Ehemaliges Warnamt in Bassum hat am Sonntag geöffnet

Relikt des Kalten Krieges lässt tief blicken

Die  Nachrichten-Fernleitungen aus dem gesamten norddeutschen Raum liefen in Bassum zusammen. Die Geräte sind noch vorhanden. Foto: Kaack

Modern(e): Umbrüche in Kunst und Architektur – unter diesem Titel steht am kommenden Sonntag der bundesweite Tag des offenen Denkmals. Mit von der Partie ist der Bunkerkomplex des einstigen Warnamts II, auf den das Thema kaum treffender zugeschnitten sein könnte. Von 10 bis 18 Uhr hat das auf dem Areal der Prinzhöfte-Schule gelegene Relikt des Kalten Krieges seine schweren Stahltüren geöffnet. Allein die Eingangstür wiegt über eine Tonne. Sie lässt sich nur hydraulisch öffnen und führt hinab in eine düstere vierstöckige Betonlandschaft mit dem Charme der 70er-Jahre.

Der einstige Zivilschutz-Bunker des Warnamts II gewährt Einblicke in die Ära des Kalten Krieges. Und das aus einem heute morbid anmutenden Blickwinkel. Von diesem Ort aus, seinerzeit eine Hightech-Zentrale, wären im Falle von atomaren, biologischen oder chemischen Angriffen auf dem Territorium der Bundesrepublik Deutschland alle Maßnahmen zur Gefahrenabwehr bei der Zivilbevölkerung koordiniert worden. Dort kontrollierten die Spezialisten diverse Messstellen für radioaktive Strahlung und steuerten 14 000 Sirenen im norddeutschen Raum – monatlich beim Probealarm, im Ernstfall zum Glück nie.

Hinter den drei Meter dicken Betonwänden entsteht seit drei Jahren ein Museum über den Bunker, seine Technik und die Geschichte. Dieses Ziel verfolgen Mirko Krumm und seine Mitstreiter vom 2016 gegründeten Verein Warnamt Bassum II: „Als wir den nahezu leer stehenden Bunker übernahmen, war er bereits 20 Jahre lang ungenutzt und faktisch eine Ruine. Das nasskalte Klima hatte ihm stark zugesetzt, und wir mussten fast ein Jahr Arbeit investieren, um einigermaßen Grund in das Objekt zu kriegen. Vor allem Strom und Heizung mussten wir reaktivieren, um wieder ein stabiles Raumklima herzustellen.“

Die ehrenamtlich geleisteten Renovierungsarbeiten sind mittlerweile weit fortgeschritten. Schlafräume, der Sanitärbereich, die Großküche und diverse technische Anlagen sind bereits restauriert, zum großen Teil in funktionsfähigem Zustand. Führungen in dem über 50 Jahre alten Bunkerkomplex sind seit Längerem möglich, aber vieles ist noch am werden.

„Ziel ist es, das Warnamt II so weit wie möglich in seinen Originalzustand zurückzuversetzen“, sagt Mirko Krumm. „Wir wollen den Besuchern zeigen, welche Aufgaben diese einstmals höchst bedeutsame Zivilschutzeinrichtung hatte, wie die Menschen hier arbeiteten und wie die Technik funktionierte. Darum stellen wir auch zeitgenössische Funk- und Fernmeldetechnik aus den damaligen Epochen aus. Hinzukommen differenzierte Informationen aus der Ära des Kalten Krieges, um den Gästen ein ganzheitliches Bild zu vermitteln.“

Mit dem Beitritt Deutschlands zur Nato und der Aufstellung der Bundeswehr wurde im Oktober 1957 per Gesetz ein flächendeckendes Luftschutzwarnsystem für die zivile Bevölkerung ins Leben gerufen. Es wurden zehn Warnämter gegründet, eines davon – das Warnamt II – im Bassumer Ortsteil Helldiek, vor allem, weil in dieser Region die überregionalen Nachrichten-Fernleitungen zusammenliefen.

