Treffen in Oldenburg und Hannover

Hunderte Landwirte aus dem Kreis Diepholz auf den Straßen: „Die haben uns unterschätzt“

+
Die Bauernproteste in Hannover legten Teile der Stadt lahm. Ähnlich sah es in Oldenburg aus.

„Hier geht gar nichts mehr, die ganze Stadt liegt lahm“, berichtet der Landwirt. Am Telefon geht er davon aus, dass er es nicht mehr rechtzeitig zur Kundgebung am Maschsee in Hannover schaffen wird. Mit seinem Schlepper kommt er weder vor noch zurück. Die ganze Zeit sei Blaulicht zu sehen, erzählt er.

Landkreis Diepholz - Sind es sonst immer Autofahrer, die durch den landwirtschaftlichen Verkehr auf deutschen Straßen ausgebremst werden, war es Dienstag ein wenig anders. Die Traktoren bremsten sich gegenseitig aus. Unzählige Landwirte zogen in die Städte, um ihrem Unmut über die aktuelle Agrarpolitik und die Kritik aus der Bevölkerung laut zu machen.

Auch aus dem Landkreis Diepholz kamen zahlreiche Demonstranten. Mindestens acht Sternfahrten in die Landeshauptstadt will der eingangs erwähnte Landwirt aus dem Raum Sulingen gezählt haben. Sollten es wie bei seiner Gruppe aus Lemke (Marklohe) rund 200 Landwirte pro Tour sein, müssten es insgesamt rund 1500 Demonstranten in Hannover sein, rechnet er vor.

Autofahrer winken und strecken Daumen in die Höhe

Die Reaktion der Autofahrer und Passanten beschreibt der Landwirt dabei als überwiegend positiv. Viele hätten den vorbeifahrenden Traktoren zugewunken und den Daumen nach oben gestreckt. Hat die Demo in seinen Augen für die richtige Portion Aufmerksamkeit gesorgt? „Ich denke schon.“ Im Radio werde laufend über die Verkehrsbehinderungen und die Kundgebung berichtet. „Das ist schon sehr groß.“

Die Forderungen der Landwirte sind klar: Sie kämpfen dafür, endlich gehört zu werden.

In Oldenburg zeichnet sich ein ähnliches Bild ab. Viele Teilnehmer aus dem Nordkreis hatten sich am frühen Dienstagmorgen auf den Weg in die Stadt gemacht. Von Bassum aus seien rund 38 Landwirte mit ihren Traktoren gestartet, berichtet ein Teilnehmer. Unterwegs hätten viele Hinzugestoßene die Kolonne, die durch die Polizei begleitet wurde, auf rund 100 Fahrzeuge vergrößert.

Trecker-Demo: Kein Durchkommen in Oldenburg

In Oldenburg gab es am Vormittag schließlich ebenfalls kein Vor und kein Zurück mehr. „Die haben uns genau so unterschätzt, wie sie es die ganze Zeit schon getan haben“, sagt Björn Brunkhorst. Als sich der Landwirt aus Apelstedt bei Bassum in der Redaktion meldet, sitzt er gerade auf seinem Trecker vor den Toren Oldenburgs. „Es ist der helle Wahnsinn, was hier los ist“, freut er sich.

Obwohl er seit rund einer Stunde auf der Bremer Straße im Stau steht und wenig später auch die Kundgebung an der Weser-Ems-Halle verpasst, herrscht bei ihm gute Stimmung. 90 Prozent der Passanten und anderen Autofahrer seien dem Protest gegenüber positiv eingestellt, einige würden die Landwirte sogar mit Kaffee und anderen warmen Getränken versorgen, berichtet er. Als sie durch Delmenhorst gefahren seien, hätten viele dort ihre Zustimmung gezeigt.

Treckerkolonnen, so weit das Auge reicht. Auch in Bassum nehmen viele Landwirte teil.

Auf der anderen Seite berichtet der Schweinebauer allerdings auch von den anderen zehn Prozent – denjenigen, die kein Verständnis für den Protest haben. „Manche sind hier fernab von jedem Verstand“, ärgert sich Brunkhorst. Vor allem einige Pendler seien sehr ungehalten und würden sogar mit dem Auto über die Gehwege fahren.

Am Ende überwiege bei ihm jedoch die Freude über die hohe Beteiligung an der Demonstration. „Es waren weit mehr als erwartet“, zeigt sich Brunkhorst am Nachmittag begeistert. Einer seiner Mitstreiter spricht am Ende von rund 2400 Schleppern in Oldenburg, davon 1 600 vor der Weser-Ems-Halle.

Umgang mit „Roten Gebieten“ ärgert die Landwirte

Sie alle einen Forderungen, die Björn Brunkhorst bereits einige Tage vor den Demonstrationen in einem wütenden Leserbrief an diese Zeitung formuliert hat. Er kritisiert darin unter anderem den Umgang mit den „Roten Gebieten“, bei denen alleine die Landwirte für den hohen Nährstoffeintrag in das Grundwasser verantwortlich gemacht würden. Für ihn und viele seiner Kollegen sei das ein „Schlag ins Gesicht“, würden sie sich doch schon jahrelang für den Gewässerschutz einsetzen.

Kaum ein Vorbeikommen gibt es am Dienstagvormittag auf vielen Straßen in der Umgebung, wie hier auf der B 6 in Richtung Hannover.

Neben diesen harten Fakten ist es jedoch vor allem eine weitere Sache, die Brunkhorst an diesem Dienstag nach Oldenburg geführt hat. „Aber – und das ist es, was mich auf die Straße bringt – wenn Menschen permanent auf mich einschimpfen, ich würde doch die Umwelt versauen und alles vergiften, dann platzt mir der Kragen“, schreibt er.

Oft für aktuelle Umweltschäden verantwortlich gemacht

Und so sind es am Ende zwei Dinge, die Brunkhorst und seine Mitstreiter stören: Nicht nur würden sie unter den immer höheren Auflagen und der immer größeren Konkurrenz aus dem Ausland leiden. Sie würden auch als alleinige Verursacher für die Umweltschäden verantwortlich gemacht und in der Gesellschaft geächtet. Mit den Demonstrationen in Hannover, Oldenburg und vielen anderen Städten wollen sie das Blatt nun wenden.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Revolutionsgarden erklären Unruhen im Iran für beendet

Revolutionsgarden erklären Unruhen im Iran für beendet

Zeugin: Ukraine hat die US-Wahl 2016 nicht beeinflusst

Zeugin: Ukraine hat die US-Wahl 2016 nicht beeinflusst

Papst in Thailand: Prostitution und Sextourismus ist "Plage"

Papst in Thailand: Prostitution und Sextourismus ist "Plage"

„The Magic of Santana“ in der Verdener Stadthalle

„The Magic of Santana“ in der Verdener Stadthalle

Meistgelesene Artikel

Bergung macht stundenlange Sperrung der B214 nötig

Bergung macht stundenlange Sperrung der B214 nötig

Nach Kalbsriss an der Beeke: Mehrfach Wölfe in Diepholz gesehen

Nach Kalbsriss an der Beeke: Mehrfach Wölfe in Diepholz gesehen

Feueralarm bei Ikea: Mitarbeiter räumen Gebäude

Feueralarm bei Ikea: Mitarbeiter räumen Gebäude

Radlader brennt: B214 muss erneut gesperrt werden 

Radlader brennt: B214 muss erneut gesperrt werden 

Kommentare