Eingeschlafene Flüchtlingsarbeit

Bürgerinitiative „Willkommen in Bassum“ ist inaktiv

Die Bürgerinitiative „Willkommen in Bassum“ ist inaktiv. Über Hintergründe sprechen Johann Heiner Herholz (links) und Ulrich Tatje. Mit dabei ist Hund Frieda.
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Die Bürgerinitiative „Willkommen in Bassum“ ist inaktiv. Über Hintergründe sprechen Johann Heiner Herholz (links) und Ulrich Tatje. Mit dabei ist Hund Frieda.

Bassum – Die Fluchtkrise spitzte sich 2015 weltweit zu. Johann Heiner Herholz sieht zu dieser Zeit vier junge Männer, die aus Eritrea geflüchtet sind und auf Fahrrädern durch Bassum radeln. Er nimmt Kontakt zu ihnen auf. In dem ehemaligen Lehrer flammt die Überlegung auf, jungen Flüchtlingen in Bassum zu helfen und ihnen Deutschunterricht anzubieten.

Lesen, Schreiben und vor allem Sprechen gehören für Herholz zu den Grundsteinen für eine erfolgreiche Integration. Heute, rund sechs Jahre später, ruht die Arbeit der Bürgerinitiative „Willkommen in Bassum“ (WiB).

In Zusammenarbeit mit weiteren pensionierten Lehrkräften, wie Ulrich Tatje und Dörte Binder, startete Herholz die Flüchtlingsarbeit in Bassum. Die BBS Syke und die Stadt Bassum stellten Räume zur Verfügung. „Die Unterstützung rechne ich ihnen noch heute hoch an“, sagt der Bassumer.

Euphorie hat heute nachgelassen

Insgesamt 66 Personen engagierten sich Mitte 2016 im aktiven Ehrenamt bei der Flüchtlingsarbeit des Bassumer Vereins. Zur Hoch-Zeit sollen es bis zu 120 Ehrenamtliche gewesen sein. Diese haben sich beispielsweise bei der örtlichen Kleiderkammer, der Spielekiste oder bei der Begrüßung ankommender Flüchtlinge eingebracht. Auch Veranstaltungen plante das Team der WiB in Bassum. „Es ging eine Welle der Solidarität durchs Land. Die Worte von Bundeskanzlerin Angela Merkel ,Wir schaffen das‘ haben diese Welle losgetreten. Die Euphorie hat heute allerdings überall nachgelassen. Die Bürger meinen, dass die Notwendigkeit heute nicht mehr in dem Maße besteht, wie zur Zeit der Flüchtlingskrise“, erklärt Ulrich Tatje.

Die Coronapandemie habe mit dem Abflauen der Flüchtlingsarbeit der WiB in Bassum wenig zu tun gehabt. „Es gibt heute einfach weniger Menschen, die sich um ,ihre Flüchtlinge‘ kümmern wollen. Die Notwendigkeit, aber auch das Engagement nahmen ab“, sagt auch Herholz.

Flüchtlingssituation hat sich verändert

Ebenso wie die Anzahl der Flüchtlinge, die nach Bassum kamen, nahm auch die Personenzahl bei den Treffen der WiB mit den Jahren stetig ab. Die Flüchtlingssituation habe sich verändert. Einige Flüchtige gingen in ihr Ursprungsland zurück. Sie fanden in Deutschland keine Arbeit und keinen Anschluss in der Gesellschaft. Viele hätten zu hohe Erwartungen an das Leben in Deutschland gehabt, die mit der Realität allerdings nicht übereinstimmten.

„Von den vier Eritreern, zu denen ich Kontakt aufgenommen hatte, haben zwei Arbeit gefunden. Ich habe sogar ihre Familien in Eritrea besucht. Die Lebensverhältnisse waren dort nicht schön“, sagt Herholz.

