Prävention

Die sich ums Kümmern kümmert – Anne-Kathrin Heinze im Interview

Projekt-Koordinatorin Anne-Kathrin Heinzes Projektstelle vor dem Kindergarten Kinderreich.
+
Bis Ende des Jahres lief Anne-Kathrin Heinzes Projektstelle. Als Koordinatorin der Präventionsarbeit hat sie unter anderem festgestellt, dass viele Jugendliche depressive Symptome zeigen. Das könnte, so Heinzes Befürchtung, in der Corona-Zeit weiter zugenommen haben.

Depressionen sind unter Kindern und Jugendlichen verbreitet. Das war eins der Ergebnisse, die Anne-Kathrin Heinze bei Umfragen für die Präventions-Strategie CTCherausgefunden hat.

Bassum – Wie kann man Problemen wie Sucht oder Gewalt frühzeitig vorbeugen? Darum geht es bei der Prävention im Kinder- und Jugendalter. In Bassum hat Anne-Kathrin Heinze seit 2019 koordiniert, welche Schwerpunkte dabei gesetzt werden. Sie geht nach der Strategie „CTC - Communities That Care“ vor. Zum Ende des Jahres lief die Förderung für die Stelle aus, CTC soll aber unter anderem Dach weiterlaufen.

Wir haben die Sozialpädagogin im Kindergarten Kinderreich getroffen, wo die 39-Jährige in der anderen Hälfte ihrer Arbeitswoche die Leitung als Altersteilzeit-Vertretung übernommen hat.

Was verbirgt sich hinter „CTC“?

CTC heißt ausgesprochen „Communities That Care“ – Kommunen, die sich kümmern. Im Rahmen eines Modellprojektes hat der Landespräventionsrat Niedersachsen diese Präventionsmethode 2009 aus Amerika nach Deutschland geholt. Es ist eine Methode – also ein Prozess, der anders als ein Programm oder ein Projekt, fortlaufend umgesetzt wird.

Was ist der Unterschied zu anderen Ansätzen?

Mit CTC ermittelt eine Kommune die Bedarfe der Kinder und Jugendlichen, die beteiligten Akteure arbeiten vernetzt und zielorientiert, und es steht mit der „Grünen Liste Prävention“ eine gute Auswahl an bereits evaluierten Programmen zur Verfügung. Auch eine Bestandsanalyse von bereits bestehenden Netzwerken und Angeboten ist ein hilfreicher Step.

Der Prozess beginnt mit einer Befragung der Kinder und Jugendlichen. Dass die, um die es geht, zu bestimmten Themen befragt werden. Dies ist Grundlage für die spätere Arbeit. Mit der Auswertung beschäftigt sich ein Gebietsteam: Personen, die täglich hauptamtlich oder ehrenamtlich mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben.

Sie haben diese Befragung in Bassum auf den Weg gebracht. Wie umfangreich war das?

Von Mai bis Oktober 2019 haben wir insgesamt 1350 Jugendliche, davon circa 300 Bassumer Schülerinnen und Schüler im Alter von 11 bis 18 Jahren befragt.

Per Fragebogen?

Ja, es gab einen Online-Fragebogen, den die Schülerinnen und Schüler während einer Schulstunde ausgefüllt haben. Einige Schulen konnten die Umsetzung nicht innerhalb des Unterrichts gewährleisten. Diese Schüler wurden gebeten, den Fragebogen Zuhause auszufüllen.

Und nach was wurde darin gefragt?

Zusammenfassend ging es um Schwerpunkt-Themen wie Freundschaft, Familie, Schulalltag, Freizeitgestaltung sowie eigene Erfahrungen mit Gewalt und Alkoholkonsum. Die Jugendlichen durften in zumeist fünfteiligen Spalten mit „definitiv ja“, „eher ja“, „neutral“, „eher nein“ oder „definitiv nein“ auf die Fragen antworten.

Was ist dabei herausgekommen?

