Die Eiche, die eine Linde war

Sturm fällt alten Baum an der Thingstätte der Freudenburg

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Ein Opfer des Sturms ist die Linde im Park der Freudenburg geworden.

Bassum - Von Frauke Albrecht. Die Eiche, die eine Linde war, steht nicht mehr. Am Mittwoch wurde der mehr als 150 Jahre alte Baum an der Thingstätte im Park der Freudenburg ein Opfer des Sturms. Auf der Facebookseite „Unser schönes Bassum“ äußerten gleich mehrere Bassumer ihr Bedauern.

Und gleichzeitig kam Verwirrung auf. Einige meinten, die Gerichtseiche ist betroffen. Die aber steht doch im Stiftspark. Was ist denn nun richtig? Auf der Suche nach Antworten halfen die Archivare Michael Junge und Jochen Meyer sowie Gästeführer Bodo Heuermann. Die drei sind sich einig: Es gibt keinen Beweis, sondern es wird lediglich vermutet, dass Bassum eine Thingstätte gehabt hat. Und die wird an der Freudenburg verortet.

Im Stiftspark steht die Gerichtseiche

Als Thing wurden Volks- und Gerichtsversammlungen nach dem alten germanischen Recht bezeichnet. Der Ort oder Platz, an dem eine solche Versammlung abgehalten wurde, lag häufig etwas erhöht oder unter einem Baum, immer unter freiem Himmel.

In älteren Schriften ist zu lesen, dass eine solche Stätte an der Freudenburg existiert haben soll. Die Gaugrafen versammelten sich dort bei Vollmond, um Recht zu sprechen. Michael Junge verweist auf das Buch „Berichte, Erzählungen, Geschichten und Sagen aus dem Raum Bassum“ von Reinhard Wiens aus dem Jahr 1976. Darin heißt es: „Neben der Freudenburg befindet sich heute noch eine germanische Thingstätte, in der früher sächsisches Gericht gehalten wurde. Ein Ring von über 1000-jährigen zum Teil noch erhaltenen Eichen umschließt die Gerichtsstätte.“

In früheren Jahren haben dort Schulklassen Verhandlungen nachgespielt. Wiens hat Fotos beigefügt, eines stammt von 1951. Der Gaugraf verurteilt einen Mann namens Ehler. Er soll bei einer Massenschlägerei den Ehemann von Irmingard erwürgt haben. Er gesteht und bereut. Es war ein Versehen, sagt er. Irmingard setzt sich für den Nachbarn ein. Der Graf schenkt ihm das Leben. Ehler wird verurteilt, den Acker der Hinterbliebenen zu bewirtschaften und ihnen alle Arbeit abzunehmen.

Eine Klasse der Volksschule Bassum spielt 1951 eine Gerichtsverhandlung an der Thingstätte nach.

Ob sich die beschriebene Tat tatsächlich ereignet hat, bleibt offen. Wohl aber findet sich ein Hinweis auf die Baumart: „unter der alten Linde der Ahnen, in Wodans Weihtum.“

Noch in den 80er-Jahren spielten Schüler dort Gericht. Unter anderem mit dem Lehrer und späteren Ortsvorsteher Klaus Rajf.

Wie lange die Sachsen dort Recht sprachen, ist nicht überliefert. Heuermann weiß, dass bereits um 1200 die Äbtissin diese Aufgabe übernommen hatte. „Ob das dann unter der Kaffeeeiche geschah, ist allerdings mehr als fraglich“.

Und da kommt der zweite Gerichtsbaum in Bassum ins Spiel: Im Stiftspark steht die mehr als 1000-jährige Stiftseiche – auch Kaffeeeiche genannt. Das Stift soll dort kleine und größere Sünder verurteilt haben. „Abgegolten wurden in der Regel kleine Vergehen des Alltags“, ist auf einem Wegweiser im Park zu lesen. Verhandelt wurden unter anderem Grenzstreitigkeiten, Fragen des Erbrechts oder Unstimmigkeiten im Handel.

Die Stiftsgerichtseiche hat einen metallenen Schutz.

Bis 1868 lag die Gerichtsbarkeit beim Stift. Bei der Rechtsprechung wurde die Äbtissin von ihrem juristischen Kanoniker beraten.

Erst ab dem 16. Jahrhundert gab es in den Städten Richter, die ausgebildete Juristen waren. Mit der Einführung von Gerichtsgebäuden verloren die Gerichtsbäume ihre Bedeutung.

Der Sage nach sollen Mitte des 19. Jahrhunderts die Bassumer Stiftsdamen den Kaffeegenuss schätzengelernt und sich täglich unter der alten Eiche zum Nachmittagskaffee getroffen haben. So kam der Baum zu seinem zweiten Namen: Kaffeeeiche.

Heimatdichter H.W. Pleuss schreibt um die Jahrhundertwende über den Baum: „Sie steht schon tausend Jahr, hörte manches Liebeswort, beschatt mit breiten Ästen, den zauberischen Ort.“

Obwohl der Stamm bereits hohl und zum Teil offen ist – eine Metallplatte soll vor Vandalismus schützen – trotzt die Eiche der Zeit.

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