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Warnamt in Bassum ist heute ein Museum: Brauchen wir wieder Bunker?

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Von: Dierck Wittenberg

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Der Vorsitzende des Museumsvereins im Eingangsbereich des ehemaligen Warnamts 2 in Bassum. Der Verein hat den Atombunker in ein Museum verwandelt. Bald sollen dort auch wieder Führungen zu festen Terminen angeboten werden.
Im ehemaligen Warnamt II in Bassum: Mirko Krumm ist erster Vorsitzender des Vereins, der aus dem Atombunker ein Museum gemacht hat. Bald sollen dort auch wieder Führungen zu festen Terminen angeboten werden. © Wittenberg

Das Warnamt II in Bassum, früher eine Zivilschutzanlage mit Atombunker, ist heute Museum. Auf eine Wiedereröffnung deutet aktuell nichts hin, sagt der Vereinsvorsitzende im Interview.

Bassum – Anfang der 1960er Jahre ist im Bassumer Ortsteil eine Anlage mit massivem Bunker entstanden: das Warnamt II, eine von zehn Einrichtungen dieser Art in der Bundesrepublik. Von dort aus sollte der Schutz der Bevölkerung im Kriegs- oder Katastrophenfall organisiert werden. Hintergrund war der Kalte Krieg, der gerade in jenen Jahren in einen Dritten Weltkrieg zu eskalieren drohte.

Diese Gefahr schien nach 1990 gebannt, die Warnämter wurden Mitte der 90er-Jahre aufgegeben. Seit 2016 hat ein Verein ein Museum im Warnamt II eingerichtet. Dessen Vorsitzender Mirko Krumm hat sich intensiv mit der Geschichte der atomaren Bedrohung beschäftigt. Im alten Lage-Raum beantwortet er Fragen zur neuen Bedrohung seit dem russischen Angriff auf die Ukraine – und welche Rolle das Bassumer Warnamt noch spielen könnte.

Was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als durch die Nachrichten ging: Russland hat seine Abschreckungskräfte in besondere Alarmbereitschaft versetzt?

Ich war nicht sonderlich überrascht. Die generelle Alarmbereitschaft dieser Kräfte ist immer ziemlich hoch, und ich glaube, dass maximal auf die Stufe gefahren wurde, auf der sie im Kalten Krieg immer war. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das nur eine Drohgebärde ist. Man darf nicht vergessen, dass die Russen ein vierstufiges System haben. Aus Erfahrungen aus dem Kalten Krieg, als es fast geknallt hätte, weiß man: Spätestens der letzte Mensch in dieser Kommandokette hat doch noch den Kopf eingeschaltet und sich geweigert, den Knopf zu drücken. Ich glaube an das Gute im Menschen und dass niemand ein Interesse daran hat, diese Welt zu beenden.

Ist die Gefahr eines Dritten Weltkriegs aktuell so nah, wie seit dem Ende des Kalten Krieges nicht mehr?

Es ist erheblich komplizierter und unvorhersehbarer als alles, was im Kalten Krieg passiert ist. Gefährlicher als in der Zwischenzeit seit dem Kalten Krieg ist die Situation auf jeden Fall. Ich würde auch sagen: Es ist nah dran an Hochpunkten, die wir im Kalten Krieg hatten, wenn auch noch nicht Kubakrisen-Level. Und es stört mich, dass ich mir darüber überhaupt Gedanken machen muss. Das musste ich die letzten 30 Jahre nicht. Und man merkt an den Reaktionen: Das haben auch die Regierungen nicht.

Wurde der Zivilschutz vernachlässigt?

