Erinnerungen einer Schülerin

Als die Pocken zum Problem wurden: Impfpflicht 1932

Liebevoll verziert hat die damals Zwölfjährige ihren Aufsatz.
+
Liebevoll verziert hat die damals Zwölfjährige ihren Aufsatz.

Neubruchhausen – Mit mobilen Impfteams kämpfen der Landkreis und das DRK zurzeit gegen Corona – eine Tatsache, die für Sigrun Reimer aus Neubruchhausen so etwas ist wie ein Déjà Vu: „Mir fiel mir wieder der alte Aufsatz einer ehemaligen Nachbarin ein, die 1932 gegen Pocken geimpft wurde und anschaulich darüber geschrieben hat“, berichtet Sigrun Reimer.

Es ist ein Stück Zeitgeschichte, an dem ihre ehemalige Nachbarin Mariechen Emshoff geborene Gerke sie teilhaben ließ.

Sie gab Sigrun Reimer einst ihr altes Aufsatzheft zum Kopieren und Fotografieren. Das Original liegt mittlerweile im Kreismuseum Syke, dorthin haben es die Nichte von Mariechen Emshoff und Sigrun Reimer nach dem Tod der alten Dame gebracht.

Note „Sehr gut“

Als knapp 13-Jährige hatte sie ein „Sehr gut“ für ihre Arbeit erhalten. Sie schrieb damals: „Es ist Abend. Wir sitzen fröhlich plaudernd in der Stube. Mein Vater liest die Zeitung, und meine Mutter strickt ein Paar wollene Strümpfe. Sie ist schon wieder auf den Winter bedacht. Wir sitzen rund um den Tisch herum und spielen ,Mensch ärgere dich nicht.’ Alle Augenblicke muß einer wieder von vorne anfangen. Auch mich trifft öfter das Unglück. Plötzlich ließ auch mein Vater sich wieder hören, indem er sagte: „Mariechen, hast du auch schon gelesen, daß ihr zum Impfen müßt?“ „Nein, zeig doch mal!“ Und richtig, am 14. Juni, nachmittags 2 ½ Uhr ist der Impfarzt im Cordes‘schen Gasthause anwesend.

Immer, immer näher rückte der Impftag, und meine Angst wurde desto größer. Einige Tage vorher machte meine Mutter meine neue Kleidung schon zurecht. Da dauerte es nicht mehr lange, und der Impftag war herangekommen. Schnell half mir meine Mutter beim Anziehen, und um 1 ½ Uhr machte ich mich auf den Weg nach Cordes. Grete Diekmann hatte auf mich gewartet, und nun gingen wir beiden zusammen los. ,Du, was meinst du wohl, Mariechen, tut das Impfen auch weh? Ich habe schon soviel Angst, daß ich Kopfschmerzen habe.’

,Tut, tut,’, ging es plötzlich hinter uns, und wir wichen aus. ,Sieh, das ist der Impfarzt schon. Nun müssen wir uns aber sputen, sonst kommen wir zu spät’, sagte ich. Als wir anlangten, waren schon alle Impflinge, unser Lehrer und Doktor Lohrig da. Grete und ich freuten uns, daß es noch früh genug war. Zuerst wurden die einjährigen Kinder geimpft. Als wir nun hörten, daß einige kleine Kinder weinten, sprachen wir zueinander: ,O, wenn es doch nur nicht so weh tut! Ich mag noch gar nicht daran denken.’ Nun kamen wir an die Reihe.

Im Gänsemarsche mußten wir in das Impflokal gehen. Ich wurde zuerst geimpft. Er nahm einen Wattebausch und wischte damit über den linken Arm. Jetzt mußte es trocknen. Dann kriegte er ein ganz spitzes Messer her und machte vier Schnitte in den Oberarm. Aber es tat gar nicht weh; sondern es war fast genau so, als wenn mich eine Fliege kitzelte. ,Ein Glück, daß ich die Impfung überstanden habe; denn nun brauche ich ja keine Angst mehr zu haben,’ dachte ich.

Am ersten Tage nach dem Impfen war noch nichts auf dem Arm zu sehen. Erst am dritten und vierten Tag wirkte das Pockengift und von Tag zu Tag wurden die Pocken größer. Des Nachts schlief ich fast gar nicht; denn es juckte fürchterlich. Acht Tage später mußten wir zur Nachschau. Diesmal waren wir beiden aber nicht wieder die letzten; sondern ziemlich die ersten. Allmählich versammelten die Mütter sich wieder mit ihren Schreihälsen.

Bald kamen auch Herr Arnemann und Doktor Lohrig wieder angefahren. Nun konnte es losgehen. In derselben Reihenfolge wie voriges Mal mußten wir hereinkommen. Jeder mußte ihm seinen Arm vorzeigen, und er sah zu, wieviel Pocken aufgegangen waren. Dieses trug er in eine Liste ein. Jeder Impfling, der mit Erfolg geimpft war, bekam einen Schein. Hiernach durften wir wieder nach Hause gehen.

„Was für einen Zweck hat es denn?“

Ja, warum wird man denn eigentlich geimpft und was für einen Zweck hat es denn? Die Pocken sind eine gefährliche und ansteckende Krankheit. In früheren Jahren sind alljährlich Tausende von Menschen im Deutschen Reiche an dieser Seuche gestorben. Wenn heutzutage die Pocken eine fast unbekannte Krankheit sind, so ist dies dem Reichsimpfgesetz zu verdanken.

Durch das Impfen kommt Gift in den menschlichen Körper. Aber das Blut bildet ein Gegengift, und drängt es wieder heraus. Es ist gut, daß keiner die Pocken zum zweiten Mal wiederkriegen kann; weil dann sein Körper dagegen immun ist. Wir können uns aber freuen, daß man das Reichsimpfgesetz eingeführt hat; denn sonst würden wohl noch viele, viele Menschen an der ansteckenden Krankheit sterben.“

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Meistgelesene Artikel

Radfahrer in Barver: Angefahren. Liegen gelassen. Tot.

Radfahrer in Barver: Angefahren. Liegen gelassen. Tot.

Radfahrer in Barver: Angefahren. Liegen gelassen. Tot.
Claudia Meyer ist neue Kita-Leiterin

Claudia Meyer ist neue Kita-Leiterin

Claudia Meyer ist neue Kita-Leiterin
Blitzer im Landkreis Diepholz: Dies sind die aktuellen Standorte

Blitzer im Landkreis Diepholz: Dies sind die aktuellen Standorte

Blitzer im Landkreis Diepholz: Dies sind die aktuellen Standorte
Urologie Diepholz: 9.000 Patienten und neuer „Zertrümmerer“

Urologie Diepholz: 9.000 Patienten und neuer „Zertrümmerer“

Urologie Diepholz: 9.000 Patienten und neuer „Zertrümmerer“

Kommentare