Projekt kostet rund zehn Millionen Euro

Historische Verkapselung für klinisch tote Deponie

AWG-Geschäftsführer Andreas Nieweler an der Schautafel, die am „Bassumer Utkiek“ über die Altdeponie informiert. - Foto: Seidel

Bassum - Von Anke Seidel. Es ist ein historisches Projekt, das den Grundstein für ein nachhaltiges Naherholungsgebiet legt: Zehn Millionen Euro investiert die AWG, die Abfall-Wirtschafts-Gesellschaft, in die finale Oberflächenabdeckung – sprich die Verkapselung – der Altdeponie in Bassum-Klövenhausen. Mit Bentonit-Matten und einer einen Meter dicken Erd- und Mutterbodenschicht wird die 13 Hektar große Altdeponie abgedeckt. Deshalb bleibt der „Bassumer Utkiek“, ein beliebtes Areal für Spaziergänger und Naturfreunde, ab 1. Oktober für mindestens vier Jahre geschlossen.

Es ist ein Meilenstein in der Geschichte der Abfall-Entsorgung im Landkreis Diepholz, der in Klövenhausen realisiert wird, denn es ist der endgültige Abschluss der Müll-Entsorgung aus den 1980er Jahren.

Der Deponie-Bereich der AWG auf einen Blick: Die ersten vier Abschnitte sollen verkapselt werden, der fünfte bis siebte Abschnitt werden zurzeit verfüllt. Der achte ist noch nicht gebaut.

Rückblende: 1978 ensteht die Mülldeponie im Bassumer Ortsteil Klövenhausen. Dort landen die gesamten Haus- und Gartenabfälle der Bürger aus dem Nordkreis – nicht fein säuberlich sortiert und vorbehandelt wie es heute vorgeschrieben ist, sondern direkt aus der Mülltonne und bunt gemischt: Leere Flaschen von Shampoo (das damals noch Formaldehyd enthalten durfte) oder Plastikschläuche (in denen damals Milch verkauft wurde) gemischt mit Dosen, Strauchschnitt, Farbresten, Batterien und, und, und. Schadstoff-Entsorgung und Bio-Tonne gab es damals nicht.

Zumindest aber entstand die Deponie auf einer natürlichen, dichten Tonschicht in sieben Metern Tiefe. „Das war Zufall und ein glücklicher Umstand“, sagt AWG-Geschäftsführer Andreas Nieweler. „Denn sonst hätten wir die Erweiterung niemals genehmigt bekommen.“

Um die damalige Deponie noch besser abzudichten, zog der kreiseigene Entsorgungsbetrieb in Gewässer-Fließrichtung eine tiefe Ton-Seitenabdichtung mit unterirdischer Drainage ein – und leitete das Abwasser aus der Deponie durch eine Kläranlage. Der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz, kurz NLWKN, wacht über die Einhaltung der Grenzwerte.

13 Hektar Fläche, aufgeteilt in vier Abschnitte, füllten sich schließlich mit den Schattenseiten der Wohlstandsgesellschaft. „Ende der 1980er Jahre haben wir die vier Abschnitte verfüllt“, blickt AWG-Geschäftsführer Nieweler auf die Deponierung in diesem Bereich und den Abschluss.

Zurzeit hat die AWG den fünften, sechsten und siebten Abschnitt in Betrieb. Dort landet (auf einer künstlich geschaffenen Tonwanne) nur gründlich vorbehandelter und minimierter Abfall.

Zurück zur Altdeponie: Sie erhielt nach der Verfüllung eine einen Meter dicke Abdeckung aus Misch- und Mutterboden. Diese Rekultivierungsschicht treten die Besucher des „Utkieks“ zurzeit mit Füßen: Dort, wo sich die Rodelbahn befindet und Kunst im offenen Raum bestaunt werden kann, säumen sogenannte Gasbrunnen den Weg: Sie zeigen an, ob es in den unteren Bodenschichten mit dem alten Wohlstandsmüll noch gärt – oder ob der Verrottungsprozess vollständig abgeschlossen ist: Nämlich dann, wenn kein Gas mehr austritt.

Genau das ist in den vier Altabschnitten nun der Fall. „Das haben Schürfungen und Bohrungen bestätigt“, sagt Andreas Nieweler. „Die Deponieabschnitte sind sozusagen klinisch tot“, erläutert der Geschäftsführer.

Der Gesetzgeber hat für diesen Fall klare Vorgaben gemacht: Wenn Sackungen und Setzungen abgeklungen und biochemische Prozesse abgeschlossen sind, muss die endgültige Abdeckung aufgebracht werden. Das Ziel ist die sogenannte „Vollverkapselung“. Den Grundstein dafür legen zum einen die Matten aus Bentonit. Dieses Naturmineral bindet Schadstoffe und sogar Radioaktivität: Der Reaktor in Tschernobyl wurde damit „eingesargt“. Das Tonmineral Bentonit wird als Entgiftungsstoff sogar in der menschlichen Ernährung eingesetzt.

Sind die Matten auf der Altdeponie aufgebracht, folgt eine 70 Zentimeter starke Mischboden-Schicht. Darauf kommt noch einmal eine 30 Zentimeter starke Decke aus Mutterboden. „Wir dürfen dort nichts anpflanzen, was tief wurzelt“, erläutert Nieweler. Deshalb wird dort eine Grünfläche entstehen. „Ich kann mir sogar vorstellen, dass Schafe darauf weiden“, blickt der AWG-Geschäftsführer auf die Zeit nach dem Abschluss des Projektes.

Wie schon in den vergangenen sechs Jahren soll die dann vollständig verkapselte Altdeponie als Naherholungsgebiet zur Verfügung stehen. „Sanften Naherholungs-Tourismus“ wünscht sich Nieweler für das 13 Hektar große Gelände – und zwar im Einklang mit dem Naturschutzrecht und auch als Rückzugsraum für heimische Wildtiere. Wieder sollen dort Wanderwege und Rodelbahn entstehen, Bänke und Spielgeräte oder Kunst im offenen Raum.

Wunsch-Eröffnungstermin für den neuen Bassumer „Utkiek“ ist das Jahr 2020. Bis dahin bleibt genügend Zeit, um weitere Ideen für die Gestaltung zu sammeln. Die AWG ist offen für Vorschläge von Bürgern, signalisiert der Geschäftsführer. Projekte mit Event-Charakter sind allerdings ausgeschlossen: „Moto-Cross und Gleitschirmflug sind dort nicht möglich.“

Bisher ist das Areal von Zäunen umgeben. Sie werden nach der Sanierung abgebaut. „Die Altdeponie ist dann wieder Teil der Landschaft“, sagt Nieweler.

Doch ihre Überprüfung durch Fachleute bleibt: Nach Abschluss der „Verkapselung“ beginnt die sogenannte Nachsorge. „Sie ist gesetztlich auf 30 Jahre festgelegt“, erläutert Nieweler. Erst danach steht fest, ob diese Überwachung beendet werden kann oder weitergeführt werden muss.

Doch zunächst beschäftigt sich die AWG mit Vorarbeiten für das historische Projekt: „Wir bereiten zurzeit die Bauausschreibung vor, im Herbst wird dann europaweit ausgeschrieben“, berichtet der AWG-Geschäftsführer. Der wirtschaftlichste Anbieter erhält dann den Zuschlag.

Die Investitionskosten in Höhe von rund zehn Millionen Euro stehen übrigens schon bereit: Für dieses Projekt hat die AWG bereits über Jahre Rückstellungen gebildet. Dazu haben wie vorgeschrieben die Bürger ihren Beitrag geleistet: über ihre Entsorgungsentgelte.

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