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Wildnispädagoge Björn Hombergs: „Wir bewegen uns am Rand der Komfortzone“

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Von: Gregor Hühne

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Teilnehmer am Lagerfeuer.
Platz der Gruppe: Teilnehmer der Wildnisschule Bassum wärmen sich am Lagerfeuer. © Wildnisschule Bassum

Björn Hombergs leitet die Wildnisschule Schattenwolf in Bassum. In der Corona-Pandemie haben sich viele Interessierte bei dem Wildnis-Pädagogen gemeldet, um Survival-Kurse zu buchen. Wie überlebe ich in der Natur? Eine Frage, die sich laut Hombergs immer mehr Menschen stellen. Doch auch die Naturverbundenheit spielt eine große Rolle. 

Landkreis – Corona-Pandemie, Strom-Blackout oder ein Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung: Sogenannte Prepper (Englisch, to prep = vorbereiten) bereiten sich auf den Ernstfall vor, in dem es heißen würde: jeder für sich. Doch damit möchte Björn Hombergs, Leiter der Wildnisschule Schattenwölfe, nicht in Verbindung gebracht werden. An Alien-Invasion oder Zombie-Apokalypse glaubt er nicht.

Ihm geht es um die Wiederentdeckung der Naturverbundenheit. Von der Arbeit in seiner Wildnisschule erzählt der Pädagoge der im Gespräch mit der Kreiszeitung. Die Fragen stellte Gregor Hühne.

Björn Hombergs, wie kommt Ihre Wildnisschule durch die Coronalage? Erfahren Sie einen Ansturm?

Das ist gar nicht so leicht zu beantworten. Wir sind breit aufgestellt, bieten Klassenfahrten für Schulen und Projektfahrten. Ganz viel für Schulen. Zum großen Teil durfte das aber nicht stattfinden. Gerade die Fahrten mit Übernachtungen wurden storniert. Das war nicht so günstig. Gleichzeitig verzeichnen wir bei den Buchungen von Erwachsenen ein Plus, weil viele Leute – auch aufgrund des Lockdowns – lieber hierbleiben anstatt weit weg in den Urlaub zu fahren.

Kurz gesagt, was macht die Wildnisschule?

Es geht um die Vermittlung von Wildnisfertigkeiten. Wie kann ich mit einfachen Mitteln draußen zurechtkommen? Feuer machen, Nahrung finden, Unterschlupf bauen und Wasser finden. Dazu kommen noch andere Sachen wie Fährtenlesen oder Bogenschießen. Das Vermitteln wir als Techniken. Darüber hinaus wollen wir wieder eine Naturverbundenheit herstellen, damit die Leute merken, in der Natur finden sie alles, was sie brauchen. Die Natur als Geschenk sehen sozusagen. Das ist kein Unkraut, sondern ein leckerer Tee beispielsweise.

Was für Leute kommen eigentlich zu Ihnen?

Ich mache häufig die Erfahrung, dass alle Leute irgendwann Kontakt mit der Natur hatten und ihnen das gut gefallen hat. Meist ist das in der Kindheit gewesen. Dann kommen da bei vielen lange keine Berührungspunkte mehr. Stattdessen: Stadt, Arbeit, Familie. Viele wollen aber Anknüpfen an die Zeit als Kind, als das ,schön‘ war in der Natur. In der Corona-Pandemie gab es dann viel Zeit dem wieder nachzugehen. Da haben mir viele beschrieben, wie wichtig ihnen diese Verbindung doch eigentlich ist: Draußen sein und mit einfachen Mitteln zurechkommen. Wenn sie wieder draußen sind, kommt die Erinnerung, aber es fehlt die Anleitung.

Kommen auch Selbstverwalter, Reichsbürger oder gar Neonazis zu Ihnen?

Nein, tatsächlich ist so jemand in den Jahren nie bei uns gewesen oder hat sich nicht zu erkennen gegeben.

Das überrascht mich jetzt.

Das hat mich selbst überrascht, doch so ist es! Vielleicht sind sie tatsächlich weg geblieben oder haben sich gut verstellt. Ich glaube aber, die gucken sich unsere Internetseite an und gehen woanders hin. Die, die zu uns kommen, wollen in der Natur klarkommen, aber ohne die Endzeitgedanken. Auch Prepper kommen nicht zu uns. Potenzielle Kunden rufen vorher an, meine Antwort ist dann: Wir nennen das Survival Training, aber nicht so, wie es das Fernsehen suggeriert. Wir rennen nicht mit Tarnfarbe und Kampfmesser durch den Wald.

