Gerhard Witte fordert flächendeckende Grundversorgung

Internet-Frust: „Hier kriege ich nichts!“

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Keine Chance auf Empfang: Auf seinem eigenen Anwesen kann Gerhard Witte sein Handy nicht nutzen.

Bassum - Von Anke Seidel. Gerhard Witte ist sauer: „Hier können Sie zwar die Nachtigall singen hören, aber sonst nichts.“ Der 67-Jährige wohnt im idyllischen Bassumer Ortsteil Klein Hollwedel – und das gern. Aber in einem Punkt fühlt sich der 67-Jährige von aller Welt abgeschnitten: Er verfügt weder über Handy-Empfang noch Internet, weil sein Anwesen in einem „weißen Fleck“ liegt.

Kein Klick ins Internet, keine Online-Bestellung, keine E-Mail, kein Chat: Für die 55,6 Millionen Internet-Nutzer in Deutschland wohl unvorstellbar – aber für Gerhard Witte Realität und ein großes Ärgernis. Seit fünf Jahren versucht er, in Klein Hollwedel Anschluss zu bekommen: Ohne Erfolg. „Hier kriege ich nichts!“, ärgert sich der Rentner und Nebenerwerbs-Landwirt. Sein Frustpegel steigt: Weil heutzutage soviele Informationen über E-Mail laufen, muss Witte einen enormen Aufwand betreiben: „Wenn es wichtig ist, muss ich zweimal am Tag nach Harpstedt oder Bassum fahren“, sagt er. Die Vertreter seines Handy-Vertragspartners würden die E-Mails dann für ihn verschicken.

Für den Rentner ein unerträglicher Zustand. „Im ländlichen Raum muss viel mehr passieren!“, fordert er Verbesserungen – und fühlte sich am Dienstag von der Schlagzeile auf der Titelseite dieser Zeitung bestätigt: „In Niedersachsen blutet der ländliche Raum aus.“

Sein Sohn und dessen Lebensgefährtin seien wegen ihrer beruflichen Situation nach Harpstedt umgezogen: „Weil sie auch abends über das Internet von Zuhause aus arbeiten muss“, sagt Witte. Er befürchtet, dass in Kürze auch sein Mieter aus Klein Hollwedel flüchtet: „Er braucht das Internet!“

Für Gerhard Witte gehört diese Technik zur Grundversorgung. Deshalb hat er sich nicht nur an die Stadt Bassum, sondern genauso an die Bundesnetzagenutur und den Landkreis gewandt: „Aber es passiert einfach nichts!“ Denn rechtlich sind die Telekommunikations-Anbieter nicht verpflichtet, diese Grundversorgung zu realisieren.

Der Landkreis hat bereits eine Breitband-Initiative gestartet und die Ausschreibung für ein Netz-Infrastrukturgutachten vorbereitet. Weil die EU die Hälfte der Kosten trägt, kann der Landkreis das Gutachten aber erst nach Veröffentlichung der Richtlinie und nach Zustimmung der EU in Auftrag geben. „Nach unserem Kenntnisstand soll die Richtlinie Mitte Oktober kommen“, sagt Günter Klingenberg, Chef der Wirtschaftsförderung im Landkreis Diepholz.

Um schneller zu einem Ergebnis zu kommen, hat der Landkreis ein Markt-Erkundungsverfahren gestartet: Eine Abfrage bei allen Anbietern, wo welche Technik in den kommenden drei Jahren installiert werden soll – oder auch nicht.

Diese Daten sollen in das Netz-Infrastrukturgutachten einfließen – und den Prozess beschleunigen. Denn erst nach Vorlage des Gutachtens gibt es gesicherte Erkenntnisse darüber, was die flächendeckende Breitbandversorgung im Landkreis Diepholz kosten würde.

Was rät Günter Klingenberg Menschen ohne Internet-Anschluss wie Gerhard Witte? „Ich würde in jedem Fall mit meiner Stadt oder Gemeinde im Kontakt bleiben“, so der Wirtschaftsförderer. Denn für den Netz-Ausbau seien die Kommunen zuständig. Gründlich müssten die Betroffenen auch alle Alternativen prüfen: „Vielleicht können sich mehrere zusammentun, um eine kostengünstige Lösung hinzubekommen.“

Gerhard Witte hofft indes weiter, im idyllischen Klein Hollwedel so schnell wie möglich Internet-Anschluss und Handy-Empfang zu bekommen. Bis dahin bleibt von seinem Zuhause aus nur ein Draht zur Außenwelt: das Festnetz-Telefon.

21.883 „weiße Flecken“

Das Breitband-Kompetenzzentrum Niedersachsen hat die Situation im Landkreis Diepholz bereits analysiert. Günter Klingenberg, Leiter des Landkreis-Fachdienstes Wirtschaftsförderung, nennt drei entscheidende Zahlen: Der Analyse zufolge stehen im Landkreis Diepholz 73.114 Gebäude. Davon gelten 21.883 als „weiße Flecken“. Will heißen: Sie haben noch keine Grundversorgung, weil die Datenübertragungsrate ihrer Leitungen nicht mehr als 2 Mbit/s (Megabits pro Sekunde) beträgt und kein Netzbetreiber in den nächsten drei Jahren dort investieren will. Als „graue Flecken“ gelten 26.588 Gebäude, weil sie nur über eine Grundversorgung (mindestens 2 Mbit/s) verfügen und auch das in den nächsten drei Jahren so bleibt.

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