Nicole und Peer Klausing aus Bassum

Rollstuhltanz: Die Kunst, es leicht aussehen zu lassen

Den langsamen Walzer lieben sie beide: Es ist ihr Hochzeitstanz. Doch Nicole und Peer Klausing können auch schnellere Tänze wie Cha Cha oder Quick Step. Das Besondere: Sie sitzen im Rollstuhl. Im Tanz-Centrum Gold und Silber in Bremen trainieren die beiden Bassumer einmal in der Woche. Ihr Ziel ist eine Teilnahme bei den deutschen Meisterschaften.

Bassum – „Happy Wife, happy Life.“ Peer Klausing lächelt, als er die Frage nach seiner Motivation beantwortet, jeden Mittwoch zum Tanztraining nach Bremen zu fahren. Aus dem Tanzmuffel ist ein Talent geworden. „Kaum zu glauben.“ Peer Klausing muss selbst lachen. „In meinem ersten Leben habe ich höchstens mit dem Kopf genickt. Das war Tanz genug.“ Ganz im Gegensatz zu seiner Frau Nicole, die immer schon leidenschaftlich gern und viel getanzt hat. Früher Formationstanz. Bis die Krankheit Multiple Sklerose (MS) sie mehr und mehr in den Rollstuhl zwang. Heute tanzt sie trotzdem.

Rollstuhltanz gibt es nicht häufig. Deshalb fährt das Ehepaar jeden Mittwoch nach Bremen ins Tanz-Centrum Gold und Silber. Es ist das einzige Studio in der Region, das dieses Angebot hat. Beim Rollstuhltanz gibt es verschiedene Paar-Kombinationen, zum Beispiel Duo und Kombi. Beim Kombi sitzt nur ein Tänzer im Rollstuhl, beim Duo beide. Das Ehepaar Klausing tritt als Duo an.

Tanzen geht auch im Rollstuhl

Beide mussten sich an ihr Leben auf Rollen gewöhnen. Sie haben harte Jahre hinter sich. Aber Aufgeben war für beide nie eine Option. Da sind sie sich ähnlich. Sie sind Kämpfer. Und als solche ehrgeizig. Deshalb war bereits nach dem ersten Schnuppertraining in Bremen der Ehrgeiz geweckt. Peer und Nicole haben Großes vor. Sie wollen Turniere tanzen, womöglich Deutsche Meister werden. Und dass sie das Talent dafür besitzen, bescheinigt ihnen ihre Trainerin.

Ausdrucksstark: Die Bewegung kommt aus dem Oberkörper.

Vor fünf Jahren besuchte das Ehepaar erstmals das Bremer Tanzstudio. Nicole lernte während einer Reha eine Frau kennen, die sagte: „Wieso? Tanzen geht auch im Rollstuhl!“ Zurück in Bassum erkundigte sich die junge Frau, wo es das in ihrer Region gibt und wurde in Bremen fündig. „Der Funke war gleich wieder da“, erinnert sie sich an die erste Tanzstunde. Und so war es für ihren Mann schnell klar, dass sie wiederkommen werden. „Ich sehe, wie glücklich es sie macht.“ Zwar gab es nach dem ersten Abend einen ordentlichen Muskelkater. Doch auch ein Glücksgefühl stellte sich ein. „Beim Tanzen denke ich nicht darüber nach, dass ich im Rollstuhl sitze“, sagt Nicole Klausing.

„Man muss ein guter Schauspieler sein.“

Wer den beiden beim Tanzen zuschaut, glaubt es nicht, dass sie erst seit fünf Jahren trainieren – sie bezaubern durch Leichtigkeit und Eleganz. „Die Herausforderung ist, es leicht aussehen zu lassen“, sagt Nicole Klausing. Das Tanzen im Rollstuhl erfordere viel Kraft. Die Anstrengung darf der Zuschauer aber nicht merken. „Man muss ein guter Schauspieler sein“, lächelt Nicole Klausing.

Sie hat ihrem Mann gegenüber gleich zwei Vorteile: Sie ist auf jeden Fall diejenige mit mehr Gefühl. Und sie tanzt mit einem besonderen Rollstuhl, einer Sonderanfertigung. „Er ist leichter, niedriger und somit wendiger – er wurde gesponsert“, erklärt ihr Mann. Kostenpunkt: rund 6000 Euro. Peer Klausing wünscht sich das auch, aber Sponsoren stehen beim Rollstuhltanz nicht gerade Schlange.

