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Delme-Werkstätten fordern Anpassen der Gesellschaft an Beeinträchtigungen

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Berichten im Gespräch von Veränderungen in den vergangenen zehn Jahren und schauen auf kommende Herausforderungen für die Delme-Werkstätten: Geschäftsführerin Nahid Chirazi und die beiden Mitglieder der Lebenshilfe- Gesellschaftervertretung Torsten Freyer (links) und Herwig Wöbse.
Berichten im Gespräch von Veränderungen in den vergangenen zehn Jahren und schauen auf kommende Herausforderungen für die Delme-Werkstätten: Geschäftsführerin Nahid Chirazi und die beiden Mitglieder der Lebenshilfe- Gesellschaftervertretung Torsten Freyer (links) und Herwig Wöbse. © Seebacher

Die Delme-Werkstätten sind überzeugt: Nicht Menschen müssen verändert werden, sondern die Gesellschaft. So sieht für sie der korrekte Weg zur „Enthinderung“ aus.

Bassum – Neue Möglichkeiten der Inklusion schaffen, weitere Arbeitsfelder für Menschen mit Beeinträchtigungen bieten und vor allem die „Enthinderung“ in den Mittelpunkt stellen. Das sind nicht nur die Wünsche von Nahid Chirazi, Geschäftsführerin der Delme-Werkstätten, sondern auch Vorhaben für die Zukunft. „Es muss nicht die Person verändert werden, sondern die Gesellschaft“, sagt Chirazi und ergänzt: „Oft ist die Umgebung die behindernde Instanz.“

UN-Behindertenrechtskonvention und Bundesteilhabegesetz waren wesentliche Prozesse

2012 übernahm die heute 53-Jährige die Geschäftsführung der Delme-Werkstätten. Anlässlich ihrer zehnjährigen Betriebszugehörigkeit lobt Chirazi nun die „konstruktive Arbeit mit den Gesellschaftern“ und erhält postwendend einen Dank zurück. „Wir freuen uns über das Engagement und die Motivation, mit der die Geschäftsführung agiert und die Qualität vorantreibt“, macht Torsten Freyer, erster Vorsitzende der Gesellschafterversammlung der Lebenshilfe Grafschaft Diepholz, bei einem Treffen deutlich. Dem schließt sich sein Stellvertreter Herwig Wöbse an.

Man habe im vergangenen Jahrzehnt einen anstrengenden, aber wesentlichen Prozess durchlaufen, verdeutlicht Chirazi mit Blick auf die Umsetzung der Vorgaben aus den UN-Behindertenrechtskonvention sowie dem Bundesteilhabegesetz. „Durch die gesetzlichen Vorgaben haben sich die Anforderungen an uns verändert“, sagt Chirazi. Gleichzeitig hat sich ihr zufolge die Situation der Rehabilitanden weiter verbessert. Vom einst vorwiegend produzierenden Gewerbe weg haben sich die Delme-Werkstätten zu einem Dienstleister entwickelt, der seinen Rehabilitationskunden verschiedene Möglichkeiten der sozialen Teilhabe bietet.

Am Standort Bassum befindet sich eine 1977 eröffnete Werkstatt des Delme-Verbundes, aber auch die zentrale Verwaltung für alle Standorte.
Am Standort Bassum befindet sich eine 1977 eröffnete Werkstatt des Delme-Verbundes, aber auch die zentrale Verwaltung für alle Standorte. © Delme-Werkstätten

So gibt es mehr als 20 Berufsfelder, in denen Menschen mit Beeinträchtigungen eingesetzt werden – von Beschäftigungen in der Tischlerei über die Verpackungsabteilung und die Gastronomie bis hin zur Eigenproduktion wie der Honig- und Kaffeemanufaktur und den Delmeshops. „Wir haben schon viel gemeinsam auf den Weg gebracht. Aber wir möchten noch vielfältigere Arbeitsangebote schaffen“, macht Chirazi deutlich, dass sie sich weiter mit Herzblut und gemeinsam mit ihrem Team engagieren wird.

Delme-Werkstätten wollen einen Unverpackt-Laden eröffnen

Auf ihrer Agenda für die kommenden Jahre steht etwa ein Unverpackt-Laden der Delme-Werkstätten, um im Einzelhandelssektor Fuß zu fassen. Weiterhin gelte es, die Aspekte der Digitalisierung in das Leben der Menschen mit Behinderung zu übertragen. Neben dem Wiederaufbau des im vergangenen Jahr abgebrannten Delme-Bildungszentrums in Syke bis zum Jahr 2023 möchte man Chirazi zufolge ein Inklusionsunternehmen gründen sowie die allgemeine Reform von Behindertenwerkstätten unterstützen. Dabei stehe stets das Bemühen im Vordergrund, den Status der Beschäftigten zu verbessern und ein lebenslanges Lernen zu ermöglichen. „Die Zukunft hat bereits begonnen“, macht die 53-Jährige deutlich, dass man aktiv an der Umsetzung arbeite.

