Ein Schiedsrichter berichtet

Wut im Amateurfußball: „Niemand darf mit Angst auf den Platz gehen“

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Sie sorgen für Gerechtigkeit auf dem Platz: Schieds- und Linienrichter. Doch das macht sie auch oft zur Zielscheibe.

„Ey, sag mal, bist du blind?“ „Was pfeifst du denn da, du Idiot?“ Als Schiedsrichter beim Amateurfußball braucht man gute Nerven. Und manchmal sogar mehr als das. Nämlich dann, wenn Spieler oder auch Zuschauer völlig die Kontrolle verlieren und die Unparteiischen sogar körperlich attackieren.

Bassum - So wurden zwei Schiedsrichter in Duisburg während eines Kreisliga-Spiels getreten und geschlagen, nur wenige Tage später wurde erneut ein Schiedsrichter – ebenfalls in Duisburg – ins Krankenhaus geprügelt. In der abgelaufenen Saison 2018/2019 kam es zu 2906 Angriffen auf Unparteiische im Amateurfußball, teilte der Deutsche Fußball-Bund mit. In der Spielzeit davor waren es 2866.

Hat man da überhaupt noch Lust, selber für Ordnung auf dem Platz zu sorgen? Zumal in seiner Freizeit und unentgeltlich? „Auf jeden Fall“, bestätigt Andreas Henze aus Bassum. Er ist nicht nur seit 35 Jahren Schiedsrichter, sondern auch Kreisvorsitzender des Niedersächsischen Fußballverbands. 

„Schiedsrichter sein macht Spaß. Es gibt einem sehr viel, man tritt für Gerechtigkeit auf dem Platz ein, lernt Menschen kennen und nimmt viel für sein Leben mit, wie Teamfähigkeit, Durchsetzungsvermögen und Menschenkenntnis.“

Mit 16 Jahren Schiedsrichter geworden

Henze hat sich mit etwa 16 Jahren dafür entschieden, Schiedsrichter zu werden, weil er „sich über einen anderen Schiedsrichter geärgert hat. Ich wollte es besser machen als er.“

Andreas Henze

In all diesen Jahren habe er nur einmal ein wirklich negatives Erlebnis gehabt – kurz nachdem er Schiedsrichter geworden war. „Damals schickte man die Diepholzer zum Pfeifen nach Delmenhorst, zu den schwierigen Spielen, weil die Delmenhorster da schon nicht mehr pfeifen wollten.“ Henze war als Linienrichter eingesetzt. „Und mit dem Schlusspfiff haben uns die Zuschauer in die Kabine gejagt.“ 

Was geht einem so jungen Mann in solch einer Situation durch den Kopf? „Man versucht zu begreifen, was gerade passiert. Aber Angst hatten wir eigentlich nicht, vor allem weil die Offiziellen vor Ort sich vor die Kabine stellten und uns das Gefühl gaben, nicht in Gefahr zu sein. Die Zuschauer wollten uns aber auch nicht schlagen. Inzwischen ist das anders.“

Henze beobachtet die zunehmende Aggressivität, unter anderem in Bremen, Hannover oder auch im Landkreis Nienburg, wo schon Spiele deswegen abgebrochen werden mussten. Umso stolzer ist er auf Diepholz, denn es sei der „fairste Landkreis“ in Niedersachsen. „Schiedsrichter werden respektiert, und es gibt nur selten böse Worte.“ Das sei womöglich auch den Schulungen geschuldet, die die Schiedsrichter machen und in denen sie lernen, deeskalierend zu wirken.

„Niemand darf mit Angst auf den Fußballplatz gehen“

Was nicht heißt, dass es im Kreis niemals zu Übergriffen kommt. „Vor zwei Jahren wurde ein Schiedsrichter von einem Spieler geschlagen und es kam zum Abbruch. Daraufhin wurde das Sportgericht eingeschaltet und der Spieler für eine Weile gesperrt. Das war in meinen Augen die richtige Entscheidung“, so Henze. „Die Spieler müssen die Konsequenzen ihre Handlungen zu spüren bekommen. Den Schiedsrichtern gibt es ein gutes Gefühl. Viele sind unzufrieden, wenn es zu weiche Bestrafungen gibt. Niemand darf mit Angst auf den Fußballplatz gehen.“ Der Schiedsrichter habe zwar einen Schock erlitten, aber weitergemacht.

Nur wenige schmeißen die Flinte gleich ins Korn. „Ein Schiedsrichter ist einmal während eines Spiels so übel beschimpft worden, dass er drei rote Karten verteilen musste.“ Da sagte sich der 70-Jährige zunächst auch: „Wenn ich so beschimpft werde, kann ich meine Sonntage auch anders verbringen.“ Doch nachdem er eine Nacht darüber geschlafen hatte, machte er weiter. „Es gibt eben solche Erfahrungen. Aber die vielen positiven machen das dann wieder wett“, so Henze.

Wenige Vorfälle im Landkreis Diepholz

In den vergangenen zehn Jahren habe es fünf oder sechs Vorfälle im Kreis Diepholz gegeben. In Hannover habe man das jedes Wochenende.

Was sich auch sehr verändert habe, sei das Verhalten der Eltern bei den Spielen ihrer Kinder. „Das gab es früher nicht, dass sie so extrem reagieren.“ Da würden nicht nur die Schiedsrichter, die teilweise selber erst 15 oder 16 Jahre alt seien, beleidigt, sondern auch die kleinen Kicker der gegnerischen Mannschaft. „Da fragt man sich schon: Wo sind wir hier eigentlich?“, sagt Henze.

Eltern-Zone im Landkreis Diepholz etabliert

Darum setzt Diepholz inzwischen eine Vorgabe des DFB um, die eine Eltern-Zone fordert. Das heißt, sie dürfen nicht näher als fünf Meter an das Feld heran. So haben die Schiedsrichter ihre Ruhe, die Kinder werden nicht durch Zurufe verwirrt und die Trainer besser wahrgenommen. „Außerdem kommen erfahrene Schiedsrichter zu den Spielen, um die jüngeren zu unterstützen. Einige Eltern meinen, ihr Schützling darf auf dem Platz ruhig Fehler machen, weil er noch lernt – der Schiri aber nicht.“

Henze wünscht sich, dass jeder auf den Platz mit Respekt behandelt wird. „Sonst hat irgendwann keiner mehr Spaß am Sport. Und für einen Schiedsrichter gibt es nichts Schöneres, als wenn am Ende einer Partie die Mannschaften zu ihm kommen und sagen: Hast du gut gepfiffen.“

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