Städte- und Gemeindebund fordert Besserungen

„Brauchen ein neues Modell für Landärzte“

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Kampagne der Haus- und Fachärzte aus dem Jahr 2015. An der Misere hat sich bis heute nicht viel geändert.

Bassum/Twistringen - Von Janna Silinger. Mit ruhigen, mahnenden Hinweisen auf eine mögliche Unterversorgung mit Hausärzten in Niedersachsen scheint es endgültig vorbei zu sein. „Die Lage ist brenzlig, und das Land muss handeln!“, fordert Thorsten Bullerdiek, Sprecher des Niedersächsischen Städte und Gemeindebundes (NSGB).

Doch ganz Niedersachsen lässt sich nicht über einen Kamm scheren, überall sind die Kommunen mit anderen Herausforderungen konfrontiert. Bassum und Twistringen etwa geht es zur Zeit gut, doch in zwei oder drei Jahren könnte das anders aussehen.

Bullerdiek verweist in einer Pressemitteilung auf das größte Problem der drohenden Unterversorgung: Zahlreiche Mediziner gehen bis 2030 in den Ruhestand. Das trifft auch auf die Region zu. Der Versorgungsgrad mit Hausärzten in Bassum und Twistringen (zu dem Bereich gehören außerdem Syke und Bruchhausen-Vilsen) liegt derzeit bei 89 Prozent. Diese Bewertung sei allerdings nur noch maximal zwei Jahre lang gültig.

Von den acht Ärzten, die in Bassum arbeiten, sind drei älter als 63, von den acht die in Twistringen sitzen, sind es zweieinhalb – einer der Ärzte arbeitet in Teilzeit. Sollten diese Stellen nicht neu besetzt werden, würde der Versorgungsgrad in Bassum und Twistringen auf 60 Prozent abfallen. „Bei 75 Prozent sprechen wir schon von einer Unterversorgung, das wäre dann also zu wenig“, berichtet Michael Schmitz, Geschäftsführer der Kassenärztlichen Vereinigung (KVN) Verden, die für die Region zuständig ist.

„Schwierig, junge Bewerber zu motivieren“

„Es ist einfach schwierig, junge Absolventen zu motivieren, sich im ländlichen Bereich niederzulassen“, berichtet Schmitz weiter. Im Norden des Landkreises, der zum Speckgürtel Bremens gehört, sehe die Situation entspannter aus, weil dort die Großstadt zumindest in unmittelbarer Nähe liege.

Schmitz betont die Arbeit, die die KVN, aber auch der NSGB in die Generierung junger Nachwuchsärzte steckt – und zwar schon seit über zehn Jahren. Methoden, um junge Ärzte für eine Anstellung auf dem Land zu gewinnen, sind zahlreich. In der Regel gehöre dazu eine bessere Vergütung. „Das ist eine politische Forderung. Die Grundstruktur der Honorare muss auf Bundesebene verhandelt werden“, fordert Schmitz. Von dieser aber würden natürlich nicht nur Bassum und Twistringen profitieren.

Mit gezielter Werbung treten die Kommunen Nordrhein-Westfalens an Studenten heran. Dort werden in Zukunft 7,6 Prozent der Studienplätze an Personen vergeben, die sich verpflichten, zehn Jahre lang als Hausarzt auf dem Land zu arbeiten.

„NRW als Beispiel“

„Auf jeden Fall sollte sich Niedersachsen die Landarztinitiative in Nordrhein-Westfalen als Beispiel nehmen“, erklärt Thorsten Bullerdiek. Niedersachsen beobachte nun, wie die Quote dort ankommt. Dem NSGB reicht das nicht. Es bestehe Handlungsbedarf. Denn selbst wenn eine Quote in Kraft trete, dauere es noch viele Jahre, bis Studierende, die jetzt im ersten Semester sind, Landärzte würden.

Im Landkreis gibt es bereits ein Projekt, im Rahmen dessen Studenten einen Zuschuss von 300 Euro monatlich und 50 bis 150 Euro erhalten. Sie müssen sich allerdings verpflichten, später dort zu arbeiten.

Blickt man zwei bis drei Jahre in die Zukunft, reiche das oft aus, um eine geregelte Praxisnachfolge zu erreichen, erklärt Schmitz.

Geld alleine reicht nicht mehr

Doch Geld allein wird bald nicht mehr genügen, um Ärzte für ein Engagement auf dem Land zu gewinnen, meint Dr. Hans-Joachim Böhringer aus Bassum. Er hält die Pläne für Quatsch. Es gehe den jungen Menschen nicht um das Geld, sondern um ihre Zeit. „Als Arzt verdient man genug. Wir brauchen ein neues Modell für Landärzte“, sagt er. Darin müsse die Bereitschaftsdienstzeit anders geregelt sein. Es sei ein Manko, dass Landärzte ständig bereitstehen müssten, gerade bei dünner Besetzung. Es müsse für einen Hausarzt möglich sein, den Bereitschaftsdienst auch ablehnen zu können.

Die jüngere Generation arbeite außerdem, das zeigen Erfahrungen, lieber in Gemeinschaftspraxen. Dazu komme der Wunsch nach flexibleren Arbeitszeiten.

Es bleibt also viel zu tun, damit Ärzte und Patienten auch in Zukunft zeitnah zueinanderfinden. „Aber irgendwie kriegen wir das hin“, ist sich Schmitz sicher.

Auch Böhringer betont, dass sie Situation in Bassum nicht dramatisch sei. Würde man derzeit von Ärztemangel sprechen, wäre das ein „Jammern auf hohem Niveau“.

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