Anfangs war das Tanzen für beide Freizeitvergnügen – einmal in der Woche. Das ist es noch, aber ihre Ziele sind andere geworden. „Auf einem Workshop in Berlin wurden wir von der Bundestrainerin Andrea Volkmann angesprochen. Sie hat Interesse geäußert, uns zu trainieren“, erzählt Nicole Klausing. Seitdem fahren sie alle sechs Wochen zum zusätzlichen Training nach Potsdam. Und haben seitdem einen riesen Sprung gemacht. Sie beherrschen viele Tanzformen – wobei ihr Lieblingstanz der Walzer ist. „Das ist auch unser Hochzeitstanz“, verrät Peer Klausing. Aber auch die schnelleren Tänze haben sie drauf – ob Cha Cha oder Quick Step. „Wenn er weiß, was er tanzen soll, klappt es gut“, schmunzelt seine Frau.

Im Dezember geht es nach Essen

„Die Trainerin hat gesagt: Wir brauchen ein Jahr, um erfolgreich an Turnieren teilzunehmen.“ Darauf hatten sie sich intensiv vorbereitet. Als es soweit war, wurden sie jäh von Corona gestoppt. „2019 sollte es mit Holland losgehen“, blickt Nicole Klausing zurück. Doch alle Termine seien ausgefallen. Zwangspause. Vor einigen Wochen erst ging es wieder los. Sie mussten vor allem Kondition aufholen. Nun brennen sie darauf, loszulegen. „Im Dezember geht es nach Essen. Das ist noch kein internationales Turnier, wir wollen es langsam angehen lassen.“ Ihre Chancen stehen gut, auf dem Treppchen zu landen. „Das ist unser Ziel“, sagen sie.

Der Tanz hat Nicole Klausing viel Freude zurückgebracht. Sie hat gute und schlechte Tage. Das Gemeine an ihrer Krankheit ist, dass sie in Schüben kommt und diese nicht vorhersehbar sind. In den ersten Jahren nach der Diagnose benötigte sie noch keinen Rollstuhl. Heute ist er ihr Begleiter.

Auch ihr Mann Peer musste sich an ein Leben im Rollstuhl gewöhnen. Er war 31 Jahre alt, als ein Behandlungsfehler ihm quasi den Boden unter den Füßen wegriss. Es dauerte, bis er das akzeptiert hatte.

Vor fünf Jahren gaben sie sich das Ja-Wort

Beide lernten sich vor zehn Jahren während einer Reha-Maßnahme kennen. Jeder hatte bereits eine gescheiterte Ehe hinter sich. Der Dresdner sprach die Bassumerin zuerst an, sie tranken Kaffee, blieben später in Kontakt. Bis Peer Klausing der Liebe folgte und nach Bassum zog. Vor fünf Jahren gaben sie sich das Ja-Wort. Dass sie sich gefunden haben, sei Schicksal, sagen sie. Sie geben sich gegenseitig Kraft.

An das Landleben hat sich der 44-Jährige sehr schnell gewöhnt. Er fühlt sich wohl in Bassum. Die Klausings haben einen großen Freundeskreis, sind gut vernetzt und in mehreren Vereinen aktiv. Seit ihrem neunten Lebensjahr ist Nicole Klausing im Schützenverein. Sie trainiert das Leistungsschießen (KK im Stehen) und ist auch darin – natürlich – ehrgeizig und erfolgreich. „Ich bin vor Kurzem doppelte Landesmeisterin geworden“, erzählt sie nebenbei. „Poserin“, zieht ihr Mann sie auf. Er ist ebenfalls Schütze. „Ich bin meiner Frau zuliebe eingetreten.“ Aber er hat Gefallen daran gefunden. Was er nur für sich macht: Kampfsport. Peer trainiert Taekwondo in Heiligenloh.

Der Rollstuhl von Nicole ist eine Sonderanfertigung.

Was sich beide wünschen, ist, dass Angebote für Rollstuhlfahrer und Menschen mit Handicap breiter gestreut werden. Vieles sei unbekannt. „Ich hatte schon acht Jahre meine Krankheit, als ich zum ersten Mal eine Reha besucht habe“, erinnert sich Nicole Klausing. Und dort erfuhr sie nur durch Zufall vom Rollstuhltanz. „Angebote müssten besser vernetzt sein, Infos sollten in jeder Kommune, in jedem Sanitätshaus ausliegen.“

Das Tanz-Centrum in Bremen ist offen für alle. Jeder darf zum Schnuppern kommen und – neben vielen anderen Tanzformen – auch das Rollstuhltanzen für sich ausprobieren. „Viele trauen sich das nicht zu“, weiß das Ehepaar um die Ängste. Aber es gehe darum, Spaß zu haben. „Es gibt auch Teilnehmer, die mit ihrem E-Rolli bei uns sind. Alles ist möglich“, macht Nicole Klausing Mut. Es lohne sich, denn Tanzen macht glücklich.

Mehr zum Tanz-Centrum und ein Video mit Nicole und Peer gibt es hier.

Rubriklistenbild: © Michael Bahlo

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