Fahrradwerkstatt Bassum vor dem Aus

Neue Bleibe wird gesucht

Vielleicht arbeiten sie ein letztes Mal zusammen: Stefan Seltmann und Nashwan Samoki.
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Vielleicht arbeiten sie ein letztes Mal zusammen: Stefan Seltmann und Nashwan Samoki.

Die Fahrradwerkstatt Bassum steht vor dem Aus. Das Gebäude an der Bahnhofstraße 2 soll abgerissen werden. Nun suchen die ehrenamtlichen Betreiber eine neue Bleibe.

  • Die Fahrradwerkstatt Bassum brauch dringend neue Räume.
  • Das Projekt läuft seit sechs Jahren.
  • 700 Räder wurden in der Zeit ausgegeben.

Bassum – Mit vereinten Kräften heben Pit Rodenberg und der Mann, der gerade drei Räder zur Fahrradwerkstatt gebracht hat, die ausrangierten Drahtesel vom Anhänger. „Ich habe schon öfter eine Ladung vorbeigebracht“, berichtet der Spender. „Wir haben aber heute das letzte Mal geöffnet“, erklärt ihm Stefan Seltmann. Der Mann stutzt, und Seltmann weist auf das Gebäude hinter sich:

„Das wird abgerissen.“ Der Mann schüttelt verständnislos den Kopf. „Schade. Da hat man schon mal so was Gutes hier... .“

Auch Seltmann und Rodenberg wirken bedrückt. Nachdem sie fast sechs Jahre an so vielen Freitagen dort ihre Freizeit geopfert und 700 von insgesamt 1000 gespendeten Rädern zu neuen Besitzern verholfen haben, ist vorläufig Schluss. Die Stadt hat ihnen mitgeteilt, dass die Fahrradwerkstatt bis zum 1. April ausziehen soll. Und dann? Die beiden zucken die Schultern. „Wir wissen nicht, wo wir hinsollen oder wohin mit den vielen Ersatzteilen, die wir zusammengetragen haben. Wir hängen in der Luft“, beschreibt Rodenberg.

Ihr Wunsch wäre, dass es mit der Werkstatt weitergeht, die Räder repariert und zu günstigen Preisen an Menschen mit kleinem Geldbeutel abgibt. Doch dazu brauchen sie Unterstützung. Jemanden, der ihnen zu einer Immobilie verhilft, die mindestens 100 Quadratmeter groß sein und in der Stadt liegen muss. „Und es sollten ansprechendere Räume sein als die, die wir jetzt haben“, so Seltmann und blickt auf die heruntergekommene Baracke. „Die Hütte ist abrissreif, es war eine Zumutung, dort zu arbeiten. Wir hatten hier schon Helfer, die haben sich das einmal angeschaut und sind nie wieder gekommen. Wenn man Leute für diese Aufgabe gewinnen will, müsste man ihnen schon ein passenderes Umfeld bieten“, findet Seltmann.

Arbeit muss auf mehrere Schultern verteilt werden

Denn auch das ist eine Bedingung, damit es weitergeht: Die Arbeit muss auf mehrere Schultern verteilt werden. Im Moment sind Seltmann und Rodenberg die einzigen, die jeden Freitag an der Bahnhofstraße 2 zu finden sind. Regelmäßig ist auch Nashwan Samoki dabei. Der 19-Jährige stieß 2017 zur Fahrradwerkstatt hinzu und kommt immer noch gern. „Es macht Spaß. Ich mag den Kontakt zu den Menschen und ihnen helfen zu können“, berichtet der angehende Schlosser. „Es wäre traurig, wenn das alles jetzt vorbei wäre.“

Und er ist nicht der einzige Jugendliche, der in der Werkstatt mehr sah als nur eine Möglichkeit, Räder zu reparieren. „Wir hatten mal einen verhaltensauffälligen Jungen, der sich hier ganz wunderbar eingefügt und viel gelernt hat“, so Rodenberg. Seltmann ergänzt: „Wir bieten hier eine Mischung aus Integration und Recyclinghof. Hier haben Leute gelernt, Ketten zu ölen und Reifen aufzupumpen. Wir haben ihnen zu Mobilität verholfen. Dafür haben wir auch viel Dankbarkeit und Wertschätzung erfahren. Wir wissen noch gar nicht, wie wir das den Leuten beibringen sollen, dass es uns vielleicht bald nicht mehr gibt. Es kommen noch immer viele zu uns, Geflüchtete, Schüler oder Eltern, wenn die Kinder eingeschult werden.“

Ehrenamtliche bereiten sich auf Auszug vor

Seltmann hat versucht herauszufinden, welcher Investor das Grundstück gekauft hat, um zu erfahren, wann der Abriss geplant ist und ob die Werkstatt noch etwas länger am Platz bleiben kann. Er hofft, dass dieser sich bei ihm melden wird. Ansonsten war der gestrige Freitag der letzte offizielle Arbeitstag der Werkstatt.

Die beiden Ehrenamtlichen räumen schon ein bisschen aus und ordnen die Sachen. „Vielleicht stellen wir Werkzeug-Sets für Geflüchtete zusammen, die wir dann ausgeben, damit sie zuhause mit den Reparaturen weitermachen können“, überlegt Seltmann. „Oder wir machen einen Tag der offenen Tür, an dem sich die Leute etwas mitnehmen können. Wir haben hier noch 30 Räder, die leicht zu reparieren wären, und sieben, die repariert sind.“

Drei Jungen kommen auf den Vorplatz geradelt. „Mein Freund will sein Fahrrad reparieren lassen. Kostet das Geld?“, will einer wissen. „Kommt drauf an. Was möchtet ihr denn?“, fragt Seltmann. „Aufpumpen!“ Seltmann schmunzelt und erklärt, dass das wohl kostenlos sein wird. „Kann ich dann auch aufpumpen?“, fragt ein andere aufgeregt. Seltmann nickt, und die Kleinen bedanken sich überschwänglich.

Rodenberg schaut auf die Werkstatt. „Es ist etwas, das hilft und integriert. Darum sollte es erhalten und gefördert werden.“ Seltmann fügt hinzu: „Wir können auch nicht loslassen. Es ist ein schönes Projekt. Jedesmal, wenn ich wieder zu Hause bin, bin ich froh, dort gewesen zu sein.“

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