Verein Change my way hat so viele Anfragen wie nie zuvor

Extreme, die Extremes hervorbringen

Froh über die Unterstützung: Ingrid Kathmann (von links) und Holger Theek bedanken sich bei Marvin Glander und Klaus-Dieter Sprenger.
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Froh über die Unterstützung: Ingrid Kathmann (von links) und Holger Theek bedanken sich bei Marvin Glander und Klaus-Dieter Sprenger.

Bassum – Es sind Worte, die unverschnörkelt ausdrücken, was sich gerade in der jungen Frau abspielt: „Ich hoffe einfach, dass jeder Tag immer schnell vergeht und ich ins Bett gehen kann... An Wochenenden fällt mir das besonders schwer. Da vergehen die Tage einfach überhaupt nicht... Und ich versuche mich ständig alleine abzulenken, damit mir nicht langweilig wird und ich aus Langweile anfange, Sachen zu essen, die nicht geplant waren und dann keine Kontrolle mehr habe und es wieder wegbringe. An Wochenenden sind der Druck und der Hunger dann so groß, dass ich es nicht aushalte und dann doch irgendwas esse und es wieder erbreche (...)

Wenn ich dann wieder gebrochen habe, frage ich mich, weshalb ich es nicht hinkriege, einfach gar nichts zu essen. Dann würde ich kein Geld zum Fenster rauswerfen und mich dann beim Erbrechen nicht so quälen und es anschließend bereuen. Ich möchte das alles nicht mehr. Ich habe einfach keine Lust mehr darauf, dass sich der ganze Tag immer nur um Essen dreht.“

Die Autorin dieser Worte leidet an Bulimie. Betroffene stehen nicht nur unter einem großen Leidensdruck. Die Krankheit verursacht auch Begleiterscheinungen wie Haarsausfall und Karies. Die junge Frau hat diese Zeilen an Ingrid Kathmann vom Verein Change my way, der sich um essgestörte Kinder und Jugendliche kümmert, geschickt, um ihr zu beschreiben, wie die Pandemie ihr zusetzt. Und sie ist nicht die Einzige. „Wir hatten Mädchen, die waren schon sehr stabil, haben aber durch die aktuelle Situation einen totalen Rückfall erlitten“, schildert Kathmann.

Die Einsamkeit, die Verunsicherung, die fehlende Tagesstruktur, die sonst immer die quälenden Gedanken ein Stück weit ferngehalten hat – all das setzt den ohnehin schon belasteten Betroffenen zu, von denen viele sich und ihren Körper nur noch durch das Hungergefühl spüren. „Wenn das nicht mehr da ist, bin ich nicht mehr da“, zitiert Kathmann eine ihrer Schützlinge.

„Sie haben mehr Zeit, sich mit sich selbst zu beschäftigen und dann kreisen die Gedanken automatisch mehr um das Thema Essen“, schildert Kinder- und Jugendarzt Holger Theek. „Zudem sind sie mehr auf Social-Media-Kanälen unterwegs, werden noch mehr mit den Hochglanzbildern auf Instagram und Facebook konfrontiert. Das triggert.“

Wer nicht alleine lebt, sondern noch bei den Eltern, hat es nicht automatisch leichter. „Auch zuhause herrscht bei vielen eine angespannte Atmosphäre. Die Eltern stehen unter Druck und bekommen nun mehr mit, was ihr Kind tut. Das schürt die Konflikte“, sagt Kathmann. Eine Mutter habe ihr berichtet, dass sie zu ihrer an einer Essstörung erkrankten Tochter immer ein gutes Verhältnis gehabt habe – doch seit Corona sei das völlig aus den Fugen geraten. Die extreme Situation bringe in vielen Menschen das Extreme hervor.

„Wir bekommen täglich Anrufe und E-Mails von Eltern, Betroffenen oder Freunden, die Hilfe suchen“, schildert Kathmann. „Zum ersten Mal in der zehnjährigen Geschichte des Vereins haben wir eine Warteliste.“

Und das zu einer Zeit, wo der Verein seine Aktivitäten stark beschneiden muss. „Wir haben drei Schwerpunkte“, erklärt Theek. „Die Arbeit mit den Betroffenen, unter anderem in Form von Gruppentreffen, die Öffentlichkeitsarbeit, zu der Projekte wie Lesungen oder Theaterstücke gehören, und die Arbeit an den Schulen, meist in den 9. oder 10. Klassen.“

All das sei in diesem Jahr fast völlig weggebrochen. „Wir hatten jetzt eine Veranstaltung an der KGS Leeste in der großen Aula. Doch die Atmosphäre war natürlich nicht so angenehmen wie in einem Klassenzimmer“, so Theek.

Die Aktionen, die zum zehnjährigen Bestehen geplant waren, wie eine Kinoveranstaltung, mussten abgesagt werden. Doch was Kathmann am meisten wehtat, war der Ausfall der Gruppentreffen mit den Mädchen. „Nach dem Lockdown hatten wir Einzelgespräche angeboten, doch das war eben nicht dasselbe. Es fehlte die Gruppendynamik.“

Für Kathmann und ihre Mitstreiterinnen bedeutete diese Zeit auch extrem viel Aufwand. Eine Stunde boten sie jeder Betroffenen an – dann kam die nächste. „Hinzukommen die Gespräche mit den Eltern, vielleicht dem Partner, viel Kommunikation über WhatsApp. Die Vorgespräche, bei denen wir schauen, ob das Mädchen überhaupt in die Gruppe passt oder vielleicht schon zu krank oder auch zu jung ist, sowie die Nachgespräche.“

Vor Kurzem gab es dann die erste Video-Konferenz mit der Gruppe. Als Kathmann nach ihrem Eindruck gefragt wird, schüttelt sie mutlos den Kopf. „Die Mädchen sitzen allein vor ihrem Rechner, man sieht, dass sie sich nicht wohlfühlen. Das Gefühl, in einer Gemeinschaft zu sein, fehlt. Ich kann ihre Körpersprache nicht erkennen, beispielsweise ob sie gerade ihre Hände verkrampfen. Dabei ist das sehr wichtig, um zu merken, wie es ihnen wirklich geht.“

Umso glücklicher ist Kathmann, dass die Treffen nun doch wieder stattfinden dürfen, an einem neuen Ort mit viel mehr Platz. „Wir freuen uns sehr, dass das geklappt hat und der Bedarf ist da!“, sagt Theek.

Und es gibt weitere gute Nachrichten. Die Kreissparkasse Bassum hat sich dazu entschlossen, die Arbeit des Vereins für drei Jahre mit jeweils 5000 Euro zu unterstützen. „Das hat uns gerettet“, erklärt Theek. „Wir wären sonst ins Minus gerutscht. Wir sind auf Spenden angewiesen und da dieses Jahr keine Veranstaltungen waren, haben wir weniger bekommen.“ Von dem Geld werden unter anderem Material- und Fahrtkosten bestritten.

Theek und Kathmann dankten ausdrücklich Filialleiter Klaus-Dieter Sprenger sowie Sparkassenbetriebswirt Marvin Glander. „Wir danken Ihnen, dass Sie diese Arbeit machen. Wir geben das Geld, aber Sie sorgen dafür, dass es sinnvoll verwendet wird“, so Sprenger, der zusichert, sich auch in Zukunft für den Verein einsetzen zu wollen.

Kontakt

Wer Change my way bei seiner Arbeit unterstützen möchte, kann den Verein im Internet unter www.change-my-way.de kontaktieren.

Von Julia Kreykenbohm

Für viele Menschen mit Essstörung birgt die Pandemie eine große Gefahr.

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