Ankommen im neuen Zuhause

Die Integration der Geflüchteten in das Aufnahmeland ist für die Betroffenen selbst und auch für die Aufnahmegesellschaft wichtig. Denn für viele Flüchtlinge ist eine schnelle Rückkehr in ihr Heimatland aufgrund anhaltender Konflikte oder Verfolgung nicht möglich. Je früher die Neuankömmlinge in das tägliche Leben im Aufnahmeland eingebunden werden, desto größer sind die Chancen für eine gelungene Integration.

Was ist Integration?

Integration ist ein komplexer Prozess, der nur schrittweise vollzogen werden kann. Er erfordert gegenseitige Anstrengungen und die Anpassungsfähigkeit von Flüchtlingen und Aufnahmegesellschaften in rechtlichen, wirtschaftlichen, soziokulturellen und zivilpolitischen Aspekten. Die Geflüchteten sollten in ihren Rechten und Möglichkeiten der Aufnahmegesellschaft gleichgestellt sein, sodass sie aktiv am Leben des Landes teilnehmen können. Das letztendliche Ziel der Integration ist ein dauerhaftes Aufenthaltsrecht oder sogar der Erwerb der Staatsbürgerschaft. Quelle: uno-flüchtlingshilfe.de

Geflüchtete Familien kamen in Bassum mit der Zeit immer eigenständiger zurecht. Sie benötigten beispielsweise weniger Hilfe bei Behördengängen. Die Kinder der Flüchtlinge fassten Fuß in der Schule und unterstützten ihre Eltern im Alltag.

Finanziert wurde die ehrenamtliche Flüchtlingsarbeit der WiB zum größten Teil durch Spenden. Auch diese Form der Unterstützung sei über die Jahre zurückgegangen.

Tatje: „Flüchtlingsarbeit ist nie abgeschlossen. Integration ist ein Lernprozess, der Zeit und Aufgeschlossenheit benötigt.“

Zusammensetzung bei Deutschkursen hat sich gewandelt

Dörte Binder, ehemals Deutschlehrerin bei der WiB, bot ihren Deutschkurs erstmals im Januar 2016 an. Heute leitet Binder noch immer Deutschkurse in Bassum. Die Zusammensetzung der Teilnehmer habe sich über die Jahre stark gewandelt: „Im Januar 2020 waren bis zu 20 Erwachsene und Kinder aus neun bis elf verschiedenen Nationen anwesend. Auch ,Nichtasylanten‘. Beispielsweise ein Austauschschüler, zwei Polinnen, eine Schülerin, die eigens für den Kurs vom Unterricht befreit war, zwei Brasilianerinnen, eine Au-pair-Frau aus Ruanda und eine von den Philippinen. Eine bunt gemischte Gruppe also.“ Dann kamen die Corona-Einschränkungen und der Deutschkurs musste umziehen.

Der aktuelle Schulungsraum im städtischen Wohnheim biete Platz für maximal zehn Personen. Folglich wurden vorrangig die Personen informiert, die im Haus wohnen, beziehungsweise die Bassum gerade neu zugewiesen wurden.

Kleinere Deutschkurse in neuen Räumen

Binder: „Wir starteten optimistisch nach den Sommerferien 2020, um dann ein halbes Jahr aussetzen zu müssen. Erneut starteten wir nach den Sommerferien 2021, jedoch weiterhin nur mit zehn Personen.“

Es gibt weiterhin einen steten Wechsel bei den Teilnehmern und immer wieder neue Gesichter. „Damit fangen wir immer wieder von vorn an und immer wieder sind die Lernvoraussetzungen von Analphabeten bis zu Fremdsprachen-Vorgebildeten unterschiedlich“, so Binder. Die Flüchtlingsarbeit der WiB ruht seit gut zwei Jahren. „Sie ist eingeschlafen. Als beendet sehen wir die Arbeit der WiB aber nicht an“, erklärt der Bassumer Johann Heiner Herholz.

Zweiter Teil

In einem folgenden Artikel wird die Bassumer Stadtverwaltung einen Überblick zum aktuellen Stand der Integration in Bassum geben.

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