Corona-Alltag in der Grundschule

Mittelstraße sagt: „Grenzen sind langsam erreicht“

Thomas Mohrmann, Schulleiter der Grundschule Mittelstraße, sitzt am Schreibtisch und zeigt seiner Kollegin Catherina Voss am Computer den Unterrichtsplan.
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Genaue Planung ist alles: Catherina Voss und Thomas Mohrmann haben eine Menge Organisation zu bewältigen, damit der Schulbetrieb weiterläuft.

Corona hat den Ablauf an den Grundschulen stark verändert. Besonders, seit das Land Niedersachsen es den Eltern freigestellt hat, ihre Kinder an die Schulen zu schicken. Die Grundschule Mittelstraße erzählt, was das im Alltag bedeutet.

  • Der Organisationsaufwand für die Lehrer ist stark gestiegen.
  • Eltern sind stark belastet und verunsichert.
  • Trotz der Umstände läuft es bisher sehr gut.

Bassum – Wenn man es positiv formulieren will, ist es sportlich, was Grundschullehrer in diesen Tagen leisten. Das ist zumindest der Eindruck, den man gewinnt, wenn man die Schulleiter der Mittelstraße, Thomas Mohrmann und Catherina Voss, fragt, wie sich ihr Arbeitsalltag verändert hat. Vor allem, seit das Land Niedersachsen es den Eltern von Grundschülern freigestellt hat, ob ihr Kind zur Schule kommt oder nicht.

„Im Grunde hat man drei Lerngruppen“, berichtet Mohrmann. „Die beiden Gruppen im Szenario B – also eine in der Schule, die andere zu Hause – und eine Gruppe, die gar nicht am Unterricht teilnimmt.“ Für Letztere muss der Lehrer das Material anders aufbereiten als für die anderen, denn „normalerweise bespricht man den Stoff im Unterricht, und die Kinder kriegen Übungen dazu mit nach Hause. Bei der letzten Gruppe müssen die Schüler sich den Stoff komplett selbstständig erarbeiten. Dementsprechend muss er vorbereitet werden“, so Voss.

Bei manchen Themen sei das machbar. Als es beispielsweise um die Buchstabeneinführung ging, nahmen die Lehrer kleine Lern-Videos auf, in denen sie den Kindern die Buchstaben vorsprachen. Doch wie soll das beim Einmaleins funktionieren?

Außerdem sei das auch von Kind zu Kind verschieden. Was der eine sich selbst aneigne, stelle für den anderen ein Problem dar, für dessen Lösung er den direkten Kontakt zum Lehrer braucht. Gerade für die Erstklässler, die ja erst lernen zu lernen, sei es schwierig.

Telefonate am Nachmittag

„Für uns ist es ja auch wichtig zu sehen, ob das Kind alles verstanden hat“, sagt Mohrmann. Normalerweise klärt man das im Unterricht. Wie geht das, wenn ein Kind nicht teilnimmt? „Meist rufen die Kollegen am Nachmittag an und fragen, ob alles geklappt hat. Die Schüler bekommen ihre Aufgaben zum Teil täglich, andere haben eine Woche Zeit, sie zu lösen – was aber auch heißt, dass wir erst nach einer Woche eine Rückmeldung bekommen. Wobei wir sagen, dass sie sich sofort melden sollen, wenn es Probleme gibt. Die Gespräche führen wir dann mit den Eltern.“

Die Eltern erlebt das Schulleiter-Duo als sehr belastet. Zum einen seien sie verunsichert, weil sie nicht wissen, was das Richtige ist: Das Kind in die Schule zu schicken oder es zuhause zu lassen. Zum anderen müssten viele ihrer Arbeit im Homeoffice nachgehen und nebenbei ihren Nachwuchs bei Fragen unterstützen. „Selbst Kinder, die gut in der Schule sind, brauchen Rückmeldung. Dann fragen sie ihre Eltern: Ist das richtig?“

Doch auch die Lehrer haben ein ordentliches Paket zu tragen. Im Extremfall haben sie eine Klasse und müssen für drei verschiedene Gruppen Unterrichtsstoff vorbereiten – haben aber gleichzeitig dafür zu sorgen, dass alle Kinder am Ende auf dem gleichen Stand sind, damit denen, die zuhause bleiben, kein Nachteil entsteht.

Lehrer sind an ihre Klasse gebunden

So komme man mit dem Stoff viel langsamer voran. Und manche Fächer fallen im Distanzlernen ohnehin komplett hinten runter, wie Sport, Kunst oder Musik. „Stattdessen stehen Deutsch, Mathe, Englisch und Sachunterricht im Fokus“, sagt Mohrmann.

Seine Kollegen sind zudem den ganzen Vormittag an ihre Klasse gebunden. Selbst in den Pausen müssen sie ihre Klasse beaufsichtigen, da jede zu einer eigenen Zeit den Hof nutzt. Zeit für eine eigene kurze Pause bleibt nicht.

Ein weiteres Problem, das durch das Szenario B entsteht, ist die Stundenzahl der Lehrer, die sich nicht immer mit der der Klasse deckt. Das werde jetzt im Februar akut, wo die Stundenzahl der dritten und vierten Klassen wieder auf fünf Stunden am Tag heraufgesetzt wird. „Da wir mögliche Kontakte so gering wie möglich halten wollen, sollen die Klassen hauptsächlich von ihren Klassenlehrern unterrichtet werden. Wenn ein Kollege nur 20 Stunden gibt, die Kinder aber 25 haben, müssen die Stunden dennoch abgedeckt werden.“

Das Problem wird nun so gelöst, dass höchsten zwei Pädagogen in einer Klasse eingesetzt werden. Durch den Klassenlehrereinsatz kommt es dazu, dass ein Lehrer ein Fach übernehmen muss, das nicht sein Schwerpunkt ist. So bereitet Mohrmann als Mathelehrer beispielsweise das Material für die Klassenlehrkraft vor, das so konzipiert sein muss, dass diese den Unterricht auch fachfremd halten kann.

Wir wollen den Spagat schaffen.

Schulleiter Thomas Mohrmann

Doch trotz der widrigen Umstände laufe es noch sehr gut. „Es sind auch nur etwa zehn Prozent der Schüler, die nicht am Unterricht teilnehmen, die anderen kommen“, so Mohrmann. Dass es so gut funktioniere, liege vor allem am Kollegium, in dem jeder sein Bestes gebe und sich über das Maß hinaus engagiere. „Wir wollen den Spagat schaffen. Die Sicherheit ist das Wichtigste. Aber wir wollen weder den Eltern noch den Kindern noch den Kollegen zu viel zumuten – aber auch da sind die Grenzen so langsam erreicht“, erklärt Mohrmann.

Die Kinder seien übrigens diejenigen, die mit der Situation am besten umgingen. „Sie freuen sich sehr, wieder in der Schule zu sein, und setzen die neuen Regeln immer gut um.“ Und noch einen Vorteil gibt es. „Dadurch, dass die Lerngruppen kleiner sind, kann man sich intensiver um die einzelnen Schüler kümmern“, findet Voss.

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