Release in Bassum bietet an drei Tagen in der Woche Termine nach Vereinbarung

Eine Portion Bedeutsamkeit für jeden

Versuchen, ihren Klienten durch die Krise zu helfen: Gabriele Helmstedt (links) und Kerstin Töller.
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Versuchen, ihren Klienten durch die Krise zu helfen: Gabriele Helmstedt (links) und Kerstin Töller.

Bassum – Kerstin Töller ist für das betreute und ambulante Wohnen bei Release zuständig. Die Erfahrungen, die sie im Job gesammelt hat, fasst sie in einem Satz zusammen: „Jeder Mensch braucht jeden Tag eine Portion Bedeutsamkeit.“ Bedeutsamkeit heißt für sie, dass jemand fragt, wie es einem geht oder dass sich jemand freut, dass man da ist. Und die Menschen, die ohnehin nur sehr selten eine Portion davon bekommen, müssen durch die Corona-Krise geradezu hungern.

Töller und ihre Kollegin Gabriele Helmstedt wissen das, denn sie haben täglich mit ihnen zu tun.

Sie und der Rest des Release-Teams versuchen alles, um jedem Klienten seine Portion Bedeutsamkeit zukommen zu lassen. Und sei es über das Telefon. „Oft reicht es schon, die Stimme zu hören. Unsere Klienten können uns im Notfall immer erreichen, denn eine Krise hält sich nicht an Sprechzeiten“, erzählen die Frauen. Dieser Notdienst sei noch nie missbraucht worden. „Wenn sie anrufen, dann brennt wirklich die Hütte.“

Aber viel lieber sitzt Gabriele Helmstedt den Menschen in der Beratungsstelle gegenüber. „Es braucht den persönlichen Kontakt, gerade, wenn sie sich das erste Mal bei uns melden. Es braucht ein Gesicht, die Gestik und die Mimik.“ Darum bietet sie an drei Tagen pro Woche Termine nach Vereinbarung an. Für jeden Klienten eine halbe Stunde, unter Abstands- und Hygieneregeln. „Und die Klienten halten sich daran.“ Die große Herausforderung dabei ist: „Zu erkennen, wann jemand ein persönliches Gespräch braucht und wann ein Telefonat reicht.“

Die Beratungsstelle schließen und damit den Betroffenen auch noch diesen Ankerpunkt nehmen will Gabriele Helmstedt nicht. „Zu uns kommen Menschen, die entweder in einer Krisensituation stecken oder gerade eine bewältigt haben. Die Corona-Zeit belastet jeden – aber diejenigen, die noch nicht stabil sind, trifft sie noch härter.“

Das Resultat: „Es werden mehr rückfällig. Gerade über die Feiertage, wo das Fest der Familie gefeiert wird, die viele nicht mehr haben. Aus diesem Grund mussten wir danach erstmal Scherben aufsammeln“, sagt Helmstedt. Und Töller fügt hinzu: „Wir haben sonst in der Vorweihnachtszeit Märkte besucht und zu Weihnachten eine kleine Feier veranstaltet. Das ist alles ausgefallen. Dementsprechend fühlten sich die Bewohnner sehr einsam.“

Doch es kommen auch vermehrt neue Klienten in die Beratung. „Erwachsene, aber auch Jugendliche“, so Helmstedt. Sie glaubt jedoch nicht, dass durch Corona viel mehr Leute zu Drogen greifen. Vielmehr glaubt sie, dass Probleme verstärkt auffallen, weil die Familien mehr Zeit miteinander verbringen.

Sowohl die Klienten als auch das Release-Team haben seit Ausbruch der Pandemie eine Berg-und-Tal-Fahrt hinter sich. Angefangen bei dem ersten Lockdown im März, als unter anderem auch die Tafeln dichtgemacht wurden. „Einige unserer Bewohner sind von der Tafel abhängig und hatten, weil es bereits Mitte des Monats war, kaum noch Geld“, erinnert sich Töller, die versuchen musste, die zwei Wochen irgendwie zu überbrücken.

In der Beratungsstelle verbrachte Helmstedt ihre Zeit fast durchgängig am Telefon. Sie hat an die 80 Klienten und wollte jedem ein Gespräch von einer halben Stunde einräumen. „Das waren so acht bis zehn Telefonate pro Tag“, erzählt die 66-Jährige. Es sei sehr anstrengend gewesen.

Mittelweile hat sich alles eingespielt – doch gut ist es damit noch lange nicht. Die Kliniken haben lange Wartezeiten, weil sie nur die Hälfte der Betten belegen. Gemeinsame Treffen und die Ausflüge fielen ins Wasser, was die Bewohner sehr getroffen habe, da sie ohnehin kaum Kontakte haben.

„Doch was sie beim ersten Lockdown noch weggesteckt haben, trifft sie beim zweiten viel härter“, sagt Töller. „Besonders die nochmalige Verlängerung führte bei vielen zu einem richtigen Einbruch. Sie sind wütend, verunsichert, fühlen sich verlassen und nicht wahrgenommen.“

Töller und Helmstedt versuchen dann, den Blick auf positive Dinge zu lenken. Denn auch davon gibt es einige. „Das Miteinander ist menschlicher und verständnisvoller geworden. Zum Beispiel zwischen uns und den Praxen. Jeder bemüht sich, eine Lösung zu finden. Aber auch unsere Klienten begegnen uns mit viel Empathie, danken uns, dass wir für sie da sind und sorgen sich um uns“, erzählt Helmstedt. „Viele Klienten wachsen auch an der Krise und managen sie hervorragend.“

Von Julia Kreykenbohm

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