Strolchenvilla bereit

Zufluchtsort für vernachlässigte Kinder mit Handicap: Haus des Lebens startet in Bassum

Kindern Geborgenheit schenken, das ist (v.l.) Johanna-Joy Linicus und Bernhard Schubert sehr wichtig. Deshalb liegt an jedem Bett ein Kinderbuch. Fotos: Anke Seidel
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Kindern Geborgenheit schenken, das ist (v.l.) Johanna-Joy Linicus und Bernhard Schubert sehr wichtig. Deshalb liegt an jedem Bett ein Kinderbuch. 

Casa Vida – das Haus des Lebens. Diesen Namen hat eine alte Villa in Bassum bislang getragen. Jetzt ist daraus ein neues Haus des Lebens entstanden: Die Strolchenvilla, die Kindern mit Handicap einen neuen Start ins Leben ermöglichen will.

Bassum – Sonnengelb ist die prägende Farbe. Denn die Sonne soll aufgehen für die Kinder, die hier zur Ruhe kommen sollen – möglichst unbeschwert von ihrer Vergangenheit. Es ist ein ehrgeiziges Ziel, das Bernhard Schubert als Geschäftsführer des Kinderheims „Kleine Strolche in Bassum gemeinsam mit seinen Kollegen verwirklichen will: In der Casa Vida, die bislang Seminare für Lebenshilfe und Zimmer zur Vermietung angeboten hat.

Nach dem Kauf der alten Villa hat das Kinderheim in Trägerschaft von Anja und Bernhard Schubert (als Gesellschaft organisiert) eine namhafte Summe, die der Geschäftsführer öffentlich nicht nennen will, in das Areal investiert. Denn selbstredend mussten alle Vorgaben des Landesjugendamtes strikt umgesetzt werden. Die Villa bietet 540 Quadratmeter Wohn- und Nutzfläche, außerdem einen 3 .500 Quadratmeter großen Garten.

„Die Ausgestaltung der Strolchenvilla ist von ganz viel Liebe und Mühe geprägt“, sagt Gruppenleiterin Johanna-Joy Linicus. Acht Plätze für Kinder im Alter von einem bis sechs Jahren aus Inobhutnahmen stehen zur Verfügung. Zwölf pädagogische Fachkräfte, eine Kinderkrankenschwester und eine Hauswirtschafterin kümmern sich in Bassum um diese Kinder. Johanna-Joy Linicus und Bernhard Schubert wissen: „Jedes einzelne Kind bringt seine ganz eigene Geschichte mit, sein eigenes Päckchen. Meist haben die kleinen Schützlinge schon großes Leid in ihrem kurzen Leben erfahren.“

Genau deshalb will ihnen das Team ein Zuhause schaffen. Das Gefühl von Schutz und Geborgenheit sollen diese viel zu oft schwer traumatisierten Kinder erfahren. Wandtatoos mit freundlichen Figuren und kindgerechten Fabelwesen sollen dabei helfen. Eines zeigt zwei kleine Hasen in einem umgedrehten Regenschirm mit dem Schriftzug: „Bis zum Mond und wieder zurück.“

Traumhaft: ein Wandtatoo in der Strolchenvilla

Eine gemütliche und beruhigende Atmosphäre in den Zwei- bis Dreibettzimmern ist Bernhard Schubert und seinem Team wichtig. Kinderbücher und Kuschelbären gehören ebenso dazu. Nur in zwei Zimmern gibt es doppelstöckige Betten – bunt und in Form eines Busses. Ideal für Geschwisterkinder: „Wir können Kinder mit Geschwistern bis zum Alter von zwölf Jahren aufnehmen, damit sie zusammenbleiben können“, sagt Bernhard Schubert. Damit also Kinder durch die Inobhutnahme und die Trennung von den Eltern nicht auch noch ihre Brüder oder Schwestern verlieren.

Einige Kinder haben nie die eigene Wohnung verlassen

Es sind Jungen und Mädchen, die mit einem schweren Handicap leben müssen. Bernhard Schubert berichtet von Kindern, die noch nie in ihrem Leben außerhalb der Wohnung waren und deshalb kaum laufen können – die eine verlässliche Versorgung mit Essen und Trinken nicht kennen. Dafür aber Fernseher und Playstation, mit denen sie fast ihr gesamtes Leben verbringen.

Gute Nacht: Bär und Bärchen sollen Sicherheit schenken.

Für diese Kinder mit exzessivem Medienkonsum gibt es in der Strolchenvilla einen speziellen Medienraum. Dort erhalten sie – so paradox es auch klingen mag – mit Fernseher und Playstation zunächst die einzige „Sicherheit“, die sie kennen, um gleichzeitig eine ganz neue zu erfahren: regelmäßige Mahlzeiten, Zuwendung, Spielen, Lachen, Spaß, Freude. Das können sie auch im lichtdurchfluteten Spielzimmer mit der großen Couch und den vielen Kuscheltieren erleben – oder die Kinder-Spielküche ausprobieren.

