Mustapha Alouche schreibt ein Buch über sein Leben in Syrien

Hühnerei auf gebrochene Knochen

Zwei Perspektiven auf dasselbe Ereignis: Mustapha Alouche schildert Christian Porsch, wie er seine Aufnahme in Bassum erlebte und überreicht ihm sein Buch. 
Foto: Kreykenbohm
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Zwei Perspektiven auf dasselbe Ereignis: Mustapha Alouche schildert Christian Porsch, wie er seine Aufnahme in Bassum erlebte und überreicht ihm sein Buch. Foto: Kreykenbohm

Bassum – Statt in einer Wohnung, lebt die Familie in einem Zelt. Die Eltern arbeiten auf dem Feld, die acht Kinder helfen mit. Je nachdem, wo Arbeit ist, wird auch das Zelt aufgebaut. Eigenes Wasser besitzt die Familie nicht. Der Vater muss es beim Nachbarn kaufen, weil der einen Brunnen hat.

Geschlafen wird auf dem Boden. Zum Frühstück gibt es nur einzelne Lebensmittel, wie zum Beispiel Käse mit Tee. Für mehr reicht das Geld nicht. Ebenso wenig für einen Arztbesuch. Als das drittjüngste Kind, ein Junge, sich den Ellenbogen bricht, reibt ihm eine Frau, die sich angeblich auf Medizin versteht, seinen Arm mit Hühnerei ein und verbindet ihn. Nur mit schweren Krankheiten geht man zum Arzt. Ansonsten trinkt man Tee und hofft, dass man von alleine gesund wird.

Als der Junge in die Schule kommt, wird ein Foto von ihm gemacht. Das erste in seinem Leben, denn Fotos machen nur reiche Leute.

Mehr als 40 Jahre ist das jetzt her. Das Einschulungsfoto ziert nun den Umschlag eines Buches. Geschrieben hat es Mustapha Alouche – der Junge auf dem Bild. Vor fünf Jahren ist er aus Syrien nach Deutschland geflohen und hat in Bassum eine Heimat gefunden. „Einige meiner persönlichen Geheimnisse“ lautet der Titel – und verrät schon, worum es in dem Buch geht. „Ich schreibe über mein Leben und meine Erfahrungen. Es soll den Lesern den Alltag einer Familie in Syrien näherbringen und dabei verschiedene Themen streifen.“ Sieben Monate hat er an dem Buch geschrieben. Bei der Übersetzung hat ihm Sozialarbeiterin Hilke Bald zur Seite gestanden.

Mustapha Alouche arbeitet heute als Schulassistent an einer Bremer Schule. Und obwohl ihm die Arbeit Freude macht und er seine Kollegen sehr schätzt, lässt ihn doch sein ehemaliger Beruf nicht ganz los. Er muss schreiben, sich mitteilen. „Ich bin Journalist und habe so viele Ideen im Kopf. Sie drücken mich“, erklärt Alouche und berührt seine Schläfen mit den Fingern. „Ich möchte meine Zeit nutzen, um etwas zu tun, was nötig und richtig ist.“ Und Alouche hält es für richtig, den Menschen von seiner Heimat zu erzählen, damit sie neue Eindrücke von Syrien bekommen.

Was bedeutet es, in einem Land aufzuwachsen, das von einem Diktator regiert wird, der sein eigenes Volk unterdrückt? Alouche weiß es. Als er 18 Jahre alt war, wurde sein Bruder, der als Lehrer arbeitete, vom Geheimdienst verhaftet, weil er sich kritisch über Baschar Hafiz al-Assad geäußert hatte. Über ein Jahr lang wusste die Familie nichts von ihm. Insgesamt saß er 15 Jahre in Haft. Auch Alouches zweiter Bruder wurde verhaftet und weggesperrt.

Der Bassumer schreibt über die bittere Armut in einem Land, das von seinen Ressourcen her eigentlich reich sein könnte. Und er gibt persönliche Einblicke in sein Leben, wie seine Beziehung zu Gott, die Adoption seiner Tochter und wie er erzogen wurde. Er schreibt über den Tag, an dem er satt und überglücklich nach Hause kam, weil er bei einem Schulfreund zum Essen eingeladen worden war und Reis mit Milch und Zucker bekommen hatte. „Aber es gibt auch lustige Situationen, wie aus meiner Schulzeit. Es ist nicht immer alles nur Tragik“, verspricht Alouche mit einem Augenzwinkern.

Er hat auch einen Brief an Angela Merkel in sein Buch aufgenommen, der er noch immer dankbar dafür ist, dass sie ihm und seiner Familie die Einreise nach Deutschland ermöglichte. „Ich würde mir wünschen, dass sie das Buch liest“, verrät Alouche, der seine Geschichte in Syke drucken ließ und mit Impressionen aus Syrien bebilderte. Er bedauert, dass er keinen richtigen Verlag finden konnte.

Einer seiner ersten Leser wird Bürgermeister Christian Porsch sein, dem er kürzlich ein Exemplar schenkte – und die Gelegenheit wahrnahm, den Bassumern für die herzliche Aufnahme zu danken. „Die Menschen von der Initiative Willkommen in Bassum, sind liebe, gute Leute. Sie haben uns so viel geholfen.“ Porsch stimmt ihm zu: „Wir sind sehr dankbar für diese Ehrenamtlichen. Ich weiß nicht, wie wir das ohne sie geschafft hätten.“

Es ist ein besonderes Bild, wie die beiden einander am Tisch im Bürgermeister-Zimmer gegenübersitzen. Zwei Menschen schildern die gleiche Situation – nur aus verschiedenen Perspektiven. Der eine erzählt, wie kompliziert es für die Verwaltung war, kurzfristig eine Gruppe von Menschen unterzubringen. Der andere erläutert, wie wichtig es für ihn war, dass Porsch und sein Team diese Aufgabe gut bewältigt haben. Beide nicken immer mal wieder und sagen: „Ich verstehe.“

Mustapha Alouche hofft, dass sich einige Leser finden, die Interesse an seinem Buch haben. Wer es bestellen möchte, kann sich an ihn wenden. Er wird dann beim Verlag die Bücher drucken lassen. „Der Preis soll nur die Kosten decken. Ich möchte daran nichts verdienen. Ich möchte den Menschen nur von Syrien erzählen.“

Kontakt

Wer ein Buch haben möchte, kann sich per E-Mail an aloshmostafa2@gmail.com wenden.

Von Julia Kreykenbohm

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