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Die Geschichtenstrickerin

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Von: Frauke Albrecht

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Luise Gündel aus Kätingen ist am 1. September im Kulturzentrum Schlachthof in Bremen zu hören und zu sehen.
Luise Gündel aus Kätingen ist am 1. September im Kulturzentrum Schlachthof in Bremen zu hören und zu sehen. © Albrecht

Es ist die älteste Unterhaltungsform der Welt: Geschichtenerzählen. Luise Gündel aus Kätingen ist Erzählerin. Am liebsten mischt sie Mythen mit autobiografischen Elementen.

Bassum – Sie selbst nennt sich Erzählerin, Fabulantin und Geschichtenstrickerin. Womit Luise Gündel allerdings ein Problem hat, ist der Begriff Märchentante. „Das bin ich definitiv nicht.“ Zwar gehören auch Märchen zu ihrem Repertoire. „Aber dem Bild, das viele mit Märchen verknüpfen – Wallekleid und Musikinstrument – entspreche ich nicht.“ Überhaupt verzichtet sie gerne auf Bühnenbilder oder andere Requisiten. Denn so etwas brauchen gute Erzähler nicht, sagt sie. Gute Erzähler füllen den Raum selbst. „Sie schaffen es sogar, aus einer schlechten Geschichte eine gute zu machen.“

Mit ihren Worten, ihrer Gestik und Mimik erschafft Luise Gündel eine imaginäre Welt, die zugleich in der Fantasie des Zuhörers entsteht. So schafft sie eine Verbindung zwischen Geschichte, Erzählerin und Zuhörer. „Die Menschen sind immer überrascht, dass ich den Augenkontakt suche“, sagt Gündel. Doch nur so könne sie reagieren – und jede Geschichte verändern.

Denn eines ist mal klar: Luise Gündel erzählt keine Geschichten nach – sie strickt Geschichten und steuert sie auch. Am liebsten hat sie es, Mythen mit autobiografischen Elementen zu verweben und daraus eine eigene Geschichte wachsen zu lassen.

Am 1. September im Bremer Schlachthof: Odyssee von Homer

Einer ihrer Schwerpunkte ist die griechische Mythologie. Überhaupt mag sie Mythen. „Ich finde die Götterwelt sehr sympathisch“, erklärt sie ihre Vorliebe. „Sie sind uns Menschen sehr ähnlich.“ Alle hätten eben auch Schwächen.

Am 1. September tritt die Bassumerin mit ihrer Kollegin Julia Klein im Kulturzentrum Schlachthof in Bremen auf – sie erzählen Odyssee von Homer. Für Gündel bietet das uralte Epos, das die Irrfahrten des griechischen Sagenhelden Odysseus beschreibt, menschliche Weisheiten und Erkenntnisse, die auch heute noch aktueller sind denn je. Es geht um Krieg, um Gastfreundschaft, um Zerstörung, aber auch darum, die eigene Seele zu retten.

Die Bassumerin übernimmt den meuchlerischen Part. „Ich bringe auf der Bühne etwa 150 Menschen um. Das kann schon ganz schön anstrengend sein – sowohl für den Erzähler als auch für das Publikum“, sagt Gündel. Deshalb streut sie immer wieder auch heitere Momente ein. Zeit zum Durchatmen.

Von der Kleinkunstbühne bis zum Sprachförderungsprogramm

Das Repertoire von Luise Gündel ist breit gefächert, es reicht von der Kleinkunstbühne bis zu Sprachförderungsprogrammen für Kinder. Erst kürzlich hat sie eine Genusswanderung in Bremen erarbeitet. Der unterhaltsame Rundgang vereint Mythen, reale Orte, autobiografische Elemente und frei Erfundenes. „Ich mag es, Genres zu vermischen.“ Ein anderes Mal nahm sie sich die Geschichte des Heiligen Norberts vor. In Gröpelingen brachte sie im Rahmen eines Sprachförderungsprojektes Erstklässler der Grundschulen dazu, sich zu öffnen. „An acht Terminen hören die Kinder Geschichten, dann sollen sie ein Bild ihrer Lieblingsgeschichte malen und diese nacherzählen. An irgendeinem Punkt kriegen wir sie alle“, weiß Gündel aus Erfahrung. Auch die Lehrer seien immer wieder angetan von der plötzlichen Aufmerksamkeitsspanne ihrer Schüler.

