Christina Ernst ist neue Pastorin in der Twistringer Martin-Luther-Gemeinde

„Bin ein positiver Mensch“

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Christina Ernst ist 32 und seit ihrem vierten Lebensjahr blind.

Twistringen - Von Michael Walter. Die Einrichtung wirkt noch ein bisschen spartanisch. Beinahe entschuldigend weist Christina Ernst auf die kahle Stelle an der Wand hinter sich. „Die Küche kommt erst morgen. Und ich hatte auch noch keine Zeit, irgendwelche Kisten auszupacken“, sagt sie. Seit zwei Wochen wohnt die 32-Jährige als neue Pastorin im Pfarrhaus an der Martin-Luther-Kirche – und hatte vom ersten Tag an gut zu tun. Dabei wird sie erst am 28.Februar ordiniert.

Das auffälligste Merkmal: Christina Ernst ist blind. Als sie vier war, verlor sie durch eine Krankheit die Sehfähigkeit. Trotzdem ist sie als Kind ganz normal zur Schule gegangen – heute würde man von Inklusion sprechen. Sie hat Reiten und Gitarre gelernt und war als Teenager zum Schüleraustausch in Kanada.

Bei Hannover ist sie groß geworden, studiert hat sie in Göttingen und Zürich. Ihren Doktor hat sie in systematischer Theologie gemacht. „Facebook aus theologischer Perspektive war das Thema“, erzählt sie. „Ich hab dabei untersucht, wie sich soziale Beziehungen durch soziale Medien verändern.“ Zum Beispiel? „Dass Kirche nicht mehr nur da ist, wo Leute im Gottesdienst zusammenkommen. Kirche ist da, wo über Glauben gesprochen wird. Die physische Anwesenheit ist dazu nicht erforderlich.“

Seit dem 1. Februar ist Christina Ernst nun in Twistringen. „Zwei Wochen Telefonate mit Handwerkern hab ich schon hinter mir“, sagt sie lachend. Dem Pfarrhaus steht noch ein größerer Umbau bevor. „Da kommt noch einiges auf mich zu.“

In der Stadt hat sie sich schon zu Fuß mit ihrer Trainerin durch Regen und Wind gekämpft, um sich die Wege zu erschließen. „Die Friedhofskapelle und Rewe waren die ersten Stationen dabei“, sagt sie. Zwar hat sie schon ein paar Leute kennen gelernt. Die große Vorstellungsrunde steht ihr aber noch bevor, die sie auch zu ihren katholischen Kollegen führen wird.

Ins Tagesgeschäft war Christina Ernst vom ersten Moment an involviert. „Ich habe 28 Hauptkonfirmanden übernommen, die im April Konfirmation haben“, erzählt sie. „Der Vorstellungsgottesdienst steht quasi vor der Tür.“

Zurecht gekommen ist sie bisher ganz gut in ihrer neuen Umgebung. „Man muss sich ein paar Markierungspunkte schaffen“, sagt die Pastorin. Ihr Vikariat hat sie in Celle absolviert. „Dort habe ich mich in der Kirche immer an den Teppichen orientiert.“

Sie ist sich ziemlich sicher, dass sie im Stadtbild auffällt. „Es kommt hier glaube ich eher selten vor, dass jemand mit dem Blindenstock im Ort rumläuft.“ Unangenehm ist ihr das nicht. „Ich hab auch zu meinen Konfirmanden schon von Anfang an gesagt: Fragt mich einfach ganz direkt, wenn ihr was wissen wollt.“

Christina Ernst sagt über sich selbst: „Ich bin ein positiv eingestellter Mensch und neugierig auf die Leute um mich herum. Und meine negativen Eigenschaften sollen die Leute ruhig selbst herausfinden.“

Der Ordinationsgottesdienst für die neue Twistringer Pastorin am 28. Februar beginnt um 15 Uhr in der MartinLuther-Kirche. Und Christina Ernst freut sich sehr darauf. „Das erste Mal am Altar den Segen als ordinierte Pastorin zu sprechen – das ist DER Moment.“

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