Abschiednehmen im Corona-Jahr

Die Pandemie stört die wichtigen Prozesse der Trauer

Frisches Grab mit Kränzen auf winterlichem Friedhof.
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Etwa 60 Menschen aus der Kirchengemeinde Vilsen sind in diesem Jahr verstorben und wurden auf dem Friedhof am Vilser Holz beigesetzt.

Auf ein gutes neues Jahr werden wir in einigen Stunden anstoßen. Es kann nur besser werden. Doch Margret will es nicht gehen lassen. Sie musste dieses Jahr Abschied nehmen. „Die Beerdigung findet aufgrund der Situation im kleinsten Kreis statt.“ Diese Worte hallen nach.

  • Trauernde sind durch die Corona-Auflagen zutiefst verunsichert
  • Corona-Regeln stören die Regeln der Trauer-Prozesse
  • Auf Worte angewiesen, wenn Worte so schwer fallen

Im Jahr der Pandemie haben die Schutzmaßnahmen nicht einmal für Trauerhäuser Ausnahmen zugelassen. Viele Wochen lang galt: Nicht mehr als zehn Personen dürfen an einer Beerdigung teilnehmen. „Die Organisation der Trauerfeier hat Angehörigen in diesem Jahr viel abverlangt“, weiß Vilsens Pastorin Mareike Hinrichsen-Mohr. Etwa 60 Mitglieder ihrer Kirchengemeinde sind 2020 verstorben. „Ich habe viele Gärten kennengelernt“, erzählt die Seelsorgerin.

Denn auch das Trauergespräch musste einen neuen Rahmen finden. Die gute Stube, das Sofa für Frau Pastorin – „oft reichte da der Platz nicht, um die geforderten Abstände einzuhalten“, erzählt sie. Auf einmal ging es beim Besuch im Trauerhaus erst einmal um Hygiene, um Abstand. In einem Moment, in dem Nähe so wichtig und so wertvoll ist. Der Händedruck der Pastorin, wenn sie die Angehörigen trifft, schon er hilft, die Last zu teilen. Aber gerade der birgt 2020 das Risiko einer Ansteckung. „Ich habe auf die Abstands- und Hygieneregeln geachtet“, sagt Mareike Hinrichsen-Mohr. „Ich muss ja in mehrere Häuser gehen“, ist sie sich der möglichen Konsequenzen bewusst, würde sie aus dem Regelwerk ausscheren.

Regeln geben Trauernden Halt

Regeln, Maßnahmen, Vorschriften – auch das Bestattungswesen kennt diese Begriffe. Der Bestatter regelt das, sagt man zu Recht. Darüber hinaus regelt vieles die Tradition. Wer wird benachrichtigt wie läuft die Trauerfeier ab, wer bleibt zum Kaffee – all das folgt vor allem auf dem Land ungeschriebenen Gesetzen. „Diese Regeln geben uns Halt“, weiß die Pastorin. Und: „Feste Abläufe sind für Trauernde wichtig.“

Besonders die Wochen des ersten Lockdowns haben Familien jedoch verunsichert. Die vertrauten Regeln waren ausgehebelt von etwas, mit dem niemand umgehen konnte. „Zu Beginn der Pandemie haben wir Pastoren uns fast täglich mit den Bestattern abgestimmt, was es Neues zu beachten gilt“, berichtet sie aus dem Frühjahr und spricht von einer „großen Unsicherheit“.

Wenn ein Händedruck zum Risiko wird

Das, was unter Corona-Bedingungen für die Beerdigung zu beachten ist, prägten auch die Gespräche mit den Angehörigen. „Ältere Menschen waren zunächst von den Schutzmaßnahmen noch nicht allzu betroffen. Ihnen mussten wir erklären, warum wir uns die Hände nicht schütteln können und warum die Enkel nicht mit in die Trauerhalle dürfen. Das war am Anfang schwierig“, blickt sie zurück.

Manchmal flüstere ein Hinterbliebener ihr etwas ins Ohr, etwas, was er noch mitteilen möchte, mitteilen muss, um sich in der Situation zurechtzufinden. Auch das ist jetzt nicht erlaubt. So individuell ein Verlust sein mag, so allgemeingültig sind die Prozesse des Trauens, führt die Pastorin aus. Die Begleitung eines Sterbenden, das Abschiednehmen, verschiedene Phasen der Trauer, all das passiert nach einem unbewussten Drehbuch, einer bewährten, zutiefst verinnerlichten Strategie. „Wenn ein Trauerprozess nicht möglich ist, macht das etwas mit uns“, weiß die Pastorin. Dass die Folgen der Pandemie diesen Prozess stören, stehe für sie fest, was das anrichte, sei noch nicht abzusehen. „Das werden wir als Gesellschaft im Blick behalten müssen.“

Ich fühlte mich beim Abschied so allein

Margret hat ihren Kurt ohne den wortwörtlichen Beistand der lieben Nachbarn, der beiden Vereine, in denen er sein Leben lang Mitglied war, ohne die tröstenden Blicke der großen Familie beerdigen müssen. Die Trauerhalle wäre sicherlich bis auf den letzten Platz besetzt gewesen. Zu Zehnt waren sie in der Stunde des Abschieds. „Ich fühlte mich so allein“, kann Margret heute aussprechen. Im April machte die Wut über die Situation die Leere umso schlimmer, erzählt sie.

Herausfordernd war das Jahr aber auch für die, die ihr Beileid bekunden wollten. Ein Händedruck, eine Umarmung sagen so viel, wenn Worte fehlen. „Jetzt ist man zurückgeworfen auf Worte, wo Worte schwerfallen“, sagt die Pastorin. „Ich habe sehr viel Post bekommen“, bestätigt Margret. Viele Karten und Briefe seien sehr ausführlich gewesen. „So viele waren mit Kurt verbunden“, weiß sie. Und doch: Umarmungen, auch am Grab, hätten das Abschiednehmen erträglicher gemacht.

In wenigen Stunden geht dieses Jahr zu Ende. Das beherrschende Thema der Zeitung ist das Impfen. „Dann können wir auch endlich wieder zu dir kommen“, hat Margrets Enkelin Weihnachten am Telefon gesagt. Ihren süßen Urenkel hat sie seit März nicht in die Arme schließen können. „Auf ein gutes neues Jahr“, wird sich Margret heute Nacht wünschen. Und ihrem Kurt einen Kuss schicken.

*Die Familie hat gebeten, ihre Privatsphäre zu wahren. Daher sind Margret und Kurt erdachte Namen.

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