Zusammenlegung der Versorgungsbezirke?

Bereitschaftsdienst im Landkreis Diepholz: Hausärzte am Limit

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Mediziner im hausärztlichen Bereitschaftsdienst kümmern sich außerhalb der Praxen-Öffnungszeiten und auch nachts um Menschen mit gesundheitlichen Problemen.

Bassum/Sulingen - Von Anke Seidel. Die Hausärzte in der Region arbeiten im Bereitschaftsdienst am absoluten Limit. Im Bezirk Sulingen ist die festgesetzte Grenze von vier Bereitschaftsdiensten pro Quartal bereits überschritten – und im Bereich Bassum erreicht.

Deshalb ist die Zusammenlegung der hausärztlichen Bereitschaftsbereiche zurzeit in der Diskussion: ein ebenso sensibles wie schwieriges Thema, das im Mittelpunkt einer internen Zusammenkunft der Hausärzte aus den beiden Bereichen mit der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) stand.

Das bestätigte Ralf Meier als KV-Geschäftsbereichsleiter Vertragsärztliche Versorgung auf Anfrage dieser Zeitung. „Es ist ein ergebnisoffener Prozess“, betonte er. Nach dem internen Meinungsaustausch mit den Hausärzten sollen demnach Ideen und Vorschläge zu Papier gebracht und reflektiert werden, bevor Anfang des Jahres ein neues Treffen erfolgt.

Große Probleme in Sulingen

Besonders akut ist die Situation im Bereich Sulingen. Dort liegt der hausärztliche Versorgungsgrad bei 88,4 Prozent. Für die 44.770 Einwohner auf einer Fläche von rund 720 Quadratkilometern stehen für den hausärztlichen Bereitschaftsdienst knapp 30 Ärzte zur Verfügung. 121 Dienste müssen sie pro Quartal abdecken – also außerhalb ihrer Praxiszeiten und auch nachts. 

Rechnerisch leistet jeder Arzt 4,1 solcher Dienste pro Quartal – und damit mehr, als die Bereitschaftsdienstverordnung vorsieht. Das niedersächsische Ärzte-Parlament habe sie selbst beschlossen, fügt Meier hinzu.

Was diese Belastung praktisch bedeutet, erklärt der KV-Geschäftsbereichsleiter am Beispiel: „Wer sonntags von 22 Uhr bis montags 7 Uhr Dienst hat, macht um 8 Uhr seine Praxis wieder auf.“

Ähnlich hoch ist die Belastung im hausärztlichen Bereitschaftsdienst Bassum: Mit rechnerisch vier Diensten pro Arzt und Quartal ist die Grenze erreicht. Dort stehen für 50.700 Einwohner auf einer Fläche von 657 Quadratkilometern 43 Mediziner zur Verfügung, die pro Quartal 175 Bereitschaftsdienste abdecken.

Zwei Zusammenschluss-Modelle in der Diskussion

So unterschiedlich wie Einwohnerzahlen, Fläche, Struktur und Patientennachfrage ist der hausärztliche Bereitschaftsdienst in diesen Bereichen organisiert. Beide bieten in ihren Zentralen (den Kliniken in Sulingen und Bassum) in den Abendstunden und am Wochenende Sprechstunden an und beide leisten Fahrdienste, aber in unterschiedlichen, den Anforderungen angepassten Strukturen.

Nach unbestätigten Informationen dieser Zeitung sind zwei Zusammenschluss-Modelle in der Diskussion: Bei einem würden 65 Ärzte auf einer Fläche von etwa 1 200 Quadratkilometern knapp 85.000 Einwohner versorgen – auch im Bereich Steyerberg im Landkreis Nienburg. Jeder Mediziner würde rechnerisch 2,7 Bereitschaftsdienste pro Quartal leisten müssen.

Der zweite Zuschnitts-Vorschlag – ohne den Bereich Steyerberg – geht von einer Fläche von knapp 1 000 Quadratkilometern und 73.400 Einwohnern aus, die von 60 Medizinern versorgt würden – was 2,9 Bereitschaftsdienste pro Arzt und Quartal bedeuten würde.

„Müssen den Mangel verwalten“

Für Ralf Meier ist die Situation insgesamt unbefriedigend. Ausdrücklich betont er: „Es geht hier nicht darum, Geld einzusparen!“ Es gebe nicht genug Ärzte: „Wir müssen den Mangel verwalten!“

Deshalb müssten intelligente Lösungen gefunden werden und – sollte es zu einem Zusammenschluss der beiden Bezirke kommen – die Bereitschaftskräfte möglichst wenig Zeit auf der Straße und möglichst viel Zeit beim Patienten verbringen können.

Grundsätzlich, so bestätigte Meier, können sich Ärzte im Bereitschaftsdienst von einem Kollegen vertreten lassen. Sie müssen diese Kraft, wie auch bei der Urlaubsvertretung, selbst bezahlen. Bundesweit bieten Mediziner mittlerweile solche Vertretungsdienste an. 

„Aber davon gibt es zu wenig“, sagt Meier. Dementsprechend ließen sie sich ihre Leistung bezahlen. Will heißen: Unter dem Strich kosten die Vertretungskräfte einen Mediziner oft mehr, als er im Bereitschaftsdienst verdient.

Neue Ärzte braucht das Land - Ein Kommentar von Anke Seidel

Es gibt zu wenig Ärzte – die Schmerzgrenze ist mehr als erreicht, wenn die festgesetzten Zahlen für den hausärztlichen Bereitschaftsdienst pro Mediziner bereits überschritten sind. Zwei Einzugsbereiche zusammenzulegen, um noch die allerletzten Möglichkeiten auszuschöpfen, ist ein schwieriges Thema. Denn es geht um Menschen – und Menschenleben.

Anke Seidel

Doch welche Lösungsmöglichkeiten gibt es, wenn es zu wenig Mediziner gibt? Die Grenzen lockern und die Ärzte noch mehr Bereitschaftsdienste schultern lassen? Das kann es nicht sein! Denn schon heute leisten sie zum Teil 23-Stunden-Dienste. Hand aufs Herz, liebe Patienten: Wer möchte sich von einem ausgelaugten Arzt behandeln lassen? 

Ganz zu schweigen davon, dass solche Mehrbelastungen doch genau die Kräfte vertreiben würden, die uns so dringend fehlen: Neue Ärzte braucht das Land. Deshalb muss das Landarzt-Leben dringend attraktiver werden. Medizin-Studenten zu fördern und sie dafür aufs Land zu verpflichten, ist ganz sicher ein Ansatz. Aber das reicht bei Weitem nicht. 

Denn die wirklichen Probleme liegen woanders. In der wachsenden Bürokratie und der ausufernden Dokumentationspflicht zum Beispiel, die Ärzte immer wieder beklagen. Das zu ändern, daran sollten alle beteiligten Institutionen und die Politik gemeinsam und lösungsorientiert arbeiten. Wenn es um Entlastung für Mediziner geht, darf es keine Denkverbote geben – bis der Arzt kommt.

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