Dörte Binder bietet seit zehn Monaten Deutschunterricht für Flüchtlinge an / Freiwilliges Angebot

Der, die, das und Einser vor der Zehn

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Die Schüler von Dörte Binder wollen so schnell und so viel wie möglich lernen.

Bassum - Von Frauke Albrecht. Dörte Binder verplempert keine Zeit und kommt gleich zur Sache: „Guten Morgen!“, begrüßt sie die Runde, die sich an diesem Morgen um 8.45Uhr im Werkraum der Grundschule Petermoor eingefunden hat. Etwa 16 Erwachsene sitzen auf Hockern am Tisch und blicken erwartungsvoll ihre Lehrerin an. Sie kommen aus Syrien, dem Iran, Marokko, Montenegro und Albanien und wollen Deutsch lernen. Dörte Binder prüft die Teilnehmerliste. Neuzugänge sind nicht dabei.

Das Angebot ist freiwillig. „Die meisten wollen lernen und kommen deshalb regelmäßig“, freut sich die ehemalige Grundschullehrerin über ihre Schüler. Sie kennt sie gut. Sie weiß, wem es leichter fällt, wem schwerer. Die Wissensunterschiede könnten größer nicht sein. Akademiker sitzen neben Handwerkern. Auch Analphabeten sind dabei.

„Wir verstehen uns als Ersthelfer“, sagt Binder. Sie vermittelt das Basiswissen. Ihr zur Seite stehen Eva Junck und Heide Wöbse. Sie alle gehören der Initiative Willkommen in Bassum an. Unterrichtet wird jeden Dienstag und Donnerstag. „Zu zweit ist es einfacher. Wir können uns aufteilen“, sagt Binder. Im Februar hat sie mit dem Unterricht begonnen.

Das Programm an diesem Morgen ist straff. Innerhalb der nächsten 90 Minuten lernen die Teilnehmer, sich zu begrüßen: „Guten Morgen. Ich heiße..., mir geht es gut, wie geht es Dir?“

Es folgen die Datumsangabe, die Uhrzeit und die Zahlen von 1bis 100. Dörte Binder hat für diesen Tag auch eine Tafel organisiert. Diese nutzt sie allerdings wenig. Hilfreicher sind die Gesten. „Es ist Viertel nach 9“, erklärt die ehemalige Lehrerin gerade der Runde und zeigt auf eine Pappuhr mit beweglichen Zeigern. „Naaaach“, wiederholt Binder und bewegt ihre Hand im Uhrzeigersinn. Bei „Voooor“ macht sie es genau anders herum. „Adnan, wie spät ist es?“ „Es ist halb zehn.“ „Super“, lobt Binder. Sie lobt viel an diesem Morgen.

Alles, was nicht sitzt, wird wiederholt. „Solange, bis es jeder kann“, schmunzelt Binder. Als ehemalige Grundschullehrerin weiß sie genau, wie sie es anstellen muss, dass ihre Schüler nicht die Lust am Lernen verlieren. Deshalb gibt es Spiele. „Wir zählen jetzt“, sagt Binder und fängt an: „Eins“. „Sie müssen wissen, was sie sagen. Sie müssen die Zahlen im Kopf haben, dann können sie sie lesen. Deshalb nützen die Ziffern nichts“, erklärt Binder. „Adnan, die Eins kommt voooor der Zehn, also einundzwanzig, zweiundzwanzig...“

Nach einer dreiminütigen Pause nimmt Binder die Farben und die Artikel „der, die, das“ durch. Am Ende dürfen die Teilnehmer eine Mandarine mit nach Hause nehmen. Sie haben gelernt, dass Mandarinen rund und gesund sind und orange. Das Ganze steht auf einem Zettel – zum Nachlesen für zu Hause. Das Unterrichtsmaterial hat die Pädagogin selbst zusammengestellt. „In meiner aktiven Zeit habe ich frühes Fremdsprachenlernen in Englisch unterrichtet. Davon konnte ich sehr viel übernehmen“, erzählt sie.

Seit zehn Monaten unterrichtet die 64-Jährige Flüchtlinge in der deutschen Sprache. „Die Idee kam mir bei einem der ersten Treffen von WiB“, erzählt sie. Rahmi Tuncer von Pro Asyl appellierte an die Helfer: „Die Flüchtlinge müssen Deutsch lernen.“ Sie bot sich an. „Ursprünglich war meine Idee, vor allem die Frauen anzusprechen.“ Die Kinder würden die Sprache schnell in der Schule lernen. Die Männer müssen, sobald sie dem Arbeitsmarkt zugeführt werden, verpflichtende Deutschkurse absolvieren. Binder wollte den Frauen, die vielfach zu Hause bleiben und sich um die Kinder kümmern, die Möglichkeit geben, Kontakte zu knüpfen. Es kam anders. Das freiwillige Angebot hat sich schnell bei allen herumgesprochen.

„Alle wollen so schnell und so viel wie möglich lernen“, hat Binder beobachtet. „Wir sehen uns nicht als Konkurrenz zur VHS, sondern als Ergänzung“, betont Binder. „Wir sind die Notfallambulanz – die Erste Hilfe sozusagen“, sagt sie. Ihre Hilfe reicht aber weit über den Unterricht hinaus. An diesem Tag bittet sie eine Teilnehmerin, da zu bleiben. Sie möchte ihr einen persischen Arzt vorstellen, der als Dolmetscher fungieren soll. Denn die junge Frau versteht kein einziges Wort Deutsch.

Dankbar ist Dörte Binder, dass sie die Schulräume nutzen darf. „Die Zeiten sind so gewählt, dass wir den Schulalltag nicht stören.“ Einen weiteren positiven Effekt macht sie aus: Der Werkraum ist vom Pausenhof gut einzusehen. „So können die Kinder sehen, ob Mama und Papa fleißig sind. Das spornt an.“

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