„Eine meiner Lieblingsbegegnungen ist folgende: Ich betrat in Gröpelingen einen türkischen Laden, um etwas zu kaufen, und ein neunjähriger Junge stürmte auf mich zu und rief laut: ,Wann kommst du wieder zu uns? Du musst unbedingt wieder kommen.“ Am ersten Tag des Projektes hatte der Junge noch mit verschränkten Armen in der Klasse gesessen.

Geschichten stiften Gemeinschaft.

„Geschichten stiften Gemeinschaft“, sagt Luise Gündel. Und das funktioniere nicht nur bei Kindern, sondern auch bei Erwachsenen. „Ich glaube, dass wir das heute dringender brauchen als je zuvor.“

Die Magie der Erzählkunst hat die Bassumerin vor etwa fünfzehn Jahren für sich entdeckt. „Ich bin studierte Gesangspädagogin und Opernsängerin. In Wien habe ich unter anderem die Wiener Sängerknaben unterrichtet.“ Der Liebe wegen zog sie nach Bremen. „Da war ich hochschwanger“, erinnert sie sich. Später kam die Familie nach Kätingen.

Anfangs unterrichtete sie einen Chor in Bremen, dann aber suchte sie nach einer Neuorientierung und stieß durch Zufall auf die Ausbildung Storytelling in Art and Education an der Universität der Künste in Berlin.

Größtes Erzählfestival ist im November in Bremen

„Zuerst ging es lediglich um Recherche“, sagt sie. Dann lockte sie der Gedanke, einmal im Monat an einem Wochenende etwas nur für sich zu tun. Die Ausbildung dauert eineinhalb Jahre. „Noch am allerletzten Tag war ich eigentlich noch immer nicht sicher.“ Doch dann entdeckte sie, wie viel Spaß ihr das Erzählen macht. „Irgendwann hat es Klick gemacht“, sagt Gündel und mit Erstaunen nahm sie wahr, wie vielfältig, faszinierend und groß doch die Erzählerszene ist.

Glückliche Fügung: Das größte Erzählfestival Deutschlands findet jedes Jahr vor ihrer Haustür statt. Immer im November gibt es in Bremen die Feuerspuren – in diesem Jahr am 5. und 6. November. Dort treffen sich professionelle Erzähler, um ihr Publikum an den unterschiedlichsten Orten zu unterhalten – im Waschsalon, im Weinladen, auf der Straße oder in der Moschee.

Am Anfang nahm Gündel als Laienerzählerin daran teil. Nach und nach schaffte sie sich ihren Platz in der Szene.

Geschichten für jeden Anlass

Aktuell arbeitet sie an einer Tangogeschichte, „weil ich angefangen habe, Tango zu tanzen“. Außerdem hat sie ein barockes Programm mit lustigen, launigen, heftigen und deftigen Geschichten im Repertoire. Im Kopf nimmt auch ein Programm um den rasenden Roland Gestalt an. „Er war ein treuer Vasall von Karl dem Großen. Er verliert aus Liebe seinen Verstand. Ein Freund findet diesen auf dem Mond, wo alle Gegenstände sind, die auf der Erde verloren gegangen sind. Er wundert sich, dass auch sein eigener Verstand dort zu finden ist, denn er wusste gar nicht, ihn verloren zu haben...“ Luise Gündel kann sich vorstellen, zu den verschiedenen Roland-Figuren zu reisen und die Geschichte dort zu erzählen.

An Ideen mangelt es ihr nicht und gern strickt sie Geschichten passend für jeden Anlass. Ob sieben Minuten oder abendfüllend. Sie erzählt von der Antike, von dem was neulich geschah und was dazwischen passiert sein kann.

Mehr über Luise Gündel

www.geschichtenstrickerin.de

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