„Es muss normal sein, verschieden zu sein“, fordert Torsten Freyer. „Die Gesellschaft muss sich den Behinderungen anpassen und sich auf die Beeinträchtigungen einstellen“, macht der Vorsitzende der Gesellschafterversammlung deutlich.

Die Öffentlichkeitsarbeit spiele dabei eine wichtige Rolle, werde aber durch die Pandemie stark eingeschränkt. „Es gibt noch veraltete Bilder von unserer Einrichtung und viele Menschen können gar nichts mit unserer Arbeit anfangen“, weiß Nahid Chirazi. Ferner müssten die Akteure der Delme-Werkstätten „immer wieder hinterfragen, wie wir uns mit Blick auf die individuellen Bedürfnisse verbessern können“, so Wöbse.

10 Übergänge in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung in den vergangenen 5 Jahren

Die Delme-Werkstätten bieten Menschen mit Beeinträchtigungen eine Aufgabe und ermöglichen ihnen den Übergang in den allgemeinen Arbeitsmarkt. In den vergangenen fünf Jahren habe es zehn Übergänge in sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse gegeben, hinzu kämen bis zu 80 Praktika und Außenarbeitsplätze in kooperierenden Betrieben.

Die Arbeitsplätze in den drei Cafés und Bistros der Delme-Werkstätten in Bassum, Syke und Sulingen gehören zu den sogenannten begegnungsfördernden Arbeitsplätzen.
Die Arbeitsplätze in den drei Cafés und Bistros der Delme-Werkstätten in Bassum, Syke und Sulingen gehören zu den sogenannten begegnungsfördernden Arbeitsplätzen. © Delme-Werkstätten

Häufig sei es aber gar nicht das vorrangige Ziel der Männer und Frauen, in den freien Arbeitsmarkt zu kommen, weiß Herwig Wöbse: „Die Beschäftigten legen ihre persönlichen Ziele fest und gestalten ihren eigenen Weg. Viele fühlen sich bei uns sehr wohl und sehen die Delme-Werkstätten als ihr zweites Zuhause.“ Das individuelle Angebot, feste Strukturen und die Förderung gebe es im realen Berufsleben nicht. „Da fehlen der Schutz und der Rückhalt“, verdeutlicht der zweite Vorsitzende der Gesellschafterversammlung. Deshalb sei die Durchlässigkeit zwischen den Arbeitsmärkten ein wesentlicher Bestandteil des Angebots, weiß Wöbse aus eigener Erfahrung.

Mitspracherecht in den Delme-Werkstätten wird stetig weiter verbessert

„Bei uns steht allein der Mensch im Mittelpunkt“, unterstreicht Wöbse. So gehe es nicht um die reine Arbeitsleistung, sondern um Potentiale und das Miteinander. Niemand solle durch die Inklusion überfordert werden. „Wir können einen Anstupser geben, Dinge auszuprobieren, und die notwendige Unterstützung bieten. Aber am Ende ist es eine individuelle Entscheidung , ob ein Arbeitsverhältnis zustande kommt“, erläutert die Geschäftsführerin.

Überhaupt haben die Menschen mit Beeinträchtigung im Verlauf der vergangenen zehn Jahre deutlich mehr Mitspracherecht in der Einrichtung bekommen. So steht Chirazi etwa im regelmäßigen Austausch mit Vertretern des Werkstattrates und der Frauenbeauftragten der Delme-Werkstätten.

Der Fachkräftemangel und andere pragmatische Veränderungen haben in der Einrichtung zu weiteren Veränderungen geführt. „Wir haben uns aber rechtzeitig auf den Weg gemacht, Dinge entwickelt, Qualitätsarbeit geleistet und das innere Wachstum vorangebracht“, zählt Chirazi auf. In der Zukunft werde es sicherlich so sein, dass die Rehabilitanden die zahlreichen Leistungen und Unterstützungsangebote der Werkstätten als einzelne Module zusammenstellen können und damit selbst bestimmen, wie intensiv ihre Unterstützung, Begleitung und Förderung aussieht.

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