Noch sind Handwerker im Haus. Noch bringt das Team immer wieder neue Spielgeräte an ihren Platz. Bis zur Eröffnung am 1. Juni ist noch viel zu tun.

Rund um die Uhr ist die Strolchenvilla ab dann für Kinder in Not erreichbar. Bernhard Schubert weiß aus Erfahrung: Oft müssen Jugendämter innerhalb weniger Stunden eine Unterbringung für Kinder aus schwierigsten Verhältnissen organisieren. Auch für Babys: „Sie brauchen eine Spezialbetreuung“, so Bernhard Schubert. Genau darauf ist ein Team am Asendorfer Standort des Kinderheims spezialisiert.

Klein und bunt: Blick in ein Badezimmer.

Ganz bewusst erweitert das Kinderheim sein Angebot am Standort Bassum, der nur wenige Minuten vom Bahnhof entfernt liegt. „Die Verkehrsanbindung ist uns sehr wichtig“, sagt der Geschäftsführer. Denn bisher müssen Mitarbeiter des Kinderheims Asendorf immer wieder Mitarbeiter von Jugendämtern, die keinen Dienstwagen haben, vom Bahnhof in Syke abholen. In Bassum ist das nicht notwendig.

Jünge Mütter können sich unter fachlicher Aufsicht am selbstständigen Alltag üben

Außerdem ist diese Verkehrsanbindung – ebenso wie das nahe liegende Einkaufszentrum, das Krankenhaus, der Tierpark und das Hallenbad – von Vorteil für die jungen Mütter, die in der Strolchenvilla unter fachlicher Aufsicht in einer neuen Wohnung den selbstständigen Alltag mit Kind üben. Eine Mutter kann dort mit bis zu zwei Kindern auf Zeit einziehen.

Es ist eine Chance, die das Kinderheim insgesamt vier Müttern bieten kann – drei davon in Asendorf. Auf dieses betreute Wohnen werden sie ein halbes Jahr lang intensiv vorbereitet. Erst danach geht es in die Wohnung mit fachlicher Begleitung. Haben sich die Mütter auch dort bewährt, können sie ihr Leben mit ihren Kindern ganz selbstständig in die eigene Hand nehmen.

Das Haus des Lebens: Strolchenvilla startet in Bassum

Kinderheim in Bassum startet
In Bassum startet das Kinderheim Casa Vida. © Anke Seidel
Kinderheim in Bassum startet
In Bassum startet das Kinderheim Casa Vida. © Anke Seidel
Kinderheim in Bassum startet
In Bassum startet das Kinderheim Casa Vida. © Anke Seidel
Kinderheim in Bassum startet
In Bassum startet das Kinderheim Casa Vida. © Anke Seidel
Kinderheim in Bassum startet
In Bassum startet das Kinderheim Casa Vida. © Anke Seidel
Kinderheim in Bassum startet
In Bassum startet das Kinderheim Casa Vida. © Anke Seidel
Kinderheim in Bassum startet
In Bassum startet das Kinderheim Casa Vida. © Anke Seidel
Kinderheim in Bassum startet
In Bassum startet das Kinderheim Casa Vida. © Anke Seidel
Kinderheim in Bassum startet
In Bassum startet das Kinderheim Casa Vida. © Anke Seidel
Kinderheim in Bassum startet
In Bassum startet das Kinderheim Casa Vida. © Anke Seidel

„Jeder hat ein Recht auf Kindheit“ – Vorschlag für bundesweite Wachsamkeits-Kampagne

Gerade in Corona-Zeiten mit ihren Kontaktbeschränkungen sind Kinder gefährdet, Opfer häuslicher Gewalt zu werden. Aus diesem Wissen heraus hat Bernhard Schubert als Geschäftsführer des Kinderheims „Kleine Strolche“ dem Familienministerium eine bundesweite Kampagne vorgeschlagen: „Augen sind zum Aufpassen da!“, appelliert ein Plakatvorschlag mit der Aufforderung, bei Gewalt gegen Kinder nicht wegzuschauen, sondern Beobachtungen zu melden. Damit Kindern geholfen werden kann. Weitere Motive: „Ohren sind zum Zuhören da!“, „Hände sind zum Halten da!“ und „ein Mund ist zum Loben da!“ Die immer wiederkehrende Botschaft: „Jeder hat ein Recht auf Kindheit.“ Am 25. März habe er diese Wachsamkeits-Kampagne dem Bundesministerium per Mail vorgeschlagen, berichtet Schubert. Doch bisher habe er keine Antwort erhalten, fügt er mit Enttäuschung in der Stimme hinzu. Möglicherweise war das Ministerium auf seinen Vorschlag nicht eingegangen, weil auf den Plakaten das Logo des Kinderheims und der Verweis auf dessen Internetseite zu sehen sind. „Das können wir aber auch weglassen“, so Schubert.

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