Ein Besuch in zwei Arztpraxen

Der ganz normale Wahnsinn

Endlich geimpft: Dr. André Gutbrod, Facharzt in Weyhe, verabreicht einem Patienten die begehrte Injektion.
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Endlich geimpft: Dr. André Gutbrod, Facharzt in Weyhe, verabreicht einem Patienten die begehrte Injektion.

Corona hat den Alltag in den Arztpraxen verändert. Vor allem die Nachfrage nach Impfungen und die Tatsache, dass Impfstoff absolute Mangelware ist, stellen die Mitarbeiter vor nie gekannte Herausforderungen. Organisieren, dokumentieren, bestellen und alle Patienten zufriedenstellen, so gut es unter Ausnahmebedingungen eben geht: der ganz normale Wahnsinn.

Bassum/Weyhe – Schon vor Corona-Zeiten war es breit gefächert, das Aufgabenfeld der Haus- und Fachärzte. Jetzt aber drängen noch mehr Menschen in die Praxen, um sich impfen zu lassen. Für die Mitarbeiter heißt das: Organisieren, dokumentieren, Impfstoff bestellen und verabreichen – in dem Wissen, das nie genug da ist, um die Nachfrage zu decken: Der ganz normale Wahnsinn. Die Mitarbeiter geben ihr Bestes, um alle Patienten zufrieden zu stellen – so gut es unter den aktuellen Bedingungen eben geht. Das beweist ein Besuch in zwei Arztpraxen.

Mittwoch, 7 Uhr: In der Praxis von Dr. Christoph Lanzendörfer in Bassum hat die Morgenrunde begonnen. Der Haus- und Facharzt für Innere Medizin, Verhaltenstherapeut, Suchtmediziner und Arzt für Psychotherapie wirft einen Blick auf das voraussichtliche Tagespensum. Rund 90 Patienten-Kontakte sind von 7.30 bis 13 Uhr zu erwarten. Darunter 15  mit einem Behandlungs- und 40 mit einem Impftermin.

Helma Schöpe hat die erste wichtige Aufgabe an diesem Tag längst erledigt, sprich die Injektionen für die Impfpatienten vorbereitet. Weil der Impfstoff so kostbar ist, zieht sie ihn auf spezielle Kanülen. „Das sind Null-Rest-Kanülen und -spritzen“, erläutert Christoph Lanzendörfer. Nicht das kleinste Quentchen Impfstoff geht so verloren. Denn der ist unvorstellbar knapp. Ein Beispiel: „100 Dosen waren angekündigt, aber nur 50 kamen.“

Für Dr. Lanzendörfer und sein Team – dazu gehören auch Mandy Gielow und Marion Friedenberger – bedeutet das in der Regel: Alle Planungen wieder auf Null, einbestellten Patienten absagen. Und enttäuschte Reaktionen ertragen, für die das Team Lanzendörfer nichts kann. Seit April hat es rund 1 100 Patienten geimpft. An diesem Mittwoch stehen Zweitimpfungen auf dem Plan.

7.30 Uhr: Die ersten Patienten kommen. Man kennt sich, man scherzt. Unter der heiteren Atmosphäre ist aber Anspannung spürbar. Die Impfungen, die Mandy Gielow heute setzen wird, stehen zeitlich in keinem Verhältnis zum Gesamtaufwand.

Marion Friedenberger ist voll auf den unverzichtbaren technischen Assistenten konzentriert, den Praxis-PC. Welcher Impfstoff? Welche Charge? Wann verabreicht? Das muss schnell dokumentiert und eingepflegt werden. Von den anderen Pflichtpapieren bei einer Impfung ganz zu schweigen.

