„Großartiges Land mit tollen Menschen“

Dreimal nach Russland und zurück: Bassumer reisten zur WM 2018

Vater und Sohn im Stadion in Kaliningrad.

Bassum - Von Frauke Albrecht. Oliver Bösche aus Bassum reist gern. Auf einer Karte hat er bereits 186 Länderpunkte eingezeichnet. Sein Ziel sind 200. Seine letzte Reise ist gerade erst ein paar Tage her, und auf dieser hat der Bassumer seine beiden Leidenschaften miteinander verbunden: Das Reisen und den Fußball. Bösche bezeichnet sich selbst als „WM-süchtig“. Deshalb war es für ihn keine Frage, nach Russland zu fahren.

„Auch wenn ich im Vorfeld alles andere als begeistert war, als ich hörte, dass Russland die WM ausrichtet“, erzählt Bösche. Doch mittlerweile hat er seine Meinung revidiert. „Es ist ein großartiges Land mit tollen Menschen. – Und die gucken gar nicht so griesgrämig, wie man immer meint.“

An den Spielorten sei er mit offenen Armen empfangen worden. „Vor allem die Fans aus der ganzen Welt waren wie eine große Familie“, so Bösche. Es gab allerdings auch ein paar Kontakte, auf die er lieber verzichtet hätte. „In Sibirien habe ich mich überhaupt nicht sicher gefühlt“, erzählt der 49-Jährige. Ein Taxifahrer wollte ihn übers Ohr hauen. Die Situation eskalierte, Bösche flüchtete in ein Hostel. Dessen Mitarbeiter alarmierten die Polizei. „Die kamen mit Kalaschnikows im Anschlag und erzählten dann, dass ich dem Taxifahrer lieber nicht nochmal über den Weg laufen sollte“, so Bösche. Mit den Hostel-Angestellten allerdings hätte er einen grandiosen TV-Fußballabend erlebt.

Die Grenzbrücke zu Abchasien.

In Sibirien, genauer gesagt in Irkutz, sei er gelandet, weil der reiselustige Bassumer während seines Aufenthaltes unbedingt noch den Länderpunkt Bhutan holen wollte.

Seine wilde WM-Rundreise startete er mit dem Mietwagen von Danzig nach Kaliningrad. Später ging es mit Flugzeugen und Mietwagen weiter. Bösche besuchte Georgien, Armenien und Aserbaidschan, sammelte unterwegs seinen Sohn Nico ein und fuhr nach Sotschi. Dann ging es weiter nach Dubai, Nepal und nach Bhutan und über Bangkok zurück nach Russland.

Drei Spiele mit dem Sohn erlebt 

Was ihn am meisten freut ist, dass er zusammen mit seinem Sohn Nico drei Spiele erleben durfte. Der 19-Jährige ist zwar ähnlich verrückt wie der Papa. Aber: Berufsschule schwänzen kommt für ihn nicht in Frage. Also konnte er sich nicht an der großen Reise beteiligen, sondern fuhr mit seinen Kumpels nach dem Auftaktspiel Kroatien-Nigeria in Kaliningrad mit dem Wagen zurück.

Tage später flog er für das Spiel Deutschland gegen Schweden von Hannover über Budapest nach Kutaissi in Georgien. Dort wartete bereits sein Vater.

Die Maschine sollte am Spieltag morgens um 5 Uhr dort landen. Anstoß war um 21 Uhr. „Das muss doch zu schaffen sein“, dachte sich das Duo. „Wäre es vielleicht auch, wenn Google Maps uns nicht Abchasien verschwiegen hätte.“

Abchasien ist eine im Süden des Kaukasus an das Schwarze Meer grenzende autonome, staatsähnliche Region. Diese betrachtet sich unter der Bezeichnung „Republik Abchasien“ als selbstständigen Staat, völkerrechtlich gilt es jedoch als Teil von Georgien. Bösche holte seinen Sohn also vom Flughafen ab und kam bis zur Grenze, allerdings nicht weiter, obwohl er sich um ein Visum gekümmert hatte. „Was wir denn hier an der Grenze machen würden? Ob uns bewusst sei, dass hier Krieg herrscht, wurden wir gefragt“, schildert Nico die Grenzbegegnung.

Warten an der Grenze, die keine ist

Nach fünf Stunden Warten und Vertröstungen – „Gleich kommt die Bestätigung aus Tiflis“ – seien sie schließlich ohne Erlaubnis über die Brücke. Nico: „Mit uns eine Gruppe Peruaner, unsere neuen Freunde. Nach der Grenzbrücke kommt die ,Einlasskontrolle’ nach Abchasien. Dort gab es erneut Ärger. Die Peruaner sind sofort abgewiesen worden. Mangels Visum. Wir haben später gehört, dass sie mit dem Taxi nach Vladikawakas gefahren sind und dann per Zug weiter nach Sotschi. Sie waren 40 Stunden unterwegs. Echte Fans.“

So viel Zeit hatten Vater und Sohn nicht. Kleines Problem nur, Bösches Passummer im Visum stimmte mit seiner echten Passnummer nicht überein. Also mussten sie noch eine weitere Stunde warten.

Trotz sieben Stunden Verspätung kamen die beiden am Ende doch noch rechtzeitig an. Vor dem Anpfiff erhielten sie einen Anruf von Michael Gillner aus dem WM-Park Bassum. Bürgermeister Christian Porsch, der Bösche noch aus seiner aktiven Fußballerzeit beim TSV kennt, hatte eine Liveschaltung vermittelt. Am Ende des aufregenden Tages lautete Nicos Fazit: „Toni Kroos hat uns sogar noch das Spiel ,gerettet’. Was ein Drama. Wobei ich gestehen darf, dass WM nichts mit Grenzen oder 96.-Minute-Dusel zu tun hat. Der Weg ist das Ziel. War das super! Wir sind weiterhin in Kontakt mit den Peru-Fans von der Abchasien-Grenze. Wir haben in Sotschi ein ganz friedliches Fan-Erlebnis erfahren mit tollen Fans aus Schweden. Und dem Rest der Welt.“

Während Nico nach dem Abpfiff über Moskau zurück nach Berlin flog, holte sich Oliver seinen Länderpunkt. Knapp zwei Wochen später trafen sie sich in Moskau wieder, um das Halbfinalspiel England gegen Kroatien anzuschauen. – Echte Fans.

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