Serie Friedhofsleben

Friedhofsgärtner Ingo Kliem: „Trauerbewältigung ist für jeden anders.“

Mag seinen Arbeitsplatz mitten in der Natur: Gärtnermeister Ingo Kliem pflegt zahlreiche Gräber auf dem Bassumer Friedhof.
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Mag seinen Arbeitsplatz mitten in der Natur: Gärtnermeister Ingo Kliem pflegt zahlreiche Gräber auf dem Bassumer Friedhof.

Tief hängen die Wolken am Himmel über dem Bassumer Friedhof. Gärtnermeister Ingo Kliem hat den Wetterbericht verfolgt, in einer halben Stunde soll es Schnee geben an diesem Dezembertag. Alles gut. An wechselnde Arbeitsbedingungen ist er gewöhnt. Er arbeitet mit und in der Natur. Denn der 51-Jährige pflegt Grabstellen im Auftrag von Angehörigen und Hinterbliebenen und gestaltet – wenn gewünscht – diese Orte der Erinnerung, die für Familienangehörige eine große Bedeutung haben können.

Landkreis Diepholz – „Der Weg der Trauerbewältigung ist für jeden anders“, weiß Ingo Kliem. „Der eine braucht keine Grabstelle dafür, aber für einen anderen ist sie essenziell wichtig.“

73 Prozent aller Verstorbenen 2018 eingeäschert

Laut einer Umfrage der RAL Gütegemeinschaft Feuerbestattungsanlagen sind im Jahr 2018 in Deutschland 73  Prozent der Verstorbenen eingeäschert worden. Drei Jahre zuvor waren es 67 Prozent. Anonyme Bestattungen oder ein endgültiger Abschied auf See erscheinen immer mehr Angehörigen als die bessere Alternative. Der Bund der Bestatter hat ebenso festgestellt, dass die Erinnerungskultur den Friedhof verlässt, beispielsweise in Form von Gedenkportalen. Längst gibt es Möglichkeiten im Internet, die Erinnerungen an einen Verstorbenen lebendig zu halten.

Überblick zur Serie „Friedhofsleben“

Viele verdrängen das Thema am liebsten so lange es geht, aber irgendwann muss sich jeder damit beschäftigen. In einer crossmedialen Serie beleuchtet die Mediengruppe Kreiszeitung das Thema Sterben, Abschied nehmen und Bestattung. Von jüdischen Grabstellen und den Bestattungstrends der Zukunft. Hier geht‘s zum Überblick zur Serie „Friedhofsleben“.

Ingo Kliem weiß aus zahlreichen Gesprächen, dass sich Menschen oft zu wenig Gedanken über dieses Thema machen. Dass Senioren zum Beispiel nicht mit ihren Kindern darüber reden, wie ihr letzter Abschied gestaltet werden soll. Mit am Ende traurigen Folgen: „Da gibt es dann auch Fehlentscheidungen“, weiß der 51-Jährige. Deshalb kann er nur raten, in der Familie darüber zu sprechen: Wie soll die letzte Ruhestätte gestaltet werden?

Friedhofsgärtner Ingo Kliem: Mehr Menschen holen sich professionelle Unterstützung bei der Grabpflege

Der Bassumer Friedhof ist der größte im Gebiet der rund 16 100 Einwohner umfassenden Stadt, hinzu kommen Friedhöfe in Neubruchhausen und Nordwohlde. Ingo Kliem und seine vier Teilzeitkräfte pflegen einen großen Teil der Gräber auf dem Bassumer Friedhof. Eine genaue Zahl kann der Gärtnermeister nicht nennen, weil manche Grabstellen mehrere Gräber beinhalten.

Nur so viel steht fest: Immer mehr Angehörige legen die Pflege der Friedhofsgräber in professionelle Hände. „Das sieht man daran, dass wir trotz abnehmender Gräberzahl eine steigende Zahl von Kunden haben“, sagt Ingo Kliem.

„Es ist schön für die da zu sein, denen die Grabpflege wichtig ist, die sich aber nicht kümmern können“, beschreibt der Gärtnermeister einen Aspekt seines Berufs. Da gibt es die Menschen, die wegen ihrer vollen Terminkalender keine Zeit für Pflegearbeiten auf dem Friedhof erübrigen können. Dann sind da diejenigen, die dazu aus gesundheitlichen Gründen nicht in der Lage sind – und schließlich Angehörige, die ihren Lebensmittelpunkt viel zu weit entfernt von Bassum haben.

Gräber können eine Familiengeschichte erzählen

Ingo Kliem und sein Team leisten für sie vielfältige Arbeiten – immer in dem Bewusstsein, dass im Mittelpunkt die Würde der Verstorbenen steht. Der 51-jährige Bassumer ist seit 30  Jahren Gärtnermeister. Seit zehn Jahren arbeitet er ausschließlich und ganz bewusst im Bereich Grabpflege und Grabgestaltung.

Was schätzt er an seinem Beruf ganz besonders? Er antwortet mit einem Schmunzeln: „Wo soll ich anfangen?“ Die Arbeit in der freien Natur empfindet er als wohltuend – gerade in Zeiten der Pandemie sei sie so etwas wie ein Privileg, für das er dankbar ist: „Draußen gibt es kaum Einschränkungen.“ Außerdem schätzt er die Abwechslung in seinem Arbeitsalltag: „Jedes Grab ist anders.“ Jedes habe seine eigene Geschichte. Der 51-Jährige erlebt es bei seiner Tätigkeit immer wieder: „Es gibt Gräber, die spiegeln die Familiengeschichte.“

So wie der Rhythmus der Natur wechseln die Aufgaben des Gärtnermeisters auf dem Friedhof. Laub harken, Unkraut zupfen, Gießen: Jede Jahreszeit hat ihr eigenes Arbeitsfeld – und eigene Bedingungen für die Bepflanzung der Gräber. Im Frühjahr ist die Zeit der Stiefmütterchen, dann folgen die Eisbegonien: „Sie haben sich bewährt“, sagt Ingo Kliem zu diesen recht robusten Schönheiten. Wenn es Herbst wird, gibt Heide den Ton an.

Das Grab als Symbol: Niemand ist vergessen, solang jemand an ihn denkt

Doch rund ums Jahr haben alle in der Regel Begleiter: „Bunt bepflanzte Gräber liegen voll im Trend“, weiß er Gärtnermeister. Zu seinen Aufgaben gehören auch der Einkauf und Büroarbeiten. Wie viele Stunden verbringt er auf dem Friedhof? So genau kann er das nicht sagen: „Das wechselt.“ Besonders viel zu tun gibt es dort an den stillen Feiertagen im November, vor allem zum Totensonntag. Dann schmückt Ingo Kliem die letzten Ruhestätten auf Wunsch mit Grablegern oder -gestecken, die er selbst herstellt.

Es sind Symbole der Erinnerung, die in dieser Zeit – den dunklen Tagen – besonders zeigen: Niemand ist vergessen, solange jemand an ihn denkt. Still und doch von Wertschätzung geprägt ist die Atmosphäre auf dem Friedhof in diesen Monaten – dem Reich derer, die uns vorangegangen sind.

Gerade deshalb ist der Friedhof ein ganz besonderer Arbeitsplatz. Hier stellt sich unweigerlich die ewige Frage: Gibt es ein Leben nach dem Tod? Fast unmerklich nickt Ingo Kliem und betont: „Ich glaube, dass nach dem Tod noch etwas Göttliches kommt.“

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