Den Patienten geht es vor allem um den begehrten Eintrag in ihren Impfpass. Bei weitem nicht alle haben den alten, weißen Pass dabei. Verloren, verlegt, vergessen: Zu selten haben sie ihn bisher gebraucht. Macht nichts. Helma Schöpe kann ihnen einen neuen, leuchtend gelben anbieten: „Kostet zwei Euro. Selbstkostenpreis.“

8 Uhr: Patient um Patient betritt die Praxis, andere verlassen sie mit entspanntem Gesicht. Die Dynamik ist hoch. Wer sein altes Impfbuch dabei hat, profitiert doppelt: „Wir schauen, wo was fehlt“, sagt Helma Schöpe und lacht. Liegt die letzte Tetanus-Impfung schon 20 Jahre zurück, „dann erinnern wir sofort daran und geben einen Termin für die Nachimpfung gleich mit“.

Dr. Christoph Lanzendörfer behandelt derweil Patienten, die dringend Hilfe brauchen. Krankheit, Leid und Schmerz: Es gibt so viele persönliche Schicksale jenseits von Corona. Und dann sind da noch die Suchtkranken, die der Facharzt auf ihrem Weg in ein besseres Leben unterstützt.

Alle Praxis-Mitarbeiter arbeiten im Team. Also packt auch der Arzt mit an, wenn niederschwellige Aufgaben keinen Aufschub dulden. Überstunden gehören längst zum Alltag in Corona-Zeiten. Es ist vor allem die überbordende Bürokratie, die eine schwere Last bedeutet.

Ein Zeitfresser sind die detaillierten schriftlichen Vorgaben: Für jede Substanz muss ein eigenes Rezept ausgestellt werden, dann für jede Erst- oder Zweitimpfung. Und das für jeden Patienten neu, immer mit dem gleichen Wortlaut. So will es das Bundesamt für Soziales. Um wertvolle Zeit zu sparen, hat Helma Schöpe eine Lösung ausgetüftelt. Alle sind dankbar dafür.

Am schlimmsten aber ist: Der Impfstoff reicht hinten und vorne nicht. Also gilt: Nehmen, was man kriegen kann. Ganz bewusst hat Christoph Lanzendörfer eine freiwillige Studie aufgelegt, wenn es um Astrazeneca geht: „Wir nehmen eine Blutprobe vor der Impfung und eine zweite fünf Tage später.“ So gewinnt der Arzt wichtige Erkenntnisse über die Blutgerinnung.

Die Impfstoff-Bestellung muss bis Dienstag 10 Uhr erledigt sein. Am Freitag erhält die Praxis die Nachricht, mit wie vielen Impfdosen sie in der folgenden Woche rechnen kann. Dann müssen Termine für die Erst- und die Zweitimpfung organisiert und Patienten angerufen werden. Viele warten schon seit fünf oder sechs Wochen, manche haben sich zwischenzeitlich woanders impfen lassen. Das erfahren die Mitarbeiterinnen aber erst jetzt. Der Praxisplan muss also erneut geändert werden – wieder Mehrarbeit. Dabei ist Zeit in einer Arztpraxis ein kostbares Gut.

„Die Mehrfachstrukturen sind schlecht. Die Menschen rufen an drei Stellen an!“, betont Christoph Lanzendörfer mit Blick auf die landesweite Impfhotline, das kreisweite Impfzentrum und die Arztpraxen. Am Ende, so ist sich das Team einig, seien die Menschen genervt. „Wir aber auch!“

Andererseits gibt es große Dankbarkeit – und viel Süßes, ja sogar Prosecco, von zufriedenen Patienten. „Wir möchten einfach mal Danke sagen“, steht auf einer Begleitkarte eines Präsents, „für die aus unserer Sicht hervorragende ärztliche Leistung, vorbildliche Praxis-Organisation, stets tolle Kommunikation und gute Laune aller Mitarbeiter*innen.“

Vorgekommen ist leider auch, dass Menschen Geldscheine über den Tresen schieben wollten, um einen schnelleren Impftermin zu bekommen. Erfolglos, versteht sich.

12.30 Uhr: In der Praxis für Orthopädie und Unfallchirurgie von André Gutbrod in Weyhe sind die ersten Impfpatienten bereits eingetroffen. Der Facharzt kümmert sich um sie. „Beim Arzt ist Impfen Alltag“, betont der Orthopäde, „es ist egal, ob Tetanus oder Tollwut“. Nach seiner regulären Sprechstunde verabreicht er die Corona-Impfungen.

