Darf ich Du sagen?

Sie oder Du? Viele finden, dass das Angebot, sich zu duzen, vom Älteren ausgehen muss.  
Illustration: Lothar Liesmann
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Sie oder Du? Viele finden, dass das Angebot, sich zu duzen, vom Älteren ausgehen muss. Illustration: Lothar Liesmann

Immer mehr Menschen duzen sich, auch im Büro. In den sozialen Netzwerken sowieso. Und das kommt nicht immer gut an. Ist das Sie heutzutage noch zeitgemäß? Wie sehen das die Bassumer?

Bassum – „Wir werden in den meisten Fällen gesiezt, weil die Jugendlichen es aus der Schule kennen. Aber Sie dürfen uns gerne duzen“, antwortet Marcus Libbertz, Leiter des Jugendhauses Fönix in Bassum, auf die Frage nach dem gebräuchlichen Ton im Haus. Den Jüngeren rutsche das Du eher mal heraus. Und die Kollegen untereinander? „Wir duzen uns alle.“

Falls die Jugendlichen das Sie verwenden, sagt Libbertz schon mal spaßeshalber: „Wenn du noch einmal Sie sagst, bekommst du Hausverbot.“ Er sieht es locker, wenn Fremde ihn duzen. „Im Englischen und im Spanischen sagt man immer Du. Ich bin da recht modern und nicht so konservativ. Durch die Jugendarbeit bin ich jung geblieben“, sagt der 41-Jährige und lacht. Bei der Arbeit mit Jugendlichen dürfe man aus seiner Sicht nicht zu steif sein. „Es ist einfach lockerer. Wir leben schon in einer Welt, die hart ist, und ich bin mit ihnen auf einer ganz anderen Ebene, wenn sie mich siezen.“

Die 16-jährige Kimberly findet es gut, dass sie die Mitarbeiter im Jugendhaus duzen darf, „weil ich im engen Kontakt mit denen bin. Ich habe einmal Sie gesagt, aber sie haben dann zu mir gesagt, ,du kannst mich gerne duzen‘“.

Manchmal frage sie ältere Personen, ob sie sie duzen darf, und manchmal werde es ihr angeboten. Das sei unterschiedlich. Menschen zu siezen, finde sie jedoch respektvoller. „Die, die über 20 sind, sieze ich. Kinder in meinem Alter duze ich“, erklärt sie, wie sie es handhabt. Dass das Sie aussterben könnte, glaubt Kimberly nicht. „Das Sie hat viel mit Respekt zu tun. Auch gegenüber anderen Leuten. Ich glaube, das Sie wird nicht wegkommen.“

Eine ältere Dame würde sie nicht mit Du ansprechen. „Ich kenne die Person ja nicht. Personen, die ich nicht kenne, sieze ich. Wenn ich sie kenne, duze ich sie.“ Und wie praktiziert Libbertz es? Eine ältere Dame würde er ebenfalls siezen. „Da bin ich wohlerzogen.“ Das habe etwas mit Respekt und Anstand zu tun.

Also eine Generationenfrage? In den Beratungsgesprächen siezt Steffanie Heusmann ihre Kunden. Seit Juni unterstützt sie die Leiterin der Seniorenberatungsstelle, Nina Ehlers-Röpe. Die beiden Kolleginnen duzen sich untereinander. Das findet Heusmann gut, weil es persönlicher sei. Und wie sieht es mit den Ratsuchenden aus? „Entweder bieten die Älteren einem das Du an, oder man bleibt beim Sie“, sagt sie. Bei Veranstaltungen wie Kartenspielen und Gedächtnistraining würde geduzt und der Vorname gesagt. „So wurde es hier vereinbart.“

Jüngere würde sie eher duzen als Senioren. „Aber es kommt immer auf die Situation an“, sagt Heusmann. In aller Regel findet sie es höflicher, sich zu siezen.

Dieter Schumann aus Nordwohlde sieht es mit dem Duzen locker. Er arbeitet seit zehn Jahren ehrenamtlich bei der Seniorenberatungsstelle und hilft Älteren unter anderem beim Einkaufen, oder er fährt sie zu Arztterminen. „Das ist in der heutigen Zeit so, es ist eine offene Welt.“ Mit den Senioren, um die er sich kümmert, ist er größtenteils per Du. Eine Person fahre er seit drei Jahren. „Wir siezen uns, er ist sehr höflich.“ Das Du habe sich noch nicht ergeben.

