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Bassumer Therapeutinnen sprechen über Autismus: Wenn das Gehirn anders funktioniert

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Von: Anika Seebacher

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Jasmin Wortmann, Petra Lampe und Leiterin Beata Ciarkowska.
Die Expertinnen des Autismus-Therapiezentrums Bassum, (v.l.) Jasmin Wortmann, Petra Lampe und Leiterin Beata Ciarkowska, freuen sich auf den Aktionstag. © Annika Seebacher

Zum Welt-Autismus-Tag sprechen drei Bassumer Therapeutinnen über den Einfluss von Corona und ihre Wünsche

Bassum – Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung haben ein großes Bedürfnis nach Strukturen und geregelten Abläufen. Für sie und ihre Familien ist es seit Beginn der Pandemie aufgrund ständig neuer Regeln besonders schwierig. Unruhe, Anspannung und Aggressionen können die Folgen sein. Diese Erfahrungen haben Diplom-Psychologin Beata Ciarkowska und ihr Team vom Autismus-Therapiezentrum Bassum gemacht. „Es gab viel Arbeit für uns“, sagt die therapeutische Leiterin.

Einerseits seien langjährige Klienten mit neuen Problemen konfrontiert worden, andererseits habe es mehr Anfragen gegeben, berichtet Ciarkowska. Laut dem Bundesverband zur Förderung von Menschen mit Autismus ist in Deutschland von rund 800 000 Menschen mit Autismus auszugehen. Kinder werden mit der Störung geboren oder sie entwickelt sich innerhalb der ersten drei Lebensjahre. Allerdings gebe es auch Fälle, bei denen die Störung erst in der Pubertät deutlich werde. „Viele fühlen sich jahrelang missverstanden und haben einen langen Leidensweg hinter sich. Durch Gespräche mit Therapeuten erkennen sie, dass sie mit ihren Schwierigkeiten nicht allein sind“, weiß Ciarkowska. Autismus ist eine tief greifende Entwicklungsstörung und äußert sich sehr unterschiedlich. Experten sprechen von der Triade der Beeinträchtigungen, da drei Bereiche besonders ausgeprägt vorkommen: emotionale oder soziale Beeinträchtigungen, Schwierigkeiten in der Kommunikation sowie stereotypes Verhalten.

Autismus: Viele fühlen sich jahrelang missverstanden

„Es war in den vergangenen zwei Jahren viel Motivation erforderlich“, sagt Ciarkowska mit Blick auf das Homeschooling. „Es fehlte die bekannte Struktur des Schulalltags. Das hat die Kinder stark durcheinandergebracht“, berichtet sie. Zwar seien viele Autisten Einzelgänger, „aber zugleich brauchen sie viel Unterstützung und insbesondere Regeln, die Sicherheit bieten“. Während Corona die Autisten persönlich betreffe und daher stärker mit Emotionen verbunden sei, gehen sie mit dem Krieg in der Ukraine rationaler um. „Ein noch sehr junger Klient zählt mir bei unseren Sitzungen die Fakten auf, die er aus den Nachrichten entnimmt“, sagt Therapeutin Jasmin Wortmann.

Welt-Autismus-Tag

Der 2. April wird seit 15 Jahren zum Tag für die Bedürfnisse von autistischen Menschen erklärt. In Deutschland lautet die diesjährige korrespondierende Kampagne „Zufriedenheit über die Lebensspanne“. In Bassum präsentiert sich das Autismus-Therapiezentrum am Montag, 4. April, auf dem Lindenmarkt-Parkplatz. Von 11 bis 15 Uhr bieten die Therapeuten nicht nur die Möglichkeit zum Informationsaustausch an, sondern auch eine Tombola gegen eine Spende. Das Geld geht laut der therapeutischen Leiterin Beata Ciarkowska an das Flüchtlingsprojekt des Vereins „Helping Hands“.

Eine Autismus-Spektrum-Störung sieht man Betroffenen nicht an. „Unangebrachtes Verhalten wird zu Beginn als schlechte Erziehung abgetan“, berichtet die therapeutische Leiterin. Sie bedauert, dass von den Betroffenen häufig mehr verlangt werde, als möglich sei. „Bei einer offensichtlichen Behinderung nehmen Mitmenschen Rücksicht. Bei Autismus ist das anders“, sagt sie und wünscht sich mehr Verständnis. Für den Umgang mit Autisten gebe es aber keine allgemeingültige Methode, sagt Petra Lampe. „Jeder Mensch ist in der Wahrnehmung unterschiedlich“, so die Therapeutin. Wichtig ist ihr zufolge, dass die individuellen Bedürfnisse akzeptiert werden. Zwar habe sich aus ihrer Sicht in den vergangenen Jahren schon viel verändert. Dennoch fordert sie weitere Bestrebungen auf dem Arbeitsmarkt, sowie bei selbstständigen Wohnformen.

Die Autismus-Störung sei keinesfalls eine Modediagnose, führt Lampe aus. „Früher wurden Betroffene als Sonderlinge abgetan.“ Zum Glück gebe es heute ein System mit individuellen Fördermöglichkeiten. Ein Weg geht über das Therapiezentrum Bassum, das zur Autismus-Therapie Weser-Ems gehört. Bevor die Klienten von einer der derzeit sieben Therapeutinnen in Bassum betreut werden, ist ein Diagnose-nachweis erforderlich. „Der Kinderarzt überweist die Patienten dafür an einen Kinder- und Jugendpsychiater. Der führt zahlreiche Testverfahren durch und stellt am Ende die Diagnose“, erläutert Ciarkowska das gängige Prozedere.

Im Zentrum selbst lernen die Expertinnen ihre Klienten zunächst in Einzelsitzungen sowie bei Hausbesuchen kennen und bieten ihnen einen geschützten Raum, um über ihre Probleme zu reden. „Wenn wir glauben, dass die Klienten so weit sind, gehen wir zur Integration auch in die Gruppen über“, erklärt Ciarkowska.

Die Therapie werde nicht nur auf das Kind begrenzt, sagt die Diplom-Psychologin: „Es ist wichtig, Eltern und Geschwister, Lehrer und die Klassengemeinschaft über die Situation aufzuklären.“ Nur so könne ein entspannter Umgang mit der Diagnose gelingen.

Weitere Informationen

zur Autismus-Spektrum-Störung sowie zu den Standorten des Therapiezentrums gibt es im Internet unter autismus-weser-ems.de.

Corona: Wie Autisten die Pandemie erleben. Für Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung (ASS) eine Mischung aus Himmel und Hölle. Sie nimmt, was so wichtig ist. Struktur, Gewohnheit, Verlässlichkeit.

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