Diese Termine sind begehrt. Zwischen 150 und 200 Impfwillige stehen in der Weyher Praxis noch auf der Warteliste, berichtet Mitarbeiterin Ute Schnörwangen. Zunächst waren mittwochs und freitags jeweils zwei Impfstunden an die regulären Sprechstunden angehängt worden, jetzt gibt es sie auch dienstags und donnerstags. Je nach Verfügbarkeit des Impfstoffs kommen zwischen 10 und 20 Impfwillige pro Sprechstunde.

An diesem Mittwoch sind 36 Zweitimpfungen geplant. „Das läuft ganz emotionslos ab“, sagt Ute Schnörwangen. Aber sie spürt, dass die Menschen ungeduldig werden, und hört immer öfter: „Wir wollen in den Urlaub. Kann ich nicht jetzt sofort zum Impfen kommen?“ Gemeinsam mit ihren Kolleginnen Gesa Goldau und Julia Richter kümmert sich Ute Schnörwangen um diesen neuen Aufgabenteil der Praxis, auch Britta Lehmkuhl und Heike Kortas springen mit ein.

Abstimmung im Team: Der Bassumer Facharzt Dr. Christoph Lanzendörfer und seine Mitarbeiterinnen (v.l.) Mandy Gielow, Marion Friedenberger und Helma Schöpe besprechen wichtige Abläufe.

Bürokratische Vorgaben erfüllen, bestellen – und hoffen, dass möglichst viel Impfstoff geliefert wird: Das prägt in Corona-Zeiten den Alltag in der Weyher Praxis für Orthopädie und Unfallchirurgie. Auch dort läuft nicht alles ohne zusätzlichen Zeitaufwand. „Zum Teil rufen die Patienten an und sagen den Termin wieder ab“, so Ute Schnörwangen. „Oder wir rufen sie an und stellen fest, dass sie schon geimpft sind.“

Möglich ist das durch die Mehrfachstrukturen, die Gutbrod kritisiert. „Die Impfzentren hätten wir nicht gebraucht“, betont der Mediziner, „wir haben eine bestehende Infrastruktur!“ Sprich die ärztliche Versorgung. „Wir reden hier von Milliarden Euro, die zum Fenster rausgeworfen wurden, weil man eine zweite und dritte Schiene aufgebaut hat“, blickt der Facharzt auf das Impfzentrum und die 15 dezentralen Impfmöglichkeiten des Landkreises. Der Mediziner meint: „Skandalös, dass man so mit unseren Steuergeldern umgeht.“ Für seine neue Aufgabe bekommt er einen All-Inclusive-Preis, wie er es formuliert: 20 Euro für eine Impfung.

14 Uhr: André Gutbrod und seine Mitarbeiterinnen haben ihr Pensum geschafft. Der Orthopäde nennt eine Zahl: 124 Patienten hat er in der Zeit von 8 bis 14 Uhr versorgt, ist von Sprechzimmer zu Sprechzimmer geeilt, um möglichst vielen Menschen zu helfen. Die Impfsprechstunde, die zweite Schicht im Praxisalltag, kann heute eine halbe Stunde früher geschlossen werden.

Aber Ute Schnörwangen kommt um ihre dritte Schicht nicht herum. „Wir müssen ja alles dokumentieren“, sagt sie. Abrechnungsziffer, Impfung, Charge des Impfstoffs müssen in das System eingegeben werden, in die Patientenakte. Anamnesebogen, Aufklärungsbogen und Einwilligungserklärung zur Impfung müssen eingescannt und eingepflegt werden. „Dazu kommen jetzt noch die Priorisierungsschreiben der Arbeitgeber“, ergänzt die Fachkraft.

„Wenn ich nicht so tolle Mitarbeiterinnen hätte, würde das nicht funktionieren“, blickt André Gutbrod auf die Bewältigung des Praxis-Alltags in Corona-Zeiten. Alle nähmen Mehrarbeit klaglos hin: „Das ist unser Job. Und den machen wir!“

Von Anke Seidel

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