Wir müssen zum einen ein verstärktes Augenmerk auf Depressionen im Jugendalter legen. Mehr als ein Drittel der Kinder und Jugendlichen zeigen depressive Symptome. Das ist nicht unnormal in dem Altersabschnitt zwischen 11 und 18, aber man muss vermehrt einen Blick darauf haben.

Ebenfalls gab es Auffälligkeiten beim sozialen Verhalten, sodass wir da schauen sollten: Wie kann man das soziale Gruppengefüge stärken – sei es nun nachmittags, unter Freunden oder auch in den Schulen und Kitas. Wir wollen erreichen, dass die Kinder ein stärkeres Wir-Gefühl entwickeln können und respektvoll miteinander umgehen. Ein weiter Schwerpunkt, den die Befragung ergeben hat, ist, dass unsere Kinder und Jugendlichen mehr mitbestimmen wollen.

Was wäre ein Ansatz, um das Wir-Gefühl zu stärken?

Erika Stötzel, die früher im Jugendhaus und später als Schulsozialarbeiterin tätig war, hat das „Respekt“-Programm entwickelt. Gemeinsam mit Amber Bunk, hat sie „Respekt“ mit Kindern an den Grundschulen und an der Oberschule Bassum umgesetzt. Das wollen wir weiter ausbauen und sowohl in den Kitas, als auch in den Grundschulen und der Oberschule fest implementieren.

Dass Depression verbreitet ist, war eines der Ergebnisse aus den Befragungen?

Mehr als ein Drittel der Kinder und Jugendlichen haben angegeben: Ich bin nichts wert, ich tauge nichts.

Wie kann man da sozialarbeiterisch entgegenwirken?

Zum einen ist es gut, das zu wissen und sich mit dem Thema zu beschäftigen. Ich glaube, die Kolleginnen und Kollegen haben ein gutes Gespür dafür, was im Jugendalter typisch ist: Die Hormone setzen ein, die Familie verliert zeitweise an Stellenwert, die Freunde werden dafür umso wichtiger – es ist viel im Wandel in der Pubertät. Das kann mächtige Gefühlsschwankungen und Verunsicherung hervorrufen.

An den Schulen kann man gut ansetzen, weil man dort alle Kinder und Jugendlichen erreicht. Es gibt ein Programm, das sich „Lebenslust mit Lars und Lisa“ nennt. Das hätten wir gerne an den Schulen implementiert, ist aber sehr kostenintensiv in der Vorbereitung und Umsetzung. Von daher werden wir es allein für Bassum nicht umsetzen können. Aber wir wollen schauen, ob es Möglichkeiten gibt, dass es vielleicht landkreisweit umgesetzt werden kann. Da sind wir gerade dran.

Wie muss man sich das in der Schule vorstellen, was passiert im Rahmen des Projekts?

Das ist ein Projekt, das über zehn mal neunzig Minuten geht. Der Schwerpunkt ist: Wie gehe ich mit dem Thema „Gefühle“ um? Vieles geschieht spielerisch in Rollenspielen und im Austausch miteinander. Welche Gefühle habe ich in dieser Situation? Wie gehe ich mit diesen Gefühlen um und was zeigt mir dieses Gefühl? Ist es tatsächlich so, dass mich jemand nicht mag, nur weil er mich gerade nicht gegrüßt hat, oder kann das vielleicht auch andere Gründe haben? So etwas wird dann mit den Jugendlichen des siebten und achten Jahrgangs, teilweise in geschlechtshomogenen Gruppen, thematisiert.

Die Befragungen waren noch in der Zeit vor Corona. Haben Sie eine Idee, wie sich Corona auf das, was die Schüler mitteilen würden, auswirkt?

Da die Schulen teilweise geschlossen waren und einige Zeit Homeschooling anstand, waren viele isoliert, hatten nur noch zu den engsten Familienmitgliedern Kontakt und konnten ihre Freunde nicht treffen. Den gewohnten Alltag und den Austausch mit Gleichaltrigen gab es so nicht mehr. Daher glaube ich, dass die depressiven Symptome tatsächlich noch zugenommen haben.

