Von Carstens bis Carrell: Stummer Helfer für Stimmen

Nach 52 Jahren hat das Hotel Zur Post ganz besonderen Verstärker ausrangiert

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Hat die Botschaften vieler Prominenter elektronisch verstärkt: (v.l.) Martha, Andree und Roman Meyer mit dem 52 Jahre alten Verstärker. 

Neubruchhausen - Von Anke Seidel. Ohne diesen stummen Helfer hätten sich viele Prominente im Hotel Zur Post nicht wirklich Gehör verschaffen können: Nach 52 Jahren hat die Familie Meyer einen ganz besonderen Verstärker ausrangieren müssen. Er brachte die Stimmen so prominenter Gäste und Referenten wie Rudi Carrell, Karl Carstens, Christian Wulff, Franz Müntefering oder Margot Käßmann zur Geltung. Senior-Chefin Martha Meyer kann sich noch gut erinnern.

„Der ist komisch auf die Welt gekommen“, berichtet die 71-Jährige schmunzelnd über das unscheinbare Gerät, das mehr als ein halbes Jahrhundert im Einsatz war – und erst während des CDU-Parteitags vor wenigen Wochen den sprichwörtlichen Geist aufgegeben hatte.

Erfolgreiche Klönabende

Man schreibt das Jahr 1967. Das Landvolk beginnt, Klönabende anzubieten – mit rasantem Erfolg. „Erst sind ganz wenig Landwirte gekommen, dann aber bis zu 700“, blickt Martha Meyer zurück auf drangvolle Enge im Saal. Landvolk-Chef Heinz Bockhop stellt das Gastwirts-Ehepaar Hermann und Martha Meyer schließlich vor die Wahl. „Entweder wir besorgen einen Verstärker – oder bei uns finden keine Klönabende mehr statt“, erinnert sich die 71-Jährige, „also mussten wir ja so ein Ding haben“.

Da trifft es sich gut, dass sonntags im Gasthaus „Zur Post“ Disco-Time ist – immer von 16 bis 20 Uhr, gestaltet von Jugendlichen aus Twistringen. Sie bieten ihre Hilfe an. Denn ein Verstärker ist damals nicht auf Knopfdruck zu haben. Hermann Meyer muss in Bremen erst einmal Bauteile kaufen, mit denen ein Twistringer den Verstärker bauen soll. Doch das Ergebnis ist enttäuschend: Weil vor Ort ungeklärte Verhältnisse herrschen, nimmt Hermann Meyer die Teile wieder mit. Ihm bleibt nur die Hoffnung, dass ein anderer Jugendlicher sein Versprechen hält und so ein Gerät besorgen kann. Doch bis zum Klönabend bleibt alles offen. „Wir waren alle leichenblass“, erinnert sich Martha Meyer. „Der Saal war schon voll. Und man hatte uns ja gesagt: Ohne Verstärker-Technik ist es der letzte Klönabend...“

In allerletzter Sekunde habe der Jugendliche das Gerät schließlich gebracht, so Martha Meyer: „Das Ding war da. Und es ging auch noch!“ Die Gastwirtin ahnte damals nicht, dass dieser 40-Watt-Verstärker mit zwei Lautsprechern und Ausgängen für drei Mikrofone mehr als ein halbes Jahrhundert Partei- und Wahlveranstaltungen, Kreistags- und Stadtratssitzungen sowie Tagungen und Feste begleiten sollte.

Diese Technik ist bei der Wahl von gleich drei ehrenamtlichen Landräten – Heinz Zurmühlen (1977) Josef Meyer (1986) und Helmut Rahn (1996) im Einsatz – genauso wie bei der Vereidigung der hauptamtlichen Landräte Gerd Stötzel (2001) und Cord Bockhop (2011).

Jahre zuvor hat sie die Botschaft von zwei Bundestagspräsidenten verstärkt. Karl Carstens kommt 1977, kurz nach der Ermordung von Hanns Martin Schleyer, nach Neubruchhausen. „Da war unglaublich viel Polizei zu seinem Schutz“, erinnert sich Martha Meyer.

Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth sei später sogar zweimal zu Gast gewesen, blickt die 71-Jährige zurück – und erinnert sich genauso an den Besuch der damaligen Landesbischöfin Margot Käßmann 2005: „Da habe ich 56 Apfeltorten gebacken.“ Rund 650 Gäste sind zu bewirten, Saal und Nebenräume voller Besucherinnen und Verstärker mit Lautsprechern deshalb besonders wichtig.

Die Anlage überträgt ebenso die Botschaften von fünf niedersächsischen Ministerpräsidenten. Ernst Albrecht referiert im Hotel Zur Post genauso wie Gerhard Schröder, Sigmar Gabriel, Christian Wulff und Stephan Weil.

Franz Müntefering kommt in seiner Zeit als Bundesminister für Arbeit und Soziales Referent nach Neubruchhausen – ebenso wie zwei Jahrzehnte zuvor Constantin von Heereman als Präsident des Deutschen Bauernverbandes. Heiter und komödiantisch geht es zu, als in den 1980er-Jahren Rudi Carrell beim Polizeiball zu Gast ist – und eine Polizeimütze auf die Silberlocken gedrückt bekommt.

An bewegende Momente kann sich Martha Meyer erinnern – und genauso an Schrecksekunden. Wie an den Moment, als während einer Podiumsdiskussion in den 1970er-Jahren ein Bundestagskandidat in Ohnmacht fällt – und um ein Haar von der Bühne gestürzt wäre. Stummer Zeuge: Der Verstärker, der nach Schätzung von Hotelier Andree Meyer bei rund 2 500 Veranstaltungen im Einsatz war – zuletzt bei besagtem CDU-Parteitag. Gemerkt haben dürfte den technischen Ausfall kaum ein Gast. Denn schon seit Jahren hat Andree Meyer technischen Ersatz auf dem Boden gelagert, der schnell zu installieren ist – und jetzt bei allen großen Veranstaltungen die Stimmenübertragung regelt.

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