Zehnjähriges Bestehen von „change my way“

Lesung mit Lilly Lindner: Einblicke in ein Leben, die unter die Haut gehen

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Lilly Lindner verteilte Unmengen von beschriebenen Zetteln im Publikum. 

Bassum - Von Angelika Kratz. „Kein Mädchen wird hungern und sich ritzen, weil es Spaß macht“, ist für Lilly Lindner eine unumstößliche Tatsache. Die Berliner Schriftstellerin muss es wissen, denn jahrelang hat sie sich selber verletzt und ging schließlich ihren Weg in die Prostitution. In verschiedenen Büchern wie „Splitterfasernackt“, „Bevor ich falle“ oder „Winterwassertief“ beschäftigt sie sich mit ihrer eigenen Geschichte und den in unserer Gesellschaft oft totgeschwiegenen Themen wie Kindesmissbrauch, Essstörungen, Prostitution und Todeswünschen.

Anlässlich des zehnjährigen Bestehens der Bassumer Gruppe „change my way“ gegen Essstörung und selbstverletzendes Verhalten bei jungen Mädchen konnte Lilly Lindner für eine ungewöhnliche Lesung im Kulturforum gewonnen werden.

Ganz in schwarz gekleidet betrat die 31-Jährige, die zart wie ein kleines Schulmädchen wirkte, wortlos die Bühne und ließ Unmengen an beschriebenen Zetteln ins Publikum flattern. Musik spielte dazu und die Überraschung war vielen Gästen anzusehen.

„Du weißt nicht, wie sich Stille anhört“, begann Lilly Lindner ihre Lesung, die hinsichtlich fehlender Bücher im engsten Sinne keine war. „Ich habe mich großzügig über die Zeit verteilt“, sprach sie mit fast gefühlloser Stimme im zügigen Tempo ins Mikrofon. Ausschnitte aus ihren biographischen Werken wie der Selbstmord der Mutter, der Abbruch der Schule kurz vor dem Abitur oder dem Umgang mit Freiern, gepaart mit den ungewöhnlichen Gedankengängen und Wortschöpfungen wie „Selbstverfehlungsintelligenz“ gingen tief unter die Haut: „Ich kann nicht so schreiben wie andere, ich weiß nicht, woher die Worte kommen, sie sind einfach da.“ Und es scheinen viele Worte zu sein, die Lilly Lindner zu Papier gebracht hat und sicherlich noch bringen wird.

Die Botschaften brauchten Zeit zum Sackenlassen

„Davonkommen ist ein hässlich verpacktes Geschenk“, sprach sie die tiefen, unsichtbaren Wunden auf der Seele an. „Schweigen ist ein Gesetz, das unser Stimmrecht einfordert“. Die Botschaften brauchten Zeit zum Sackenlassen, und die boten die kleinen Zwischenspiele mit noch mehr Zetteln oder roten Wollknäulen, die sich wie der bekannte rote Faden schließlich durch alle Zuhörerreihen spannten. Begleitet wurden sie durch Bodyguard Oliver, der niemals lacht, aber mit seinem wortlosen Agieren die richtige Prise Dramatik beisteuerte.

Kinder- und Jugendarzt Holger Theek engagiert sich seit Jahren im Verein „change my way“ und weiß um die Brisanz, die Tabuthemen Hungern und Ritzen anzusprechen. Wie Lilly Lindner, besucht der Verein besonders Gymnasien oder Oberschulen für seine Aufklärungsarbeit. Fast ausschließlich in der höheren Gesellschaftsschicht seien die Betroffenen zu finden.

Statt im Anschluß der Lesung sich an den Büchertisch zu setzen und ihre Werke zu signieren, blieb Lilly Lindner auf dem Tisch der Bühne und plauderte fast unbefangen aus dem persönlichen Nähkästchen. „Es ist viel schöner, zu erzählen, als eine Frage nach der anderen zu beantworten.“ Gefragt nach „wer von euch weiß, wie es sich anfühlt, unter Wasser zu atmen“ und „wie groß der Schmerz ist, der einen Menschen verschluckt“, standen viele im Publikum auf.

Es war ein ungewöhnlicher Abend in Bassum, der den Besuchern sicherlich noch lange im Gedächtnis bleiben wird.

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