„Am 4. Mai 1959 wurde der Betrieb des Warn- und Alarmdienstes zunächst provisorisch in drei Baracken der ehemaligen Lungenheilstätte in der Bremer Straße aufgenommen“, erzählt Mirko Krumm die Geschichte des Warnamts. „Es unterstand dem Bundesamt für Zivilschutz in Bonn. Im Sommer 1960 begannen die Bauarbeiten für den unterirdischen Bunkerkomplex in Helldiek. Beim Anblick der riesigen Grube befürchteten die Nachbarn, dass hier eine Raketenstation entstehen sollte. Tatsächlich gab es im Warnamt keinerlei militärische Nutzung, keine Waffen und keine Uniformen.“

Am 25. Juli 1963 ging das neue Warnamt in Betrieb. In den Spitzenzeiten waren dort 30 hauptamtliche Mitarbeiter in den fünf Fachbereichen Fernmelde- und Maschinenbetriebstechnik, Verwaltung, Ausbildung und ABC-Wesen sowie Einsatz und Organisation beschäftigt. Dazu kamen bis zu 180 ehrenamtliche Helfer, die ihren Dienst zumeist zehn Jahre lang als Ersatz für den Grundwehrdienst leisteten.

Der Bunker bot Platz für 250 Personen und wirksamen Schutz auch bei nuklearen Angriffen. Die Versorgung und alle technischen Systeme arbeiteten unabhängig von der äußeren Atmosphäre. Ständig war Verpflegung für das Personal eingelagert. Es gab Unterkünfte, Toiletten, einen Sanitätsbereich, eine Küche sowie Vorratsräume. Außerdem Dieselaggregate und Generatoren für die Stromversorgung, eine Heiz- und eine Lüftungsanlage, Atemluftfilter, Frischwassertanks, Entsorgungssysteme, Dekontaminierungsmöglichkeiten – alles Lebensnotwendige war vorhanden. Vorgesehen war es, 30 Tage lang autark im Bunker arbeiten zu können.

„Das Herzstück war ein zentraler, zweistöckiger Führungsraum, in dem zahlreiche Fernmeldeplätze, Luftlage-, ABC-Lage- und Warnlagekarten untergebracht waren“, so der heutige Bunkerchef. „Hier wurden sämtliche Informationen und Daten zusammengetragen und analysiert, die aus den benachbarten Fernsprech- und Fernschreibräumen sowie den ABC-Aufnahme- und Auswertungsstellen geliefert wurden. Im Falle eines Luftangriffs – konventionell, atomar, biologisch oder chemisch – innerhalb des Warnbezirkes wären hier alle Informationen und Daten über die Lage zusammengelaufen und ausgewertet worden.“

Das Bassumer Warnamt wurde nach dem Ende des Kalten Krieges, am 27. Juni 1996, außer Betrieb genommen und aufgelöst. Das Grundstück und der Gebäudekomplex verkaufte der Bund. Seit 2002 wird das Gelände von der Freien Schule Prinzhöfte genutzt. In den beiden überirdischen Gebäuden finden der Unterricht und die Schulspeisung statt, außerdem hat hier die Schulverwaltung ihr Domizil.

Am Sonntag werden die Besucher von Vereinsmitgliedern in kleinen Gruppen durch den Bunker geführt. „Etwa 30 Minuten wird so eine Tour dauern“, sagt Mirko Krumm. „Geparkt wird vor dem Haupttor. Warme Kleidung und festes Schuhwerk sind im Bunker ein Muss. Kameras sind erlaubt. Hunde und Kinder sind willkommen, wenn sie sich unter der Erde nicht unwohl fühlen.“ Für die Bewirtung der Gäste wird ein Team der Prinzhöfte Schule sorgen.

Über Spenden zur Unterstützung der ehrenamtlichen Arbeit freut sich das Team um Krumm.  ufa

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