ab dem 18. Lebensjahr auf.

Gerd Kampen: In seltenen Notfallsituationen haben wir schon 16- bis 17-Jährige aufgenommen.

Stefan Renner: Für ein paar Tage zur Überbrückung bis zur Weiterbehandlung.

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