Seit wann leiten Sie die Wildnisschule?

Vor sieben Jahren habe ich die Schule gegründet. Damals hätte ich nicht damit gerechnet, dass es so gut läuft, aber das ist der Fall und seitdem kann ich davon leben. Es sind auch Angestellte auf Honorarbasis für mich tätig.

Für wen ist denn die Wildnisschule etwas?

Von Kindern bis ins Alter. Die älteste Teilnehmerin ist Ende 60. Doch es sind mehr Männer. Ein Drittel der Teilnehmer sind Frauen. Durch die Heterogenität entsteht ein ausgewogenes Gefühl in der Gruppe. Es ist nicht wie bei Bear Grylls [Dokumentarfilmer und ehemaliger SAS-Soldat, Anm. d. Red.], der sich auf DMAX allein durchschlägt, sondern das geht nur in der Gruppe. Ich betone auch, die Natur ist nicht als Feind zu sehen, sondern als Teil von uns, und das um uns herum als Geschenk zu betrachten.

Erfahren Sie Vorurteile, weil Leute aus Ihrer Umgebung Sie falsch verorten?

Nein. Den Begriff Wildnisschule gibt es auch schon seit mehr als 25 Jahren und wir sind etabliert.

Wo veranstalten Sie die Wildnis-Kurse?

Wir nutzen verschiedene Gelände. Eines ist hier in Stuhr im Waldgebiet. Ein vier Hektar großes Gelände steht uns dort zur Verfügung.

Wie sieht‘s bisher für das neue Jahr aus?

Der Terminkalender ist voll bis zum Jahresende. Meine Sorge ist nur, dass wir davon erneut Dinge absagen müssen. Das geht aber letztlich allen so. Ansonsten kann ich mich nicht beschweren. Die nächste Jahresausbildung ist schon fast ausgebucht. Eine Woche in Schweden! Das wird das erste Mal im Ausland sein. Dazu steht eine Woche in Bayern an.

Dazu gibt es psychologische Anteile. Meine Partnerin ist auch in wildnispädagogischen Ausbildung. Sie bringt außerdem den psychologischen Background mit. Wo liegen die eigenen Stärken und Schwächen? Das zu erkennen, sich selbst kennenlernen und Techniken lernen, und das in einer Situation draußen umzusetzen. Das Wildnis-Setting ist gut geeignet, um so was kennenzulernen. Wir bewegen uns da ja am Rand der Komfortzone. Wenn es regnet, haben viele beispielsweie den Impuls reinzugehen. Aber wir sind dann im Wald. Da geht es um das richtige Mind-Set [Denkweise, Anm. d. Red]. Besser ist es dann zu denken: Oh yeah, es regnet! Die Natur ist nicht der Feind.

Ein anderer wichtiger Punkt: Gruppenprozesse. Wenn jemand seine eigenen Bedürfnisse in der Gruppe nie nennt und dann explodiert, kann das nicht funktionieren. ,Ich bin der Einzige, der Feuerholz sammelt.‘ Das muss auf gute Weise angesprochen werden. Sowas kann man lernen.

Woher kommt Ihre Naturverbundenheit?

Ich war schon immer gerne draußen und wohnte schon immer hier auf dem Land. Ich habe Bio und Musik auf Lehramt studiert. Bin Lehrer gewesen und habe an Schulen unterrichtet. Große Reisen gemacht, Wanderungen durch Skandinavien und Schottland. Ich vermittel gerne Wissen, aber im Schulalltag vermisste ich das Draußensein und merkte, dass Schüler mit dem theoretischen Wissen nicht viel anfangen konnten. Dann habe ich eine Ausbildung zum Wildnis-Pädagogen gemacht, die dauert vier Jahren. Der Abschluss war in den Karpaten. Im Anschluss habe ich mich selbstständig gemacht. Das funktioniert von Anfang an total gut, sodass ich davon hauptberuflich leben kann.

Wie setzen Sie die Corona-Regeln da draußen um?

Wir halten uns an das, was gesetzlich vorgegeben ist. Bei Schulen ist das einfach, die wissen, was sie dürfen. Bei Erwachsenen wie bei dem Kurs am vergangenen Wochenende, gilt 2G-plus. Die Teilnehmer sind alle geimpft.

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