Eisenbahn-Diorama

Michael Riesen baut am dreidimensionalen Wimmelbild

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Michael Riesen hat fast immer gute Laune, wenn er an seinem Werk arbeiten kann.

Bassum - Von Ulf Kaack. Ist das Kunst, oder kann das weg? Dieser viel zitierte und entsprechend ausgeleierte Aphorismus lässt sich auf das Werk von Michael Riesen nicht anwenden. Weg kann die von ihm geschaffene, nennen wir sie mal Technik-Skulptur, auf gar keinen Fall.

Ob sie einer künstlerischen Betrachtung standhalten will und kann, klären wir im Folgenden. Züge rauschen über die Gleise quer durch eine surrealistisch anmutende Landschaft. Lichter blinken in allen Farben. Am Trafo steht Michael Riesen, der Erbauer einer Anlage, die weit über die Begrifflichkeit einer konventionellen Modelleisenbahn hinausgeht. 

Ein scheinbar überfrachtetes Sammelsurium hat er geschaffen, das durch das vermeintliche Chaos an Charme und Ästhetik gewinnt. Der Betrachter mag sich an die Maschinenskulpturen des Schweizer Kinetik-Künstlers Jean Tinguely erinnert fühlen.

Seit 1990 lebt Michael Riesen im Wohnheim Bassum der Lebenshilfe. Von früher Kindheit an bestimmt die Entwicklungsstörung Autismus das Leben des 49-Jährigen maßgeblich. „Dabei geht es ihm gut, und er ist fast immer bei bester Laune“, sagt seine Schwester Gerhild Faltus, die in Bremen lebt.

Technisch sehr begabt

„Er ist technisch sehr begabt, arbeitet tagsüber im handwerklichen Bereich der Delme-Werkstätten. Sein Krankheitsbild bringt es mit sich, dass er in allem, was er tut, äußerst präzise Maßstäbe ansetzt. Das reflektiert sich in seiner Arbeit und wird vor allem in seinem Eisenbahn-Diorama sichtbar.“

Die Welt in zwei Etagen, ein auf vier Quadratmetern abgebildeter Mikrokosmos. „Seit 18 Jahren arbeite ich daran, zuerst auf einer, dann auf zwei Ebenen“, lächelt Michael Riesen. Ob sein Meisterwerk denn fertiggestellt ist? „Eigentlich ja, aber mir fällt immer wieder etwas Neues ein.“ Wie etwa der aus Holzresten gefertigte mechanische Fahrstuhl, der die beiden Ebenen miteinander verbindet. Es vergeht kaum ein Tag, an dem er sich nicht mit seinem Objekt beschäftigt.

Eine einfache HO-Modelleisenbahn war für ihn einst die Basis. Es folgten Miniaturen wie Häuser, Autos und Figuren. Dass dabei so manches Mal der Maßstab nicht stimmte, störte ihn nicht. Im Gegenteil: Zusammenfügen, was eigentlich nicht zueinander passt, erwuchs schnell zum Stilmittel. 

Perfekte Landschaft ist nicht das Ziel

Eine perfekte Landschaft zu kreieren, so wie eingefleischte Modelleisenbahner es tun, war fortan nicht mehr das Ziel. Und so ganz nebenbei stellte sich auch ein Platzproblem ein. Das Diorama ließ sich in seinem Zimmer im Bassumer Wohnheim nicht unbegrenzt erweitern. So war nach dem Einbau des zweiten Stockwerks eine verdichtete Platzierung der vielen kleinen Schaustücke darauf seine weitere Vorgehensweise.

Entstanden ist eine Art dreidimensionales Wimmelbild, auf dem der Betrachter wirklich viel zu erkunden und zu entdecken hat. Hunderte kleiner und großer Details hat Michael Riesen in seinem Werk versteckt. Als zentrales Element sind in der Mitte als Lokalkolorit zwei großes Gebäude platziert. „Das ist die Firma Stelter hier in Bassum“, sagt er und zeigt ein Stück weiter, „und das ist das Werk von KMH-Kammann im Bassumer Industriegebiet.“

Kuriose Details: Schlumpf winkt Playmobil-Figur.

Da legt schon einmal ein Kreuzfahrtschiff mit seiner Steuerbordseite am Bahnhofsgebäude an. Ein Schlumpf unterhält sich mit einer Playmobil-Figur, lange Kranausleger recken sich aus dem Szenario. Bunte Plastikfiguren, Baumaschinen, technische Abfälle … Alles ist irgendwie miteinander interaktiv.

Sämtliches Material wird verwendet

Dabei verbaut Michael Riesen nahezu sämtliches Material, was ihm in die Hände fällt. Aus ausrangierten Türscharnieren werden Leitungsmasten, aus groben und filigranen Drähten lässt er Oberleitungen entstehen. Ein Kaffeebecher mutiert zum städtischen Wasserreservoir, aus einer stählernen Hardyscheibe wird plötzlich ein Karussell.

Ob das alles so gedacht ist, wie der Betrachter es interpretiert, bleibt offen.

Michael Riesen entwirft detailverliebte Technik-Skulptur

 © Ulf Kaack
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Öffentlich ausstellen kann Michael Riesen sein Werk nicht. Es passt schlicht und ergreifend nicht mehr durch die Tür seines Zimmers. Dafür empfängt er umso lieber Besuch, der sich dafür interessiert. Dann führt er alle technischen Details und die verschiedenen elektrischen Schaltungen vor.

Egal, ob nun Kunstwerk oder nicht – spielen lässt sich mit der Anlage auf jeden Fall hervorragend.

Wer sich die filigrane Konstruktion von Michael Riesen näher ansehen mag, kann dies auf unserer Internetseite tun. Dort haben wir eine Bildstrecke mit vielen Detailfotos eingerichtet.

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