Bürgerinitiativen und Aktivisten reagieren

„Gesundheit ist nicht käuflich“ - herbe Kritik an SPD-Vorschlag des Windbürgergelds

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Windenergie ist gut, doch nicht auf Kosten der Gesundheit von Lebewesen. Da sind sich die Bürgerinitiativen im Landkreis weitgehend einig.

Landkreis Diepholz - Die Idee ist schon fast zynisch: Den Menschen Geld zahlen, damit sie in ihr Unglück laufen. Das ist zumindest die Meinung des Syker Lokalpolitikers, Künstlers und Umweltaktivisten Henning Greve, wenn es um den Vorschlag der SPD geht, sogenanntes „Windbürgergeld“ einzuführen.

Greve hat eine klare Haltung dazu: Ein wenig Windenergie sei gut. Doch „Gesundheit ist nicht käuflich“ und der Schutz der Menschen und der Vögel, für die Windräder eine Gefahr darstellen, habe Vorrang vor dem vermeintlichen Fortschritt.

Insbesondere vor dem Hintergrund, dass Wachstum und Klimaschutz kaum miteinander vereinbar seien, wie es in jüngster Vergangenheit viele Wissenschaftler immer wieder erklärt haben. Etwa Henning Austmann, Nachhaltigkeitsforscher der Hochschule Hannover. Seine Ansicht: Je länger die Gesellschaft ihren kapitalistischen Vorstellungen von einem guten Leben – schnelles Auto, großes Haus – folgt, die Wirtschaft weiter vorantreibt, umso dramatischer werde die Bandbreite an Problemen auf dem Planeten. Umweltzerstörung und Wirtschaftswachstum – dazu gehören laut Greve auch Windparks – lassen sich nicht entkoppeln.

Neue Standards für Errichtung von Windparks gefordert

Statt Akzeptanz durch Geld bräuchte es laut Greve andere Standards für die Errichtung von Windparks. Daran arbeitet er mit dem BUND, dem Nabu und mehreren Aktivisten im Landkreis.

Eine wichtige Person im Zuge dessen ist Juliane Kiss. Die Psychotherapeutin und Psychologin befasst sich intensiv mit den gesundheitlichen Folgen, die Windkraftanlagen durch das Aussenden von Infraschall haben. Es handelt sich dabei um Schall unterhalb einer Frequenz von 20 Hertz. Das Ohr nimmt Geräusche unter diesem Wert zwar nicht wahr, der Körper reagiere aber darauf, ist sich Kiss sicher.

Anwohner von Windparks klagen über Beschwerden

In diesem Zusammenhang spricht sie vom sogenannten Windturbinensyndrom. Der Begriff geht auf eine US-amerikanische Kinderärztin zurück, die Fallgeschichten von Patienten gesammelt hat, die in der Nähe von Anlagen lebten. Die Anwohner hätten über Schlafstörungen, Schwindel, Übelkeit, Bluthochdruck, Konzentrations- und Herzrhythmusstörungen, Depressionen oder Angsterkrankungen geklagt. Kiss räumt ein, dass das hauptsächlich Menschen betreffe, die sensibel auf ihre Umwelt reagierten. Das Problem sei zwar nicht sichtbar, aber real.

Kiss ist davon überzeugt, dass wirtschaftliche Interessen der Projektiere an dieser Stelle klar vor die der Anwohner gestellt werden. Am Ende des Tages gehe es ums Geschäft. Für sie steht fest: „Ich würde das Geld nicht annehmen.“ Sie sehe es lieber in der Forschung zu dem Thema angelegt. Kiss geht in ihrer Kritik an dem Vorschlag der SPD und der politischen Lage noch weiter: „Die aktuelle Regelung widerspricht Artikel 2 des Grundgesetzes.“ Das garantiert unter anderem das Recht auf körperliche Unversehrtheit.

