Rückgang bei Patientenzahlen

Physiotherapeuten arbeiten weiter: Wir sind keine Massagepraxen“

Immer nahe am Menschen, um zu helfen: Physiotherapeuten sind zurzeit besonders gefährdet. Foto: Wavebreakmedia Ltd
+
Immer nahe am Menschen, um zu helfen: Physiotherapeuten sind zurzeit besonders gefährdet.

Abstand halten, um eine Ansteckung zu vermeiden? In manchen Berufen reines Wunschdenken. Zum Beispiel bei den Physiotherapeuten. Wie so viele andere riskieren sie Tag für Tag viel, um ihren Mitmenschen zu helfen. Wie hat die Corona-Krise ihren Arbeitsalltag verändert und was ist noch erlaubt?

  • Physiotherapie-Praxen trotz Corona-Krise geöffnet
  • Therapeuten verzeichnen einen massiven Rückgang an Patientenzahlen
  • Ärztlich verordnete Behandlungen erlaubt, auch ärztlich verschriebene Massagen

Update vom 25. März: Für die Physiotherapeuten in Bassum verändert sich die Situation in der Corona-Krise derzeit mitunter stündlich. Darauf weist Fred Wessels hin, der mittlerweile in seiner Praxis eine Ausfallquote von 90 Prozent beklagt. „Wir werden täglich mit neuen Bestimmungen und Verordnungen versorgt“, berichtet er. Er beschäftige sich aktuell stetig mit der Frage, weiterarbeiten zu können oder nicht.

Unter welchen Auflagen der Betrieb trotz des Coronavirus künftig noch möglich ist, stehe aktuell nicht fest. Dabei stehe Wessels trotz aller wirtschaftlicher Interessen die Gesundheit der Menschen an erster Stelle, betont der Physiotherapeut. Aktuell ruft sein Team deshalb viele Patienten an und legt ihnen nahe, die Therapie in Bassum zu unterbrechen und zu verschieben.

„Notfälle dürfen gerne weiterhin kommen, aber nur mit Verordnung“, betont Wessels am Mittwochvormittag. Privatzahler hingegen werden aktuell nicht behandelt. Und: „Wir sind keine Massagepraxen, die sind geschlossen. Physiotherapeuten arbeiten auch weiterhin in akuten Fällen.“ Erlaubt ist alles, bei dem eine Verordnung eines Arztes, also ein Rezept, vorliegt. Das umfasst auch medizinische Massagen, nicht jedoch Thai- und Wellnessmassagen. (kom)

Originalartikel vom 24. März: „Es gibt Einschränkungen“, erklärt Sylvia Wagner aus Nordwohlde. „Wir behandeln unter gewissen Hygienevoraussetzungen weiter. Dazu zählt das Übliche, wie beispielsweise Hände waschen und die Räume lüften. Das sind Empfehlungen, die uns der Verband gibt.“

Darüber hinaus habe sie ein Schild an ihrer Praxis-Tür, auf dem stehe, dass sie weiterhin für ihre Patienten da sei – aber diese entscheiden müssten, ob sie kommen wollten. Wer Symptome zeige, solle die Praxis nicht betreten und seinen Termin verschieben. „Außerdem führe ich Aufklärungsgespräche mit Patienten, die zur Risikogruppe zählen. Entweder vor der Behandlung in der Praxis, oder ich rufe sie an, bevor ich zu ihnen nach Hause komme“, erklärt Wagner. „Meinen Wirbelsäulen-Gymnastikkurs habe ich bis auf Weiteres eingestellt.“

Absagen wegen Corona: „Patienten haben Angst“

Natürlich habe sie einige Absagen zu verzeichnen: „Die Patienten haben Angst. Diejenigen, die schon lange zu uns kommen, kommen auch weiterhin. Wir sind ja eine kleine Praxis, und einige Leute sagen, dass sie sich in die größeren mit den großen Warteräumen gar nicht mehr trauen.“

Neuanmeldungen habe sie eigentlich gar nicht mehr. Wagner beschäftigt eine Mitarbeiterin, die sie deswegen wohl bald auf Kurzarbeit setzen muss. Hat sie selber Angst, sich zu infizieren? „Nein“, sagt Wagner. „Ich bin gesund und zähle nicht zu den Risikopatienten.“

