Anleinpflicht missachtet: Kitze haben keine Chance

Hunde hetzen trächtiges Reh zu Tode

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Ein Anblick, der traurig macht. Die beiden Kitze wären vor wenigen Tagen zur Welt gekommen. Die typischen weißen „Kitzflecken“ auf den Rücken sind bereits gut zu erkennen.

Nordwohlde - Von Ulf Kaack. Marina Dreier ist sauer. Stinksauer. Am Freitagmorgen wurde sie Zeugin, wie zwei Hunde eine Ricke durch die Feldmark hetzten. Mit gleich dreifach tödlicher Folge: Nicht nur die Ricke kam ums Leben, auch zwei ungeborene Kitze, die am Wochenende das Licht der Welt erblickt hätten.

Für Marina Dreier begann besagter Freitag dramatisch. Trotz doppelter Sicherung waren vier ihrer Pferde aus der Weide in Steinforth ausgebrochen. Gemeinsam mit Wilken Früchtenicht – Land- und Pferdewirt in Nordwohlde, außerdem Jäger – hatte sie die Tiere in der Nähe des Sportplatzes entdeckt und wollte sie einfangen, als sie ein flüchtendes Reh, verfolgt von zwei Hunden, sah.

Zwei Leinen - locker um den Hals geworfen

„Die Ricke wurde von zwei freilaufenden Hunden durch ein kleines, an den Sportplatz angrenzendes Waldstück gehetzt“, schildert die 60-Jährige den Vorfall. „Die Zunge hing ihr aus dem Hals. Die Hunde waren unmittelbar hinter ihr, bellten dabei laut. Dann ging alles blitzartig. Das Reh prallte in seiner Panik gegen einen Zaun und ging zu Boden. Sofort sprangen die Verfolger auf ihren Körper.“

Nur mit Mühe und Unterstützung des zwischenzeitlich eingetroffenen Hundebesitzers – zwei Leinen hatte er sich locker um den Hals geschlungen, berichtet die Augenzeugin – ließen die beiden Mischlinge von dem Reh ab, das bereits verendet war.

„Der voluminöse Körperbau und die geringe Fluchtgeschwindigkeit der Ricke ließen darauf schließen, dass sie trächtig war“, sagt Marina Dreier. Und das bewahrheitete sich, als Jagdaufseher Rudi Ahlers den Kadaver genauer untersuchte: „Im Körper des Tiers befanden sich zwei nahezu völlig ausgebildete Kitze, die ganz sicher am Wochenende zur Welt gekommen wären. Das wird durch die Tatsache untermauert, dass im Gesäuge bereits Muttermilch vorhanden war.“

Verwaltung: Nehmen den Fall sehr ernst

Als Todesursache hat Rudi Ahlers einen Genickbruch bei der Ricke diagnostiziert. Der Tierkörper wies darüber hinaus Bissspuren auf, die offensichtlich vom Kampf mit den beiden Hunden stammten.

Am Ort des Dramas: (v.r.) )Augenzeugin Marina Dreier rekonstruiert mit den Jägern Wilken Früchtenicht, Rudi Ahlers und Heinz Brinkmann den Tod der hochträchtigen Ricke.

Die Jagdgemeinschaft Nordwohlde hat den Vorfall an das zuständige Ordnungsamt der Stadt Bassum gemeldet. Und das aus gutem Grund, stellt er doch einen Verstoß gegen die vom 1. April bis 15. Juli geltende Anleinpflicht von Hunden in der freien Landschaft während der Brut- und Setzzeiten dar, eindeutig geregelt im niedersächsischen Gesetz über den Wald und die Landschaftsordnung. Das bestätigte auf Anfrage Norbert Lyko, erster Stadtrat im Bassumer Rathaus, konnte sich aber aufgrund des laufenden Verfahrens nicht detaillierter zur Sachlage äußern: „Wir nehmen den Fall sehr ernst und verfolgen ihn mit Hochdruck. Der Gesetzgeber hat sich schon etwas dabei gedacht, als er die Verordnung über die Anleinpflicht rechtsverbindlich für die Hundehalter initiiert hat.“

Juristisches und moralisches Fehlverhalten

Verärgert sind die Nordwohlder Jäger über das Geschehene. „Das hätte nicht passieren dürfen“, sagt Heinz Brinkmann, der außerdem Geschäftsführer der Jägerschaft Syke ist. „Die Hunde können nichts für das, was passiert ist. Sie sind ihrem natürlichen Jagdtrieb gefolgt. Es liegt eindeutig ein Fehlverhalten ihres Besitzers vor – juristisch und moralisch. In jedem Jahr wird von den Behörden, den Jägern und Naturschutzverbänden in nahezu allen Medien auf die Anleinpflicht und deren Einhaltung hingewiesen. Wirklich niemand kann sich darauf berufen, davon keine Kenntnis zu haben.“

Keinesfalls wollen die Jäger alle Hundebesitzer über einen Kamm scheren. Im Gegenteil, so Brinkmann: „Nach den Beobachtungen in unserem Revier halten sich die meisten Hundebesitzer an die Anleinpflicht. Ist dies mal nicht der Fall, sprechen wir sie an und klären sie über den Sinn und Zweck auf. Wir alle sind gern in der Natur und freuen uns, wenn sie intakt ist. Und das funktioniert am besten gemeinsam.“

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