Der 76-Jährige kommt gebürtig vom Land, und dort werde viel Platt gesprochen. „Beim Plattschnacken duzt man sich.“ In der Regel spreche er Fremde jedoch erst mal mit dem Sie an. „Das finde ich besser, weil man einen Abstand hat.“ Es komme aber immer auf die Situation an. Wenn jemand eine lockere Art hat, dann würde er auch mal Du sagen. Schumann findet, dass die jüngere Person sehr wohl das Du anbieten könne.

Aber: Das Du sei nicht in allen Bereichen angemessen, findet Schumann. Er selbst ist gelernter Bankkaufmann. Aus seiner Sicht sei das Sie in der Bank oder beim Rechtsanwalt angemessener. „Das Bankgeschäft ist eine Geldsache und Vertrauenssache. Das sind vertrauliche Sachen wie beim Arzt. Da kann man nicht mit der Tür ins Haus fallen. Es ist dann auch ein gewisser Abstand da, der soll auch gewährt werden.“

Und wie läuft es mit dem Duzen und Siezen in der Stadtverwaltung Bassum ab? Bürgermeister Christian Porsch erzählt: „Weil ich aus Bassum komme und bis zur Studienzeit in Bassum war, kenne ich privat viele Kolleginnen und Kollegen. Als ich angefangen habe, habe ich es so deutlich gemacht: Wen ich bisher geduzt habe, den duze ich, wen ich bisher gesiezt habe, den sieze ich weiter. Das hat sich zum Du etwas erweitert. Ich bin mit den meisten Kollegen per Du, ein paar Kollegen sieze ich.“

Ältere Menschen sieze er. Jüngeren biete er auch mal das Du an – wie beispielsweise den Auszubildenden. Für ihn mache es jedoch keinen Unterschied, ob man Menschen mit Du oder Sie anspricht: „Man geht deswegen nicht anders mit Leuten um.“

Und wenn man mal vergessen hat, mit welcher Person man beim Du oder Sie war? „Einfach fragen“, so Porsch. „Das ist das Beste. Manchmal ist das einfach so, dass man sich nicht mehr sicher war. Dann fragt man einmal: War man beim Du oder beim Sie?“

Und wenn jemand Fremdes ihn einfach so duzt? „Das kommt auf die Situation an. Wenn es was Nettes ist, ist es okay. Wenn es mich stören würde, dann würde ich es sagen“, erzählt der Bürgermeister. Er sieht es genauso wie Heusmann: Das Du bietet die ältere Person an. „Wenn eine ältere Person mich duzt, dann duze ich sie auch.“ Ob das Sie aussterben könnte, sei schwierig zu beantworten. Er findet aber, dass das Du an Bedeutung verliere, wenn man es immer und bei jeder Person verwendet. In Werbespots findet er es komisch, geduzt zu werden. „Weil ich aus einer Generation komme, wo es den Unterschied zwischen Sie und Du gibt.“

Der Bassumer Unternehmer Horst-Dieter Jobst hat nichts dagegen, einfach so geduzt zu werden. Ganz im Gegenteil: „Ich finde das toll.“ Er erzählt: „Ich duze eigentlich alle Mitarbeiter, aber 90 Prozent von ihnen siezen mich, weil sie die Distanz wahren möchten.“

Warum er seine Mitarbeiter duzt: „Das mache ich, um ein menschliches Miteinander zu schaffen. Es ist etwas warmherziger als das Sie“, findet er. Jüngere spreche er ebenfalls eher mit Du an. „Ich kenne viele noch aus der Kinderzeit.“ Er glaubt, dass das Du bald vorrangig sein wird. „Wie das You im Englischen.“ Aber er sagt auch, dass es Personen gibt, die er nicht einfach so duzen würde. „Merkel würde ich nicht duzen und zu ihr sagen: ,Hallo Angie‘“, erzählt der 78-Jährige und lacht.

Von Lara Terrasi

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