Fred Wessels, der in Bassum eine Praxis für Physiotherapie und Osteopathie betreibt, schildert einen dramatischen Rückgang bei seinen Patienten: „Etwa 50 Prozent sagen ab. Die, die wirklich eine Behandlung brauchen, kommen. Sie werden aber schriftlich von uns darauf hingewiesen, wie sie sich verhalten sollen. Also, dass sie die Praxis nicht betreten, wenn sie Symptome haben und in Risikogebieten waren.“

„Wenn das so weitergeht, sieht die Zukunft düster aus“

Einige Patienten hätten ihm und seinem Team erzählt, dass die Ärzte keine Rezepte mehr für den Physiotherapeuten ausstellen würden. „Wenn das so weitergeht, sieht die Zukunft düster aus. Ich habe nun beim Jobcenter Kurzarbeit für meine Mitarbeiter beantragt, weil wir sonst nicht lange durchhalten. Ich will Kündigungen unbedingt vermeiden, denn ich habe ein tolles Team von fünf Mitarbeitern und in der heutigen Zeit ist es ohnehin schwer, Personal zu bekommen.“

Zurzeit schaut Wessels auch nach Nachschub für Desinfektionsmittel, obwohl seine Vorräte noch für etwa einen Monat reichen. Doch die Reserven erschöpfen sich schnell, denn „wir desinfizieren jeden Kugelschreiber, jede Türklinke, jede Stuhllehne. Wenn uns das Desinfektionsmittel ausgeht, können wir abschließen. Ich muss schließlich meine Patienten und Mitarbeiter schützen“, erklärt Wessels.

Angst spiele auch bei ihm und seinem Team eine gewisse Rolle. „Wir sind es zwar gewohnt, mit infektiösen Erkrankungen umzugehen. Trotzdem geht man mit einem mulmigen Gefühl zur Arbeit, denn es muss ja nur ein Patient kommen, der infiziert ist.“

Physiotherapeuten haben den Auftrag zu helfen

Auf der anderen Seite hätten er und seine Mitarbeiter auch den Auftrag, den Menschen zu helfen. Dem fühlen sie sich verpflichtet. „Und wir machen ja auch Leute wieder fit, die im Gesundheitswesen arbeiten, und tragen somit dazu bei, dass sie weitermachen können. Darum hoffen wir alle, dass es auch hier weitergeht.“

Auch das Team um Markus Andresen vom Therapiezentrum Lindenmarkt bekommt die Auswirkungen von Corona zu spüren: „Im Moment ist sehr wenig zu tun, über die Hälfte der Patienten bleibt weg. Die Auftragslage geht runter, da die Ärzte keine Rezepte mehr ausstellen. So bleiben die Bücher leer, was für Selbstständige existenzbedrohend ist.“

Andresen hat 13 Mitarbeiter, die ihn bei seiner täglichen Arbeit am und für den Menschen unterstützen. Wie geht es für sie weiter? „Kurzarbeit ist zwar ein Thema, mit dem man sich beschäftigt, das wir aber noch nicht umgesetzt haben“, erklärt Andresen. Die Stimmung im Team sei bisher entspannt. Auch wenn der Gedanke, dass man gerade vielleicht einen Infizierten behandele, immer im Hinterkopf sei. „Man weiß eben nie, was kommt, und wir sind in unserem Beruf eine Risikogruppe“, sagt Andresen.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Diese Zehn Regeln gelten fürs Homeoffice

Diese Zehn Regeln gelten fürs Homeoffice

Wandern durch Värmland auf dem Fryksdalsleden

Wandern durch Värmland auf dem Fryksdalsleden

Corona-Testzentrum öffnet in Zeven

Corona-Testzentrum öffnet in Zeven

Thomas Schäfer ist tot – Sein Leben in Bildern

Thomas Schäfer ist tot – Sein Leben in Bildern

Meistgelesene Artikel

Dennis Webner hat sich der Sportart Schach mit Herz und Seele verschrieben

Dennis Webner hat sich der Sportart Schach mit Herz und Seele verschrieben

Und die Kosten sind zum Weinen

Und die Kosten sind zum Weinen

Zentralklinik des Landkreises: Drei mögliche Standorte aus der Samtgemeinde Barnstorf

Zentralklinik des Landkreises: Drei mögliche Standorte aus der Samtgemeinde Barnstorf

Gut Aiderbichl als letztes Zuhause für Zirkuspferde

Gut Aiderbichl als letztes Zuhause für Zirkuspferde

Kommentare