Ich glaube aber, dass im Gegensatz dazu, der Umgang mit Alkohol und Drogen eher zurückgegangen ist. Denn, wann konsumiert man Alkohol und Drogen? Wenn man sich mit Freunden trifft, wenn man am Wochenende auf Partys geht und feiert.

Ihre Projektstelle lief bis zum Ende des Jahres. Aber eigentlich sind Sie noch mittendrin, oder?

Ja, weil CTC ein Prozess ist, der immerzu spannend bleibt. Und wenn wir Programme anwenden, hoffen wir natürlich auf positive Ergebnisse in den Lebenswelten der Kinder und Jugendlichen. Sichtbar wird das, was uns die Kinder und Jugendlichen – in den Befragungen –zurückspiegeln. Aber das passiert nicht von jetzt auf gleich. Das braucht Zeit und Kontinuität: CTC bleibt am Ball, mit neuen Befragungen und neuen Schwerpunkten braucht es eventuell andere Programme, damit Kinder und Jugendliche gesund und sicher aufwachsen können.

Und Sie würden das gerne langfristig begleiten?

Ich fände es toll, wenn sich CTC langfristig in Bassum etablieren würde. Meine berufliche Zukunft sehe ich eher im Kita-Bereich. Derzeit bin ich als Allgemeine Vertretung der Leitung in der Kindertagesstätte Kinderreich tätig. Darauf möchte ich meinen persönlichen Schwerpunkt legen. Wird CTC in Bassum weiterhin umgesetzt, dann werde ich die Präventionsmethode natürlich weiterhin begleiten und unterstützen. Ein ganzes Stückchen Herzblut von mir steckt da mit drin.

Programme zur Prävention in Bassum

Im Rahmen der Fortbildung Kita-Move sollen Grundschullehrer und Erzieher in „Methoden der motivierenden Gesprächsführung“ trainiert werden. Das soll unter anderem beim vertrauensvollen Kontakt zu schwer erreichbaren Eltern helfen.

Bei 1000 Schätze, im vergangenen Jahr an den Grundschulen Mittelstraße Bassum und Neubruchhausen gestartet, geht es darum, wie man Gewalt und Sucht von der ersten Klasse an vorbeugen kann.

Respekt – für mehr Miteinander an Schulen soll im Frühjahr 2022 wieder aufgenommen werden.

An der OBS und der Lukas-Schule können sich Siebt- und Achtklässler zu Schulsport-Assistenten- qualifizieren, um dann etwa für zusätzliche Bewegung in den Pausen sorgen.

In der Prüfungsphase für Förderung befindet sich das von der Fachstelle für Sucht- und Suchtprävention Release entwickelte Projekt Kinder aus suchtbelasteten Familien. Das soll ein übergreifendes Projekt der Gemeinden Weyhe, Stuhr, Syke und Bruchhausen-Vilsen werden.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Meistgelesene Artikel

Gericht: Linie 8 von Bremen nach Weyhe darf ausgebaut werden

Gericht: Linie 8 von Bremen nach Weyhe darf ausgebaut werden

Gericht: Linie 8 von Bremen nach Weyhe darf ausgebaut werden
Auto überschlägt sich bei Maasen

Auto überschlägt sich bei Maasen

Auto überschlägt sich bei Maasen
Neue Anlaufstelle für Motorradbegeisterte

Neue Anlaufstelle für Motorradbegeisterte

Neue Anlaufstelle für Motorradbegeisterte
Marktmeister wagt Prognose: „Der Brokser Heiratsmarkt findet statt. Punkt.“

Marktmeister wagt Prognose: „Der Brokser Heiratsmarkt findet statt. Punkt.“

Marktmeister wagt Prognose: „Der Brokser Heiratsmarkt findet statt. Punkt.“

Kommentare