25-Jähriger fliegt zurück ins Heimatland

Augen-OP für schwer verletzten Awet aus Eritrea nicht möglich

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Rena Ziegler besucht mit Awet die Bremer Stadtmusikanten.

Awet sitzt entspannt auf dem Gartenstuhl und lauscht den Melodien, die aus dem tragbaren Abspielgerät dringen. „Music from Eritrea (Musik aus Eritrea)“, erklärt der 25-Jährige mit einem schüchternen Lächeln und fügt hinzu: „Alles gut?“ Das, sowie „Danke“ und „Tschüss“ sind die Worte, die er in seiner kurzen Zeit in Deutschland gelernt hat. Die neigt sich nun dem Ende zu. Am Dienstag reist er zurück in sein Heimatland.

Högenhausen - Der zierliche junge Mann spricht mit leiser Stimme, wirkt ruhig, manchmal fast entrückt, wenn er still dasitzt, die Brille mit den dunklen Gläsern auf der Nase, den Blindenstock neben sich. Nach außen ist er gefasst, lächelt oft und dankt immer wieder seinen Gasteltern Rena Ziegler und Heiner Herholz. Wie es in ihm aussieht, kann man sich vermutlich nicht einmal vorstellen. Wie fühlt ein Mensch, dessen größte Hoffnung sich zerschlagen hat und dessen Zukunft ungewiss ist?

Awet verlor sein Augenlicht bei einem Überfall

Awet ist vor drei Jahren in seiner Heimat brutal überfallen worden. Die Täter wollten Geld. Im Gerangel fielen Schüsse. Awet verliert sein Augenlicht, kann auf einem Auge nur hell und dunkel unterscheiden. Das andere ist vollständig erblindet. Rena Ziegler und Heiner Herholz aus Högenhausen wollten helfen und kämpften knapp zwei Jahre mit den Behörden darum, dass Awet nach Deutschland kommen durfte, um dort untersucht zu werden.

Ob die deutschen Ärzte ein Wunder möglich machen und dem jungen Mann durch eine Operation sein Augenlicht zurückgeben können, war nicht sicher, aber „da eine Chance bestand, wollten wir es zumindest versuchen“, sagt Ziegler. Doch allein die Erstuntersuchung kostet 800  Euro. Deswegen bat das Ehepaar in einem Artikel der Kreiszeitung um Spenden. Die Resonanz war groß.

„Danke an all’ diese Menschen“

Ziegler versagt vor Rührung die Stimme, als sie von der Welle der Hilfsbereitschaft spricht. „Das war so toll. Zumal wir viele der Leute überhaupt nicht kennen. Sie haben kleine und große Beträge gegeben. Danke an all’ diese Menschen.“ Awet hört, wie aufgewühlt sie ist und fragt besorgt nach. Ziegler lächelt, fasst seine Hand und erklärt erstickt: „I‘m just telling your story (Ich erzähle deine Geschichte)“.

Mit großen Hoffnungen ging es am 15. August nach Hannover. Einen ganzen Vormittag nahmen sich die Ärzte Zeit. „Sie haben alles getan“, erzählt Herholz. Doch vergeblich. Awets Verletzungen sind zu schwer. „Wenn er damals sofort Hilfe gehabt hätte, wäre vielleicht etwas möglich gewesen. Aber drei Jahre waren zu lang“, so Herholz. Die Diagnose ist ein harter Schlag für alle. „Es war heftig“, berichtet Ziegler und schaut zu Awet. „Vor allem war es schwer für ihn. Er hatte hohe Erwartungen und ist in ein richtiges Loch gefallen, aus dem wir ihn erst mal wieder herausholen mussten.“

„Er ist ruhig, er fordert nichts“ 

Ein Bekannter des Ehepaares, der ebenfalls aus Eritrea stammt und mittlerweile einen Job in Bremen hat, kam nach Högenhausen, um den jungen Mann ein wenig aufzubauen. Auch Ziegler und Herholz gaben sich große Mühe, Awet überall einzubinden. „Wir haben versucht, ihn fühlen zu lassen, was wir machen.“ Dazu gehörten Fahrradtouren mit einem besonderem Tandem, die Pflege von Pferden und Besuche in Bremen. Besonders bei den Bremer Stadtmusikanten, deren Geschichte sogar in Eritrea bekannt ist.

Awet kehrt ins Dorf zu seinen Eltern zurück

„Er ist so angenehm“, sagt das Ehepaar über seinen Schützling. „Er ist ruhig, er fordert nichts. Er hilft beim Kochen und der Gartenarbeit. Manchmal, wenn er in der Sonne sitzt, sagt er: ,Ich sehe das Licht’“. Doch wenn Ziegler und Herholz in seine Zukunft blicken, machen sie sich große Sorgen, denn für Blinde ist in der Gesellschaft in Eritrea kein Platz. „Es gibt für sie keine Arbeit. Awe t wird in das Dorf zu seinen Eltern zurückkehren müssen, wo es nicht mal sanitäre Anlagen gibt, geschweige denn Hilfe für Blinde. Es ist schlimm für uns, ihn zurückgehen zu lassen.“ Für denjungen Mann, der drei Jahre an der Rezeption eines Hotels gearbeitet hat, weil er keinesfalls zum Militär wollte, ein hartes Los.

Awet besucht nach seiner Rückkehr Blindenschule

Das möchte ihm das Ehepaar aus Högenhausen etwas erträglicher machen. Von dem gespendeten Geld kaufen sie ihm deswegen alle möglichen Hilfsmittel, damit er seinen Alltag bewältigen kann: Blindenstock, Spiele für Blinde, einen Fußball mit Glocke, Hörbücher, Laptop, Smartphone und so weiter. Beraten werden sie dabei vom Blindenverein in Bremen. „Was übrig bleibt, behalten wir noch eine Weile, falls er noch mehr Dinge benötigt. Danach geht es an die Kindernothilfe in Afrika.“

Awet wird nach seiner Rückkehr erst mal wieder die Blindenschule besuchen und freut sich schon auf seine Geschwister. Ziegler und Herholz wollen Kontakt zu ihm halten. In Deutschland, wo es für Blinde mehr Möglichkeiten gibt, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, kann der 25-Jährige nicht bleiben. „Er würde nie Asyl bekommen. Und wenn doch, hätten wir für drei Jahre die Kosten zu tragen. Das können wir uns nicht leisten.“

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