Branche in abgrundtiefer Krise

Coronavirus: Gastronome befürchten bis zu 50 Prozent Betriebsaufgaben

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Gespenstisch: Strahlender Sonnenschein, aber keine Gäste auf der Terrasse an der Klostermühle Heiligenberg, ein beliebtes Ausflugslokal.

Landkreis Diepholz - Beefsteak mit Kartoffelstampf und Bohnen in Tomatensauce – dieses Mittagsmenü hat Gastronom Andree Meyer an diesem Montag im Angebot. Doch die Geschäftsbedingungen sind gespenstisch. Nur noch zum Mitnehmen gibt es die Mahlzeiten im „Bassumer Eck“ oder in der Twistringer Domschänke. Das gilt genauso für Pommes mit Currywurst, Jägerschnitzel, Burger und alle anderen Speisen auf der Karte.

Weil die Nachfrage verhalten ist, hat Andree Meyer die Öffnungszeiten für die beiden Gaststätten bereits reduziert. Längst sind Abstandsmarkierungen und Schutzmaßnahmen für die Mitarbeiter installiert. Im Stammhaus, dem Hotel „Zur Post“ in Neubruchhausen, ist Außerhaus-Verkauf ohnehin kein Thema. Aber ausgehen und einen entspannten Abend mit einem guten Essen im Restaurant genießen – das ist vorbei.

Corona stürzt die Gastronomie in eine nie dagewesene Krise. Denn selbst die Speisen außer Haus dürfen von den Kunden in einem Umkreis von 50 Metern rund um das Lokal nicht mehr verzehrt werden.

Coronavirus im Landkreis Diepholz: Große Unsicherheiten in der Branche

„Das alles muss sich erst mal einspielen“, sagt Andree Meyer, der auch Vorsitzender des Kreisverbands Grafschaft Hoya im Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) ist. Er kritisiert die Unsicherheit, mit der er und seine Kollegen in der vergangenen Woche leben mussten: „Alle paar Tage neue Regeln – das ist schlecht!“

Nein. Einfach ist schon die vergangene Woche für die Gastronomen nicht gewesen, als sie wenigstens noch Gäste in ihren Räumen bedienen durften – wenn auch mit strikten Abstandsregeln. Doch nicht alle Gäste wollten sich klaglos daran halten: „Manche haben mit Unverständnis reagiert“, sagt Andree Meyer.

Wegen der Ausbreitung von Sars-CoV-2 gibt es mehr Kurzarbeit

Mit den neuen Regeln hat sich die Lage noch einmal dramatisch verschärft. Weil die Arbeit bei geschlossenen Speiseräumen enorm eingebrochen ist, gilt Kurzarbeit für Meyers 30 Aushilfskräfte. Die fünf Festangestellten arbeiten nur noch die halbe Zeit. Ähnlich ist die Lage in anderen Betrieben.

Den Hotelbetrieb für Gäste aus dem gewerblichen Bereich hat Andree Meyer noch geöffnet – auch wenn die Nachfrage aus diesem Bereich langsam sinkt. „Ich habe beim Landkreis nachgefragt, ob wir den Gästen Frühstück und Abendessen servieren dürfen“, berichtet er. „Das hat der Landkreis erlaubt, aber wir müssen bestimmte Auflagen einhalten.“ So wie ihm geht es vielen Gastronomen.

Rund 100 Mitglieder gehören dem Dehoga-Kreisverband Grafschaft Hoya an. Immer neue Auflagen, zu wenig Gäste, kein Nachfolger: Der Strukturwandel in der Gastronomie hat schon vor Jahren begonnen. Corona wirkt jetzt wie ein Brandbeschleuniger. Wie sollen Restaurantbesitzer aus eigener Kraft überleben, wenn sie keine Gäste bewirten dürfen?

Coronavirus im Landkreis Diepholz: Ohne staatliche Hilfe keine Chance

Andree Meyer ist fest überzeugt: Ohne staatliche Hilfe – und vor allem schnelle, unbürokratische Unterstützung – geht es nicht. Ohnehin befürchtet er, dass die Hälfte der Betriebe nach der Krise nicht wieder öffnet.

„Das sind ganz düstere Aussichten“, bestätigt Wilhelm Nordloh, Vorsitzender des Dehoga-Kreisverbands Grafschaft Diepholz. Mehr als 80 Mitglieder hat diese Organisation. Auch dort sind zahlreiche Servicekräfte von Kurzarbeit betroffen, berichtet der Vorsitzende.

Ganz so pessimistisch wie Andree Meyer ist Wilhelm Nordloh nicht – und schätzt den Anteil der zu erwartenden Betriebsaufgaben auf rund 30 Prozent. Der Besitzer des Landhauses Nordloh in Sulingen stellt fest: „Außerhaus-Verkauf lohnt sich nicht. Es gibt nicht genug Nachfrage.“

Von Covid-19-Pandemie sind auch Zulieferer betroffen

Beide Dehoga-Vorsitzenden sind sich darüber im Klaren: Die geltenden Allgemeinverfügungen zum Coronaschutz treffen nicht nur sie und ihre Kollegen sowie die Mitarbeiter, sondern auch ihre Zulieferer. Getränke, Pommes frites, Gemüse und anderes mehr: Vieles von dem, was ihre Lieferanten ihnen bisher ins Haus gebracht haben, können sie nicht mehr verarbeiten und umsetzen. Die Zahl der Aufträge ist also dramatisch gesunken.

Was bei allen Beteiligten bleibt, ist die Hoffnung auf ein schnelles Ende der Ausnahmesituation. Doch Corona wird weiter Schatten werfen, glaubt Wilhelm Nordloh: „Das wird uns das ganze Jahr über noch beschäftigen.“

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