Am Mittwoch im Jugendhaus Bassum

Ahmad Alzoubi hat seine Flucht aus Syrien mit dem Handy gefilmt

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Ahmad Alzoubi stellt sich vor. Mit im Bild: Susan Behnken von der Diakonie und Jugendhausmitarbeiter Andreas Storn.

Bassum - Von Frauke Albrecht. Kein Film der Zeit kann das Leid beschreiben, das Millionen Syrer in ihrer Heimat und auf der Flucht erleben. Mit diesem Abspann endet der Film von Ahmad Alzoubi – es folgt betretenes Schweigen.

Mehrere Minuten lang herrscht geradezu schmerzhafte Stille im Jugendhaus Fönix in Bassum. Dann folgt zögerlich Applaus für den jungen Filmemacher.

Alzoubi ist 2016 mit seinem Bruder und seinen Eltern aus seiner Heimatstadt Dar’a geflohen. Die Situation vor Ort und die Stationen seiner Flucht hat er mit seinem Smartphone festgehalten. In der Medienwerkstatt des Kulturzentrums Schlachthof in Bremen hat er aus den Aufnahmen einen Dokumentarfilm gemacht. Auf Einladung der Diakonie Syke und des Jugendhauses Bassum stellte er seinen Beitrag nun vor.

Das Publikum muss die Bilder sacken lassen: Zerstörter Städte, tote Kinder, verwackelte Szenen von Lkw-Fahrten in der Wüste und eine Fahrt in einem Schlauchboot. Solche Sequenzen sind zwar täglich im Fernsehen zu sehen – doch für viele Menschen ist der Krieg in Syrien weit weg. Das Schicksal vieler ist oft schlecht greifbar. Das Einzelschicksal Alzoubi jedoch packt die Anwesenden – vielleicht, weil er selbst anwesend ist.

Bilder gehen direkt ins Herz

Das zeigt sich am Beispiel zweier junger Mädchen, vielleicht Besucherinnen des Jugendhauses, die anfänglich eher desinteressiert das Geschehen verfolgen und sich im Verlauf des Films von einem Sofa in der Ecke in die mittleren Zuschauerreihen setzen, um besser sehen zu können.

Einige Bilder gehen direkt ins Herz – etwa das eines Flüchtlingskinds, das, in eine Decke gehüllt, mit großen Augen fragend in die Kamera blickt.

Auch im Publikum sitzen einige Flüchtlinge. An manchen Stellen nicken sie zustimmend. Sie erkennen Situationen ihrer eigenen Flucht wieder. Mehrmals wischen sie sich verstohlen die Tränen aus den Augen.

„Lässt sich das Erlebte überhaupt verarbeiten?“ Diese Frage einer Zuhörerin lässt Ahmad Alzoubi unbeantwortet. Die Arbeit an dem Film sei für ihn eine Art Ventil gewesen, räumt er ein. Nach und nach trauen sich die Zuschauer, Fragen zu stellen. Unter anderem nach den Kosten der Flucht. – In seinem Fall 600 Dollar pro Person plus Überfahrt.

Ob er sich nun sicher fühle, möchte eine Zuhörerin wissen. Eine andere fragt, woher er wusste, dass er den Schleusern vertrauen könne. „Wusste ich nicht“, erzählt der junge Mann. Und berichtet, wie sie in der Türkei aus dem Bus gestiegen seien und von einem Mann gefragt wurden: „Wollt ihr nach Griechenland?“ Alzoubi: „Man muss einfach vertrauen.“ Manchmal gehe es gut, manchmal nicht. Freunde von ihm hätten viel Geld bezahlt und wurden betrogen.

Eines ist dem jungen Mann sehr wichtig: „Wir sind gezwungen worden, zu fliehen. Wir hatten keine andere Wahl. Syrien ist kein sicheres Land.“ Er sei sehr dankbar, in Deutschland Zuflucht gefunden zu haben.

Der 21-Jährige hofft, bald in seine Heimat zurückkehren zu können. „Ich hätte nicht gedacht, wieviel man vermissen kann.“ Am allermeisten sehnt er sich nach seiner Familie. Die meisten seiner Verwandten seien noch in Syrien. „Sie haben kein Geld für die Flucht.“ In Telefonaten schildern sie die Lage. „Sie ist schlimm“, sagt Alzoubi.

Er möchte mit seinem Film aufklären, was in Syrien passiert. Deshalb freut er sich, bereits öfter von Schulen eingeladen worden zu sein. Er ist nicht viel älter als die Jugendlichen, vor denen er dann spricht. Erst vor zwei Jahren hat er sein Abitur gemacht. Danach wollte er in Damaskus Ingenieurswissenschaft studieren. Das will er immer noch.

www.Ahmad-Alzoubi.de

info@ahmad-alzoubi.de

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