Auch die Initiative AEFIS (Ärzte für Immissionsschutz) vertritt die Ansicht, dass der Infraschall gesundheitsschädigend sei, berichtet Kiss.

Politiker und Betreiber zeigen sich von Beschwerden unbeeindruckt

Trotzdem würden sich Politiker und Betreiber der Anlagen unbeeindruckt zeigen. Sie berufen sich dabei auf Messberichte von staatlicher Seite. Diese seien jedoch wenig repräsentativ. Etwa, weil sie bei voller Windstärke angeordnet worden seien. Dieser „natürliche Infraschall“ überdecke die Messungen.

Die physischen Auswirkungen spricht auch Reinhard Müller von der Bürgerinitiative Pustekuchen aus Bassum an. Er räumt zwar ein, dass diese wissenschaftlich umstritten seien, es dennoch viele Menschen gebe, die davon berichten. Den Vorstoß der SPD bezeichnet er als „puren Populismus“. Klimaschutz und erneuerbare Energie seien gerade sehr gefragt – gut so. Aber die Partei versuche mit allen Mitteln, guten Willen zu zeigen. Dabei lasse sie jedoch die Schäden für Menschen und Tiere außer Acht.

Jessica Wissmann (BI Pustekuchen) äußert zudem Zweifel daran, ob die Bürger überhaupt Interesse an jenem Geld hätten, ob es den „Lärm und die Befeuerung“ wett mache. „Wer im Außenbereich wohnt, tut dies eigentlich, um ruhiger zu wohnen, als in der Stadt.“

Aktivisten sind nicht per se gegen Bau von Windrädern

Müller weist weiterhin darauf hin, dass er nicht gegen den Bau von Windrädern per se sei. Es müsse nur anders geregelt werden, wo diese aufgebaut werden. Auch Vögel und Insekten wären durch die Anlagen bedroht, schließt er sich Henning Greve an. Er geht noch einen Schritt weiter und spricht von Lobbyinteressen und Gutachtern, die auch mal „auf einem Auge blind“ seien. „Deshalb stellen wir auch immer eigene Gutachter, die beispielsweise Vogelzählungen machen“, erzählt er weiter. Dabei seien schon deutlich andere Ergebnisse rausgekommen, als bei den Gutachtern der Verwaltung.

Müller selbst war lange Leiter der Planfeststellungsbehörde für Straßenbau in Bremen und weiß, wie die Verwaltung arbeiten muss – auch um Windräder durchzuwinken. Das habe ihm zugespielt bei der Arbeit für Pustekuchen. „Die Verwaltung macht Fehler, so halten wir sie seit 5 Jahren auf.“

Der Vorschlag der SPD

Die Große Koalition will nach SPD-Angaben Bürger belohnen, wenn sie Windräder in ihrer Nachbarschaft dulden. Derzeit werden mehrere Konzepte geprüft. Diese reichen von der Beteiligung der Kommunen am Umsatz von Windparks bis zu einem Windbürgergeld, also direkten Geldflüssen für betroffene Anwohner. Der Ausbau von Windkraftanlagen an Land kommt langsam voran – auch, weil sich an vielen Orten Bürgerinitiativen dagegen wehren. Wegen des Ausstiegs aus Atom- und Kohlestrom soll der Anteil der erneuerbaren Energien am Stromverbrauch bis 2030 auf 65 Prozent steigen, dafür ist ein schnellerer Ausbau notwendig. 2019 lag der Ökostrom-Anteil Berechnungen zufolge bei über 40 Prozent. Neu ist die Idee nicht: Mecklenburg-Vorpommern hatte 2016 ein Beteiligungsgesetz verabschiedet. Demnach müssen Investoren und Projektträger Kommunen und deren Bewohnern im Fünf-Kilometer-Umkreis von Windparks 20 Prozent der Gesellschafteranteile zum Kauf anbieten. Alternativ sind Ausgleichsabgaben möglich.

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