Notfallzentren im Landkreis Diepholz

Drei Säulen für den Notfall

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Christoph Lanzendörfer schätzt „Ressourcen schonende Lösungen“. 

Überfüllte Notfallambulanzen und lange Wartezeiten will Gesundheitsminister Jens Spahn nicht mehr hinnehmen. Er plant eine Reform der Notfallversorgung. Was das neue Konzept für den Rettungsdienst, die Hausärzte und die Krankenhäuser im Landkreis Diepholz bedeuten kann, erläutert Dr. Christoph Lanzendörfer als erfahrener Mediziner und Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung.

Landkreis Diepholz – Nachbarn sind sie schon heute, die hausärztlichen Notdienste und die Kliniken im Landkreis Diepholz. Denn sie befinden sich längst unter einem Dach. Gesundheitsminister Jens Spahn will sie eng verzahnen, um die Notaufnahmen in den Krankenhäusern zu entlasten. Gemeinsame Notfallleitstellen, integrierte Notfallzentren und ein Rettungsdienst als eigenständiger medizinischer Leistungsbereich sind tragende Säulen der Reform.

Für Dr. Christoph Lanzendörfer, erfahrener Mediziner aus Bassum und Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) im Nordkreis Diepholz, ist das geplante Konzept eine „ressourcenschonende Lösung“, wenn es teure und unnötige Doppelstrukturen auflösen kann. Der Arzt kann sich gut vorstellen, dass der Landkreis Diepholz künftig vier integrierte Notfallzentren hat: drei in den Krankenhäusern in Bassum, Sulingen und Diepholz sowie eine in der Notfallpraxis in Weyhe. „Damit hätten wir eine sehr gute Versorgung.“

Notfallzentren: Rund um die Uhr zugänglich

Rein rechnerisch sind es zurzeit sogar sieben, weil in den drei Kliniken im Landkreis Doppelstrukturen bestehen: Notaufnahme und hausärztlicher Notdienst arbeiten nebeneinander. Letzterer ist von 19 bis 7 Uhr besetzt. Wie viele Patienten sich dort melden oder Zuhause behandelt werden müssen, lässt sich nicht planen. „Aber vom Hausarzt wird erwartet, dass er am nächsten Morgen wieder in der Praxis steht“, gibt Dr. Lanzendörfer zu bedenken. Für die Ärzte im Krankenhaus dagegen seien die Bereitschaftsdienste Arbeitszeit.

Die integrierten Notfallzentren sollen von den Kassenärztlichen Vereinigungen und den Krankenhäusern gemeinsam eingerichtet und betrieben werden. Rund um die Uhr sollen sie für Patienten zugänglich sein und sowohl eine qualifizierte medizinische Ersteinschätzung als auch die notwendige Erstversorgung bieten.

Wer telefonisch Hilfe sucht, landet nach dem Willen des Gesundheitsministers künftig in der gemeinsamen Notfallleitstelle. Dort laufen der Notruf 112 und die hausärztliche Notfall-Nummer 116 117 zusammen.

Mitarbeiter geben qualifizierte Ersteinschätzung ab

Die Mitarbeiter sollen eine qualifizierte Ersteinschätzung vornehmen – und den Patienten an die richtige Versorgungsebene vermitteln. Das kann der Rettungsdienst sein, aber auch das integrierte Notfallzentrum – oder der Verweis auf die nächste Sprechstunde des Hausarztes. „Das können nur geschulte Kräfte entscheiden“, betont Dr. Lanzendörfer. Bei unklaren Fällen könne ein Arzt im Hintergrund Unterstützung geben. „Leit- und Abklärungsfunktion machen wir de facto ja schon“, verweist der Mediziner auf den Status quo. „Und ich muss sagen: Das läuft gut.“

Der Rettungsdienst bildet nach dem Konzept des Gesundheitsministers künftig einen eigenständigen medizinischen Leistungsbereich. Will heißen: Die Versorgung am Notfallort und eine Rettungsfahrt ins Krankenhaus werden als separate, voneinander unabhängige Leistungen der medizinischen Notfallrettung geregelt.

Die gesamte Neustrukturierung hat ein elementares Ziel: Überfüllte Notfallambulanzen und lange Wartezeiten verhindern – durch passgenaue Behandlungsmöglichkeiten. Schätzungsweise zwischen 65 und 80 Prozent der Patienten würden nicht in die Notfallambulanz gehören, weiß Dr. Christoph Lanzendörfer aus Erhebungen – aber genauso, dass ein Notfall manchmal nicht leicht zu definieren ist. Wenn ein Patient seit vier Wochen unter Fußschmerzen leide, sei das sicher kein Notfall. Wenn er dann aber in der Notfallambulanz über aktuelle Schmerzen klage, „ist das dann als Notfall zu werten oder nicht?“

Im Fokus: Kurze Wege und schnelle Erreichbarkeit

Kurze Wege und schnelle Erreichbarkeit – das seien entscheidende Kriterien für die integrierten Notfallzentren, so Dr. Lanzendörfer. Und: Wenn die Krankenhäuser auch Einrichtungen der allgemeinen Notfallversorgung sein sollen, „dann kommen wir mit 600 nicht aus“, erinnert der Mediziner an die Empfehlung der Bertelsmann-Stiftung, von knapp 1 400 Kliniken in Deutschland rund 800 zu schließen. „Eines von beiden kann nicht klappen“, blickt Dr. Lanzendörfer auf die Reform der Notfallversorgung einerseits und auf die Bertelsmann-Studie andererseits. Genau die sei ohnehin nicht schlüssig. Die geforderte Ausstattung einer Klinik solle demnach elf Fächer der Regelversorgung umfassen – 24 Stunden an sieben Tagen der Woche.

„Es ist rechnerisch überhaupt nicht möglich, die Fachärzte dafür zu finden“, so der KV-Sprecher. Außerdem: „In der Studie gibt es immer nur Krankheiten, aber keine Kranken.“ Was bedeute, dass Menschen mit mehreren Leiden und speziellem Behandlungsbedarf – wie der Diabetiker mit einem Knieproblem – überhaupt nicht berücksichtigt würden: In der Studie würden zwei Krankheiten gezählt, nicht aber der Kranke.

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