In den 90er-Jahren, nach dem Fall des Eisernen Vorhang, ist ,der Russe‘ als Feinbild aus den Köpfen verschwunden – was erst mal eine gute Sache ist. Man hat aber nicht mal die Möglichkeit in Betracht gezogen, dass es irgendwann wieder anders kommen könnte – und das halte ich für fahrlässig. Man hat die Warnämter abgebaut. Man hat die Sirenen zurückgebaut, die – wie die Bunker – vom Bund auf die Kommunen übergegangen sind. Man hat die hintergründigen Systeme für die Sirenen zurückgebaut. Im Nachgang der Katastrophe im Ahrtal hat man ja beschlossen, dass man da wieder Geld reinsteckt.

Wäre es sinnvoll, die Warnämter I bis X wieder in Betrieb zu nehmen?

Diese zentrale Warn-Infrastruktur ist sicherlich etwas, das lange gefehlt hat. Ja, diese Warn-Infrastruktur, das hat man im Ahrtal gemerkt, ist sehr sinnvoll. Weil man eine zentrale Lagestelle hat, die regional übergreifend Informationen zusammentragen und auswerten kann. Und dann informierte Entscheidungen trifft, durch Personal, das dafür ausgebildet wurde. Ich glaube, dass das Bundesamt für Bevölkerungsschutz (BBK) glücklich wäre, wenn es die Warnämter noch hätte. Das BBK betreibt mit anderen Bundesbehörden aber durchaus eine moderne Warn- und Alarminfrastruktur oder baut sie auf.

Wäre es technisch möglich, das Warnamt II wieder aufzumachen?

Ich glaube nicht, dass das gewollt ist. Aber prinzipiell: klar. Man modernisiert ein paar elektrische Anlagen. Ich gebe den Schlüssel auch gerne wieder ab. Ich wurde aber auch noch nicht gefragt und glaube nicht, dass das passieren wird. Schutzbauwerke sind auf Bundesebene seit Jahren kein Thema mehr.

Sollte wieder Geld in Bunker gesteckt werden?

In der Ukraine sind Bunker, Schutzräume, tiefe Keller sehr nützlich. Aber was wollen wir hier damit? Ich bin nicht dagegen, dass man Bunker erhält, aber für andere Zwecke: Wenn bei einem Schneesturm an einem großen Bahnhof die Zugverbindung ausfallen und 500 Leute untergebracht werden müssen. Warum erhält man die Anlagen, die es an Bahnhöfen gibt, nicht für so einen Fall? Oder Hilfskrankenhäuser: Die wären vor zwei Jahren als Infektionskrankenhäuser supernützlich gewesen.

Würden Sie hierher ins Warnamt fahren, wenn es zum Schlimmsten kommt und die Raketen starten?

Dann setze ich mich mit einem Kasten Bier auf einen Hügel und genieße das Feuerwerk. Was soll ich hier? Ein globaler Atomkrieg wäre nicht zu überleben. Wir reden von Deutschland. Das hieße Dritter Weltkrieg und dass Russland schon durch die Nato-Frontlinie durch ist. Vorher fallen hier keine Bomben. Dann ist der Atomkrieg aber schon passiert.

Zeitgeschichte im Podcast: Katastrophe von Tschernobyl hat in Bassum Reaktionen hervorgerufen

Am 26. April jährt sich die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Da in den Warnämtern Daten zur Strahlenbelastung zusammenliefen, kam es in Bassum vor 36 Jahren zu vermehrten Anfragen durch Behörden und Privatpersonen. Wenige Tage später haben Grüne und Alternative Wählergemeinschaft (AWGS) mit rund 100 Teilnehmern vor dem Warnamt II demonstriert – sie forderten die Herausgabe von Strahlenwerten. Damit beschäftigt sich in dieser Woche „Kreis und Quer“, der Podcast der Mediengruppe Kreiszeitung, in seiner Rubrik „Aktiv im Archiv“. Die Folge „Der Bassumer Atombunker“ gibt es ab sofort auf Spotify, Apple Podcasts, YouTube und überall sonst, wo es Podcasts gibt. Kontakt zur Podcast-Redaktion über podcast@kreiszeitung.de.

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